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SACER SANGUIS II - Die Rückkehr
Kapitel 02


Geheimlabor:

„Ihre Auftraggeber werden zufrieden sein mit unserer Arbeit, Mr. Shahid.“

„Das hoffe ich um Ihretwillen, Dr. Qian“, bemerkte der etwa einen Meter sechzig große Shahid. Die beiden Männer näherten sich einer riesigen schwarzen Panzertür mit einem elektronischen Zahlenschloss.

Auf die Tür war mit leuchtend orange-roter Farbe ein Symbol aufgemalt. Bei schneller Betrachtung wirkte es wie ein Dreieck aus Kreisen, das von jeder Seite gleich aussah. Im Inneren des Symbols war ein kleinerer Kreis. Aus der Mitte dieses zentralen Kreises bildeten drei sichelartige Elemente weitere Kreise, deren Außenseiten jedoch nicht geschlossen waren. Darunter stand in großen Buchstaben Biohazard Level 4.

Die beiden Männer betraten einen kleinen Raum vor der Panzertür, wo weiße und blaue Schutzanzüge an der Wand hingen. „Der hier dürfte Ihre Größe haben“, empfahl der Doktor und reichte dem klein gewachsenen Shahid einen blauen Anzug.

„Wofür sind die weißen Anzüge?“, wollte Shahid wissen.

„Die brauchen Sie nur, um Zutritt zur Forschungsabteilung für hämorrhagisches Fieber zu erhalten.“

„Klingt spannend“, entgegnete Shahid und griff nach einem weißen Anzug.

„Italienische Maßanfertigung?“, fragte Qian, als er sah, wie Shahid seine braunen Lederschuhe auszog.

„Diese Schuhe von der Stange ruinieren einem doch nur die Füße!“, entgegnete Shahid und zog die weißen Laborstiefel an.

„Bitte treten Sie etwas zurück“, warnte der Doktor, als er den Zugangscode für die Panzertür eintippte. Die schwere Tür setzte sich mit einem leichten Ruck in Bewegung und Shahid hörte, wie Luft in den Spalt gesaugt wurde. „Unterdruck?“, fragte er.

„Eine zusätzliche Sicherheitsmaßnahme“, antwortete Dr. Qian.

Die beiden betraten einen Raum, der etwa drei Meter lang und vier Meter breit war. Vor ihnen befand sich eine weitere Panzertür, deren Tastenfeld für die Codeeingabe unbeleuchtet war. Langsam schloss sich die erste Tür hinter ihnen und rastete mit einem tiefen Grollen ein. Erst jetzt aktivierte sich die Beleuchtung des Codeschlosses der zweiten Tür, und Qian tippte seinen Zugangscode ein. Die zweite Panzertür glitt zur Seite und gab den Zugang zum Labor frei.

Der riesige Raum war in grünes Licht getaucht. Einige Leute in Schutzanzügen arbeiteten an Mikroskopen und anderen medizinischen Geräten. „Hier entlang, bitte“, gab Qian den Weg vor. Sie gingen an mehreren großen Maschinen vorbei, die Shahid wie überdimensionierte Kühlschränke erschienen. Die Maschinen bildeten einen langen Gang, an dessen Ende ein mobiler Operationstisch aufgebaut war. Auf dem Tisch lag ein etwa 30-jähriger dunkelhäutiger Mann. Seine Arme und Beine waren an den Tisch gekettet. Seinen Mund hielt ein Knebel weit geöffnet.

Neben dem Tisch standen zwei Frauen in blauen Schutzanzügen. „Das ist er?“, fragte Shahid und zeigte auf den am Tisch liegenden Mann, dessen Augen ihn voller Angst anstarrten. Dr. Qian nickte.

„Sagten Sie nicht, er wäre...“

„Jünger?“, fiel ihm Qian fragend ins Wort. „Wie ich Ihnen schon versicherte, Ihre Auftraggeber werden zufrieden sein.“

Qian ging zu einem Regal aus glänzendem Edelstahl und öffnete eine Lade. Andächtig holte er ein Skalpell heraus und hielt es prüfend gegen das Licht des OP-Scheinwerfers. Danach gab er einer der Frauen ein Zeichen, die daraufhin eine Flasche mit Jod und einige kleine Tücher zum Operationstisch brachte.

„Reinigen“, befahl Dr. Qian und deutete auf den Bauch des gefesselten Mannes. Sorgfältig betupfte die Frau die Stelle mit Jod. „Das reicht“, stoppte sie Qian und prüfte mit seiner Hand die Stelle für den Einschnitt. Der Mann auf dem Tisch zuckte verängstigt zurück, als Qian ihn berührte, musste sich aber wehrlos seinem Schicksal fügen.

Qian setzte das Skalpell an und begann langsam die Bauchdecke zu öffnen. Blut trat aus der Wunde. Zentimeter für Zentimeter durchschnitt Qian die Bauchmuskulatur und immer mehr Blut floss seitlich am Körper des jungen Mannes herunter.

Der geknebelte Mann auf dem Tisch versuchte aus vollem Hals loszuschreien, konnte aber außer einem jämmerlichen Gestöhne nichts hervorbringen. Sein Gesicht war schmerzverzerrt und in seinen entsetzten Augen bildeten sich Tränen.

Flehend starrte er die Frau an, die neben dem Tisch stand. Sie schaute ihn einige Sekunden regungslos an, dann wischte sie wortlos mit ihrer Hand die Tränen aus seinen Augen.

Dr. Qian hatte die Bauchdecke bereits mit zwei Metallklammern aufgespreizt. Durch ein Loch konnte Shahid auf die Gedärme blicken. „Ist dahinter schon die Wirbelsäule?“, fragte er. Qian nickte und fuhr mit dem Skalpell in das faustgroße Loch. Er setzte zu einem Schnitt an. Der gefesselte Körper bäumte sich auf unter dem Druck des Skalpells.

Die zweite Frau eilte zum Tisch, um das Becken des Mannes niederzuhalten. Der Doktor musste den Schnitt erneut ansetzen. Wieder versuchte sich der Mann aufzubäumen, doch die Frau drückte ihn mit ganzer Kraft nieder.

„Geschafft!“, freute sich Qian und zog ein kleines blutiges Stück Fleisch hervor.

Eine der Frauen entfernte die Klammern aus der Wunde und die Bauchdecke fiel zusammen. Sie deutete auf ein stählernes Tablett mit mehreren chirurgischen Nadeln und blickte zu Qian. Er nickte und wandte sich Shahid zu. „Kommen Sie“, zeigte er mit der Hand auf ein blaues Gerät.

Kurz darauf hobelte eine Maschine hauchdünne Scheiben von dem Fleischfetzen, den Dr. Qian dem Mann entnommen hatte. Er befestigte eine der Scheiben auf einem Objektträger und legte ihn unter ein großes Mikroskop. Auf dem Monitor darüber sah Shahid nur einen unscharfen Fleck. Qian nahm auf der Tastatur des Mikroskops mehrere Einstellungen vor, und das Bild wurde schärfer.

„Das ist sie!“, rief Qian schließlich aus.

Shahid blickte auf einen grauen warzigen Kreis, dessen Oberfläche von mehreren Narben in kleinere Segmente unterteilt wurde. Die einzelnen Segmente hatten asymmetrische, wabenähnliche Strukturen. „Das ist was?“, fragte Shahid.

„Warten Sie einen Moment.“

Geduldig blickte Shahid auf den grauen Kreis, der sich mit einem Mal entlang der vernarbten Linie zu teilen begann.

„Gesteuerte Evolution, Mr. Shahid. Damit ist es uns möglich, die Zellen schneller und gezielt zu vermehren.“

„Und das bedeutet?“, fragte Shahid.

„Die Zellen im Körper haben unterschiedlichste Funktionen, doch nur die wenigsten von ihnen können sich regenerieren. Wenn unsere Haut verletzt wird, bilden sich rasch neue Hautzellen und die Wunde verschließt sich. Ein abgetrennter Arm wird einem Menschen aber nicht mehr nachwachsen.“

Qian ergänzte: „Wir wissen, dass die Natur einen Schutzmechanismus in komplexe Organismen eingepflanzt hat, der die Regenerationsfähigkeit der Zellen blockiert. Damit wird sichergestellt, dass komplizierte Strukturen wie ein Arm oder Nervenstränge im Rückenmark nicht nachwachsen können. Die Möglichkeit einer Missbildung wäre einfach zu groß.“

Der Doktor ging zu einem kleinen Aquarium, in dem sich zwei Salamander befanden. Er griff hinein und holte eines der beiden Tiere heraus. „Beachten Sie seine Beine, Mr. Shahid, wir haben diesem Tier die Gliedmaßen abgetrennt, und sie sind einfach wieder nachgewachsen.“

„Aber Sie sagten doch gerade...“

Qian unterbrach ihn. „Dieser Salamander ist in der Lage, die Regenerations-Blocker zu umgehen. Er kann seine Nervenzellen in nahezu jede spezialisierte Zelle umwandeln. Damit ist es ihm möglich, selbst innere Organe einfach nachwachsen zu lassen.“ Shahid schien Qian nicht folgen zu können.

„Er hat einen fast unbegrenzten Vorrat an Nervenzellen. Benötigt er einen neuen Knochen, so wandeln sich die Nervenzellen in Knochenzellen um und bilden ein neues Bein. Entfernen Sie ihm ein Auge, so beginnen seine Nervenzellen ein neues zu bilden.“

Shahid begann zu begreifen.

„Leider ist es bisher nicht gelungen, diese Regenerations-Blocker auch beim Menschen auszuschalten. Es gibt allerdings Zellen im menschlichen Körper, die sich trotz aktivierter Blocker vermehren. Krebszellen sind dafür bekannt, dass sie unkontrolliert wachsen und sich dabei mit einer unglaublichen Geschwindigkeit reproduzieren. Krebszellen verlieren aber die Fähigkeit, ihre eigentliche Aufgabe zu erfüllen. Diese Entartung der Zellen führt zu Tumoren. Meinen Wissenschaftern ist es gelungen, die Aggressivität einer Krebszelle mit der Funktion einer gesunden Zelle zu paaren. Unsere A-Zellen unterlaufen die körpereigenen Blocker und beginnen unverzüglich mit der Bildung neuer Zellen.“

„A-Zellen?“, fragte Shahid.

Qian seufzte. „Eine Hommage an die gute alte Zeit. Das A steht für arisch. Die A-Zellen steuern die Evolution. Jede neu entstandene Zelle wird von den Nachbarzellen überprüft und im Falle einer Missbildung von ihnen eliminiert. Aus Millionen von Zellen bleiben nur jene, die den Vorgaben der arischen Zellen exakt entsprechen. Nur diese ausgesuchten Zellen können sich dann weitervermehren und neue A-Zellen bilden. Durch die hohe Wachstumsrate der A-Zellen reicht es aus, wenn zu Beginn nur eine Hand voll arischer Zellen in einer Nährlösung mit Millionen anderer Zellen schwimmt. Binnen weniger Stunden vernichten die A-Zellen jedes unvollkommene Zellmaterial und produzieren weitere A-Zellen.“

Qian ging zurück zum Monitor des Mikroskops. Die beiden ursprünglichen grauen Kreise hatten sich bereits viele Male geteilt. Shahid konnte sehen, wie einige dunklere Kreise andere Kreise angriffen und begannen sie aufzufressen. „Wirklich beeindruckend, Dr. Qian“, gratulierte Shahid.

Der Doktor entfernte den Objektträger und entgegnete: „Ich sagte ja bereits, dass Ihre Auftraggeber zufrieden sein werden.“

„Wie schnell haben Sie ihn fertig?“, fragte Shahid, dessen Augen durch die Ausführungen des Doktors zu glänzen begonnen hatten. „Bringen Sie mir seine Zellen, und Sie haben ihn sechs Monate später zu Ihrer Verfügung.“

„Ausgezeichnet“, entgegnete Shahid.

„Und was machen wir mit ihm?“ Shahid zeigte auf den Mann am Operationstisch.

„Unser Proband hat noch eine kleine Aufgabe zu erfüllen, Mr. Shahid. Bitte folgen Sie mir.“ Sie betraten ein unbeleuchtetes Zimmer, in dem riesige Glasbehälter standen. Shahid konnte zunächst nicht erkennen, wofür sie gedacht waren. Qian drückte auf einen Schalter und Shahid sah, dass es sich um Biotanks handelte. Sie waren fast alle gefüllt mit einer transparenten grünlichen Flüssigkeit. Viele der Behälter enthielten menschliche Körperteile, die an Kabel und Schläuche angeschlossen waren.

In dem Behälter rechts neben Shahid schwebte ein Frauenkörper in der grünen Flüssigkeit. Die Beine der Frau waren mit einem glatten Schnitt abgetrennt worden.

„An ihren Beinen arbeiten meine Kollegen noch“, scherzte Dr. Qian, als er Shahids Interesse an der Frau bemerkte. „Hier entlang, bitte“, drängte er Shahid weiterzugehen.

Sie durchschritten zwei weitere Zimmer und kamen zu einer Luftschleuse. Qian blieb stehen und drehte sich um. Shahid merkte, dass ihnen die beiden Frauen mit dem mobilen Operationstisch gefolgt waren. „Da ist ja unser Patient!“, rief der Doktor aus und blickte auf den ohnmächtigen Körper, der vor ihm lag. Seine Wunde war bereits sorgfältig vernäht worden. „Danke, Sie können gehen“, meinte Qian zu den beiden Frauen. Qian schob den Tisch in die Luftschleuse und forderte Shahid neuerlich auf, ihm zu folgen. „Keine Sorge, Mr. Shahid, wir haben ja weiße Anzüge.“ Er zeigte auf ein Schild, das mit Symbolen darauf hinwies, den hinter der Luftschleuse liegenden Raum nur mit weißen Schutzanzügen zu betreten.

Der Raum war sehr klein und bot gerade genug Platz für den mobilen Operationstisch und die beiden Männer. Auf einem kleinen Regal standen drei silberfarbene Zylinder, die alle das Biohazard-Zeichen vom Eingang trugen. „Bitte wählen Sie, Mr. Shahid.“ Shahid betrachtete sorgfältig die für ihn gleich aussehenden Zylinder und zeigte dann auf den linken. „Eine ausgezeichnete Wahl, Mr. Shahid. Wir haben es für die US-Armee entwickelt, es hat noch keinen Namen. Genau wie er.“ Der Doktor zeigte mit dem Finger auf den Körper, der noch immer regungslos auf dem Operationstisch lag.

Der Doktor begann den Zylinder an einem Ende langsam aufzuschrauben und holte eine deutlich kleinere Glasröhre heraus. Ein feines weißes Pulver wurde darin aufbewahrt. Vorsichtig öffnete Qian den Schraubverschluss der Glasröhre und führte einen kleinen Spatel ein, um etwas Pulver zu entnehmen.

Er streute es auf eine der Handflächen des immer noch regungslosen Mannes und verschloss das Glasrohr wieder sehr säuberlich.

„Den braucht er jetzt nicht mehr“, entfernte er den Knebel. Der Mann auf dem Operationstisch begann schwer zu atmen. Ungerührt verstaute der Doktor das Glasrohr wieder in dem silbernen Zylinder. Danach blickte er auf die Uhr.

Der Mann auf dem Tisch begann leise zu husten und kam wieder zu Bewusstsein. Binnen weniger Sekunden wurde sein Husten stärker. Shahid sah, wie die Bauchdecke des Mannes durch den Husten gedehnt wurde und aus der frisch vernähten Wunde wieder Blut trat.

Der Mann kämpfte, den Hustenreiz zu unterdrücken und schlug wild mit dem Kopf hin und her. Immer weiter dehnte sich die Wunde unter dem Druck und begann bereits an einigen Stellen aufzureißen. Der Husten brachte einen blutigen, zähen Schleim zum Vorschein, während sein Körper wild zuckte.

Nach einigen Augenblicken wurde der Husten deutlich schwächer. Langsam entwich das Leben aus dem gequälten Körper. Seine Muskeln hörten auf zu zucken, und seine blutunterlaufenen Augen blickten starr an die Decke.

„Wirklich beeindruckend“, stellte Shahid fest.

„Es wird durch die Haut aufgenommen, tötet und zersetzt sich danach“, lobte der Doktor seinen Wirkstoff. „Im Blut ist schon nach wenigen Stunden nichts mehr davon nachweisbar.“

Shahid nickte zustimmend.

„Ich lasse Ihnen gern etwas davon einpacken“, bot der Doktor ihm an. Shahids Mundwinkel hoben sich erfreut. Dr. Qian ging zu der Sprechanlage an der Wand und drückte den Knopf. „Wir sind hier fertig, bringen Sie ihn zu den anderen.“