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SACER SANGUIS II - Die Rückkehr
Kapitel 03


London:

Es war ein später Abend im Juli, an dem „Goliath und sein David“, wie sie Ms. Furgerson liebevoll nannte, die Runde begannen. Sie machten nahezu jeden Abend einen gemeinsamen Spaziergang im Süden Londons, wenn das Wetter es zuließ. An den zunächst witzig anmutenden Anblick dieses ungleichen Duos hatten sich längst alle Nachbarn gewöhnt. David grüßte Ms. Furgerson freundlich und folgte Goliath, der den Weg schon auswendig zu kennen schien. Die Strecke bis zum Park verlief ereignislos wie immer.

Beim Betreten des Parks fiel David auf, dass die ansonsten ohnehin spärliche Beleuchtung diesmal gänzlich fehlte. Vollmond, dachte David. Wie praktisch, dass der Strom gerade heute ausgefallen ist. Immer wieder blieben sie stehen, wenn eine Wolke den Mond zur Gänze verdeckte und die Dunkelheit sie einhüllte. „Erinnert mich an die letzte Mondfinsternis“, sagte David lachend zu seinem Begleiter, dessen Zug er an der Leine zwar verspürte, aber dessen Umrisse gänzlich von der Nacht verschluckt wurden. Ein undefinierbares Knacksen ließ David erschrecken. „Hallo, ist da jemand?“, fragte er, ohne zu wissen, aus welcher Richtung er eine Antwort zu erwarten hätte. Stille. Während David versuchte, mit weit geöffneten Augen etwas zu erkennen, hoffte er darauf, dass die Wolke den Mond endlich freigab. Besorgt um Goliath, der wegen seiner Größe ein leichtes Ziel für streunende Hunde war, bückte er sich, um ihn hochzuheben. „Keine Angst, mein Riese“, hauchte er in Goliaths Ohr, als er ihn an sich drückte.

Er wollte Goliath bereits wieder absetzen, als David erneut ein Geräusch vernahm. „Hast du das auch gehört?“, flüsterte er. David meinte, dem zweiten Geräusch Schritte zuordnen zu können. „Hallo?“, rief er erneut in die Finsternis - keine Antwort. „Sind Sie auch gekommen, um die Mondfinsternis zu betrachten?“ Dass er seinen Humor nicht verloren hatte, beruhigte ihn angesichts der Tatsache, dass die Schritte unaufhörlich näher kamen. Erst jetzt bemerkte David, dass sie aus zwei verschiedenen Richtungen kamen. Er drehte sich instinktiv nach rechts, da die Schritte hier schon näher klangen. In diesem Moment gab die Wolke für einen Augenblick Teile des Monds frei, und David konnte schemenhaft Umrisse einer Gestalt erkennen, die sich ihm aus etwa zehn Metern näherte. „Mein Name ist David Wilder, ich gehe hier mit Goliath spazieren und hoffe, wir haben Sie nicht erschreckt“, äußerte sich David in Richtung der Stelle, wo tiefe Schwärze längst wieder jede Sicht genommen hatte.

„Mr. Wilder?“

David drehte sich in die Richtung um, aus der er die vertraute Stimme von Mr. Grumble vernahm.

„Mr. Wilder, sind Sie das?“

„Ja!“, antwortete David kurz.

„Bin ich froh, Sie zu hören, Mr. Wilder, das Licht ist ausgefallen, als ich im Park spazieren ging!“, rief Mr. Grumble ihm zu. In diesem Moment erbarmte sich die Wolke und gab den Mond wieder vollständig frei. „Sieht so aus, als hätten wir jetzt wieder Licht“, bemerkte David, als fast gleichzeitig auch die Parkbeleuchtung anging.

„In der Tat, Sie sind es!“ Mr. Grumble musterte den einen Meter achtzig großen, immer leger gekleideten David Wilder. Auch wenn sich erste Geheimratsecken auf Davids kurz geschnittenem, dunkelblondem Haupt abzeichneten, für Grumble, der schon Davids Großvater gekannt hatte, würde er immer der junge Mr. Wilder bleiben.

Grumble reichte David die Hand, der, so wie er, heilfroh war, ein vertrautes Gesicht nach seiner Wanderung in der Dunkelheit zu treffen. David setzte Goliath auf den Boden und schüttelte Grumble die Hand: „Guten Abend, Admiral.“ Grumble hatte bis zu seiner Pensionierung bei der Marine gedient und eine Menge Orden angesammelt, von denen er bei jeder Gelegenheit erzählte.

„Ihr Begleiter scheint eine Nachricht für Sie zu haben“, scherzte Grumble und zeigte hinter David. Jetzt erst erinnerte sich David an die Gestalt hinter ihm und drehte sich um. „Da unten“, bestätigte Grumble und zeigte auf Goliath, während David mit seinen Augen die Gegend nach jener unbekannten Gestalt absuchte, die sich ihm zuvor genähert hatte.

„Er ist weg!“, rief David überrascht aus.

„Weg?“, zeigte sich Grumble verdutzt und deutete abermals mit dem Finger auf Goliath. „Aber da sitzt er doch.“

Erst jetzt erkannte David, was er meinte und bückte sich, um den kleinen Zettel aufzuheben, dessen Ecke Goliath gerade mit seinen Zähnen bearbeitete. David erkannte, dass auf dem Zettel etwas von Hand geschrieben stand, doch das Licht reichte nicht aus, um es lesen zu können.

„Ich mache mich auf den Heimweg“, verabschiedete sich der Admiral und streckte seine Hand salutierend zur Stirn.

„Leben Sie wohl, Admiral“, kommentierte David sein eigenes Salutieren und sah dem Admiral hinterher.

„Du hast ihn doch auch gesehen“, meinte er zu Goliath, der sich auf die Hinterbeine stellte, um an den Zettel in Davids Hand zu gelangen. David schüttelte den Kopf. „Wie oft habe ich dir schon gesagt, wir knabbern nichts an, was andere wegwerfen oder noch verwenden.“ David suchte den nächsten Papierkorb, um das Papier dort zu deponieren. „Kein Wunder, dass die Leute alles einfach fallen lassen, wenn es hier nirgends Mülleimer gibt.“

Unter der letzten Lampe, die schon beim Ausgang des Parks montiert war, fand er, wonach er suchte. Als er den Zettel schon über dem Papierkorb loslassen wollte, konnte er lesen, was darauf stand. David zuckte zusammen, lange starrte er fassungslos auf die Zeilen. „Das kann kein Zufall sein“, murmelte er. „Die meinen mich.“ David steckte den Zettel in seine Brieftasche und machte sich mit Goliath auf den Heimweg.