Agententhriller, Krimi, Bestseller, Buch Wien, Naturhistorisches Museum

SACER SANGUIS II - Die Rückkehr
Kapitel 05


London, Flughafen:

„Was meinen Sie mit der Flieger ist überbucht?“, fragte Natascha die Dame am Schalter des Flughafens.

„Es ist schon sehr kurz vor dem Abflug, weshalb wir bereits Plätze an die Passagiere auf der Warteliste vergeben haben. Sie sollten wenigstens eine Stunde vor Abflug einchecken.“

Das war eindeutig nicht die Antwort, die Natascha hören wollte. „Hören Sie“, erzürnte sich Natascha, „mein Mann und ich verbringen seit sieben Jahren unseren Hochzeitstag in Wien, wo wir geheiratet haben. Wir fliegen immer mit Ihrer Airline und hatten noch nie derartige Probleme.“

„Ich versichere Ihnen, mein Möglichstes zu tun“, erwiderte die Dame am Schalter mit freundlicher Stimme. Sie begann auf der Tastatur ihres Terminals herumzudrücken. „Wir hätten da noch zwei Plätze, die allerdings nicht nebeneinander sind.“

Noch bevor Natascha ihre Antwort formulieren konnte, bestätigte David: „Die nehmen wir, herzlichen Dank.“ David brauchte Natascha nicht anzusehen, um zu wissen, welchen Blick sie ihm gerade zuwarf. Er bückte sich rasch nach dem Ungetüm von Koffer, das in seinen Augen ausgereicht hätte, um eine Großfamilie auf Weltreise zu begleiten. Beim Anheben spürte er einen leichten Stich im Kreuz und hielt kurz inne.

„Schon wieder dein Kreuz?“, fragte Natascha und griff unterstützend nach dem Koffer.

„Ja“, seufzte David. „Das Übliche.“

Davids Platz befand sich im hinteren Teil der Maschine neben einem kleinen Mädchen, das direkt am Fenster saß. Ihre hellbraunen Haare waren an beiden Seiten zu Zöpfen geflochten, an deren Ende eine rote und eine gelbe Haarspange klemmte. „Hallo, junge Dame, reist du alleine?“, fragte David ungläubig, als er seinen Laptop in einem freien Fach verstaute.

„Ja! Und du?“, antwortete die Kleine mit dem freundlichen Gesicht selbstbewusst und entlockte David ein Lächeln.

„Nein“, entgegnete er, „meine Frau sitzt weiter vorne in der Maschine.“

„Hast du dich mit ihr gestritten?“, fragte das Mädchen besorgt.

„Nein“, bemerkte David abermals. „Ich habe mir wohl einfach zu viel Zeit beim Verabschieden gelassen.“

„Von wem?“, fragte sie. David erkannte, dass dieser Flug anders verlaufen würde als die bisherigen Flüge nach Wien. Bevor er sich setzte, holte er ein Bild aus seinem Portemonnaie und hielt es dem Mädchen entgegen.

„Ein Hase! Oh, ist der knuddelig!“, rief die Kleine entzückt. Ihre runden braunen Augen glänzten vor Freude.

„Eigentlich ist er ja ein Riesenkaninchen.“

Sie sah ihn verwundert an.

„Nicht so wichtig. Sein Name ist Goliath und ich bin David“, stellte David sich vor und zeigte ihr ein weiteres Bild, auf dem Goliath mit hängenden Ohren zufrieden an einer Karotte nagte. „Goliath und ich gehen jeden Abend spazieren. Danach bekommt er eine besonders große Karotte.“

„Ich bin Clara Burcely und werde im Oktober sieben Jahre alt“, grinste sie über beide Ohren und streckte ihm ihre Hand entgegen. „David Wilder“, antwortete er. „Ich werde nächstes Jahr 42.“

David erfuhr, dass Clara die Tochter einer Diplomatin war, die viel reiste. Clara traf sich in Wien mit ihrer Mutter zur gemeinsamen Weiterreise nach Jordanien. Nach dem Essen nützte Clara die Zeit für ein Schläfchen. David besuchte Natascha im vorderen Teil des Flugzeugs und erzählte ihr von seiner Bekanntschaft.

Zurück auf seinem Platz holte er den Zettel hervor, den die geheimnisvolle Gestalt ihm im Park hatte zukommen lassen. Er blickte sorgenvoll auf die Zeilen, die da geschrieben standen und jenes Symbol, das er nur zu gut kannte. Vertieft in Gedanken schreckte er auf, als er neben sich die Stewardess hörte. „Tee, Kaffee oder einen Orangensaft für Ihre Tochter?“

„Einen Orangensaft für mich und einen für David, bitte“, meldete sich Clara zurück. David drehte sich verdutzt zu Clara.

„Eine entzückende Tochter haben Sie da“, schmeichelte die Stewardess und hielt ihm und Clara einen Becher Orangensaft entgegen. David stellte den Orangensaft auf die Ablage vor ihm und verstaute den Zettel. „Danke“, sagte David, „aber woher hast du gewusst, dass ich Orangensaft trinke?“

„Na, von dem Foto mit deinem Hasen Goliath“, entgegnete Clara ganz selbstverständlich.

David schaute sie fragend an. „Von dem Foto?“

„Ja“, meinte Clara, „auf dem Foto warst du mit deinem Hasen und hattest ein Glas Orangensaft in der Hand.“ Sie hielt sich mit der Hand die Augen zu. „Du hast braune Augen, dunkelblonde Haare und einen blauen Pullover an, auf dem Foto sind die Haare länger gewesen, und der Pulli war grün. Die Hose ist dieselbe, die du jetzt anhast. Ob es auch die gleichen Sportschuhe sind, kann ich nicht sagen, da hört das Foto auf.“

David war noch damit beschäftigt Claras Antwort zu überdenken, da ließ ihn ihre nächste Frage zusammenzucken.

„Warum ist ein Blatt von dem Kleeblatt schwarz, und was bedeuten die Zeichen daneben?“ „Woher…“, wollte David den Satz beginnen, da fiel ihm Clara schon ins Wort.

„Ich meine die Zeichnung auf deinem Zettel. Ich kann mir Bilder gut merken“, erklärte Clara, die an seinem Gesicht erkannte, dass er nicht wusste, wie ihm geschah. David schüttelte fassungslos den Kopf, er hatte von Erwachsenen mit fotografischem Gedächtnis gehört, aber Clara war keine sieben Jahre alt. „Aber du hast den Zettel doch nur kurz gesehen“, wunderte er sich.

„Ich habe das Bild gesehen“, antwortete Clara. „Das reicht.“

David überlegte, was er Clara antworten sollte. „Es ist nur eine Zeichnung“, erklärte er, „und die Zeichen sind hebräisch.“ Das Anschnallsignal für den Landeanflug unterbrach das Gespräch.

***

David hatte den Koffer vom Förderband geholt und steuerte mit Natascha auf den Ausgang zu. Clara folgte ihnen noch ein Stück, dann trennten sich ihre Wege. David drehte sich mit ausgestreckter Hand zu Clara: „Auf Wiedersehen, Clara Burcely, es hat mich gefreut, dich kennenzulernen.“

„Auf Wiedersehen, David“, antwortete Clara, als sie ihre kleine Hand in seine legte. Claras Mutter, eine bildhübsche, schlanke Frau mit langen blonden Haaren, winkte bereits von der anderen Seite der Absperrung herüber. Ihre Kleidung war modisch betont, der orangefarbene Rock harmonierte mit ihrer Designerbrille.

„Ich muss jetzt los“, verabschiedete sich Clara, „und keine Sorge, David, ich werde unser Geheimnis nicht verraten.“ Sie lief zum Ausgang, wo ihre Mutter auf sie wartete.

„Euer kleines Geheimnis?“, fragte Natascha, die gerade dazugekommen war.

„Kinder!“, bemerkte David, „die brauchen Ablenkung, wenn sie so lange ruhig sitzen müssen.“