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SACER SANGUIS II - Die Rückkehr
Kapitel 06


Wien, Hotel:

„Natascha, David! Herzlich willkommen in Wien!“, rief ein bärtiger Mann mit sehr gepflegtem Äußeren, als sie die Lobby des Hotels betraten. „Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise. Möchten Sie gleich auf Ihr Zimmer? Selbstverständlich haben wir Sie wieder in Zimmer 444 untergebracht.“ Der Manager des Hotels strahlte seine Stammgäste an.

„Ja, danke, Thomas“, erwiderte David, der sich fragte, wie der Manager des Hotels es schaffte, Jahr für Jahr die gleiche originelle Begrüßungsformel zu sprechen.

Zwei Pagen eilten herbei, um sich des Gepäcks anzunehmen, als David bereits den schweren Koffer auf den Gepäckwagen hievte. Ein kurzer, aber sehr lauter Schrei hallte durch den Empfangsbereich des Hotels, als David den Koffer fallen ließ.

„David!“, rief Natascha entsetzt. Thomas stützte David, während sich die Pagen um den Koffer kümmerten.

„Es geht schon“, stammelte David, der sich damit selbst Mut machen wollte.

„Kommen Sie, setzen Sie sich erst einmal“, deutete der Manager auf einen Stuhl neben einer Säule.

„Es ist sein Kreuz“, erklärte Natascha. „Er hatte schon in London Probleme damit.“ Während David schmerzverzerrt auf dem Stuhl kauerte und von Natascha ein Glas Wasser bekam, telefonierte Thomas aufgeregt in der Rezeption.

„Gregor, ein Freund von mir, ist Osteopath hier in Wien“, berichtete Thomas, als er zurückkam. „Seine Praxis schließt in 30 Minuten, aber er hat mir zugesagt, Sie noch anzuhängen.“

„Ein Arzt?“, fragte David mit schmerzverzerrtem Gesicht.

„Ein Osteopath“, erwiderte Thomas, „sein Name ist Gregor Hempel. Er wird Ihnen ganz sicher weiterhelfen. Ich lasse sofort ein Taxi kommen, das Sie hinbringt.“

Während David auf das Taxi wartete, merkte er, wie der Schmerz nachließ. „Ich glaube, wir können uns den Doktor sparen“, heuchelte David.

„O nein!“, erwiderte Natascha und wurde dabei von Thomas unterbrochen. „David, Ihr Taxi ist da.“

„Ich schaffe das schon alleine“, insistierte David zu Natascha blickend. „Du kannst ja inzwischen den Koffer ausräumen.“ Widerwillig ließ sie sich von David überzeugen, nicht mitzufahren.

David betrat das Haus in der Porzellangasse, zu dem ihn der Taxifahrer gebracht hatte. Im dritten Stock hielt der Lift und David öffnete mit einem elektrischen Taster die Tür zum Warteraum. Er erblickte einige Stühle und Zeitschriften, aber keine anderen Patienten. Sein Termin schien tatsächlich außerhalb der Sprechstunden stattzufinden. Die Tür zum Behandlungszimmer öffnete sich, noch bevor David Platz nehmen konnte. „Herr Wilder?“, fragte ein weiß gekleideter Mann, den David Ende dreißig schätzte. „Ja, ich bin David Wilder. Und Sie sind Doktor Hempel?“

„Ich bin Gregor Hempel. Ich leite die Praxis für Osteopathie“, erklärte der Mann mit ruhiger freundlicher Stimme und streckte ihm die Hand entgegen. David erzählte ausführlich von seinen Kreuzproblemen und Hempel hörte ihm geduldig zu, ehe er mit der Untersuchung begann.

Er untersuchte David keine zwei Minuten mit bloßen Händen und stellte dann fest: „Verzeihen Sie mir die direkte Frage, Herr Wilder, haben Sie in Ihrer Beziehung Probleme sexueller Natur?“ David war sich nicht sicher, ob er die Frage richtig verstanden hatte. „Wissen Sie“, fuhr Hempel fort, „Ihr vierter Lendenwirbel hat eine Fehlstellung, das kann auch Beziehungsprobleme als Ursache haben. Man nennt das auch das Sexual-Chakra.“ David war fassungslos. Sollte der Taxifahrer die Adresse verwechselt haben? „Um ganz sicherzugehen, empfehle ich Ihnen jedenfalls ein Röntgenbild machen zu lassen“, fuhr Hempel fort. „Ich lege Ihnen aber dringend nahe, das zugrunde liegende Problem für diese Fehlstellung dauerhaft zu beseitigen, sonst war das sicher nicht Ihr letzter Hexenschuss.“ David merkte, wie seine Skepsis schwand, je länger er der ruhigen Stimme lauschte. „Bitte legen Sie sich auf den Bauch.“ Der Osteopath deutete auf den weiß überzogenen Massagetisch. David starrte minutenlang wortlos auf das Plastikskelett vor sich, während Hempel mit beiden Händen leichten Druck auf seinen Rücken ausübte.

„Unterliegen Sie der ärztlichen Schweigepflicht?“, platzte David heraus.

„Was immer Sie mir als Patient erzählen, wird niemand erfahren“, versicherte Hempel und schob den linken Daumen wiederholt an Davids Wirbel vorbei.

„Meine Frau und ich wünschen uns schon länger ein Kind“, begann David zu erzählen, „Natascha, meine Frau, hatte eine schwere Kindheit. Es fällt ihr heute noch schwer, darüber zu sprechen. Sie ist in einem kirchlichen Kinderheim aufgewachsen.“ David spürte, wie sich die Stelle auf seinem Rücken angenehm erwärmte. „Einer der jüngeren Priester hatte sie und andere Kinder bedrängt. Als Natascha sich damit schließlich an einen der älteren Priester wandte, wurde die Sache vertuscht und der Schuldige zu seinem Schutz versetzt.“ Hempel sprach kein Wort. „Ich habe Angst, sie zu irgendetwas zu drängen, ich will sie nicht unter Druck setzen“, fuhr er fort.

Hempel brach sein Schweigen. „Ich bin kein Spezialist für Beziehungsfragen und kenne Ihre Frau nicht, aber ich kann sagen, dass Ihre Wirbelsäule unter diesem Druck leidet. Ich gebe Ihnen den gut gemeinten Rat, mit Ihrer Frau darüber zu sprechen.“

Auf dem Weg ins Hotel dachte David über Natascha nach, während er das Kärtchen eines Londoner Kollegen von Hempel betrachtete, das dieser ihm mitgegeben hatte. Er erinnerte sich an Nataschas Bitte, die er stets respektiert hatte. Keine Fragen über Gespräche oder Mitglieder der Selbsthilfegruppe. Einmal, als David sie überraschend von einer Sitzung abholen kam, machte sie ihm daheim eine Szene, als hätte er sie vor der ganzen Welt bloßgestellt.

Die kollektive Anonymität der Gruppe nach außen war der wichtigste Schutz ihrer Mitglieder. Um im täglichen Leben keine gesellschaftlichen oder beruflichen Nachteile zu haben, hatten sich alle Mitglieder darauf geeinigt, über die Sitzungen mit Dritten nicht zu sprechen. Es stand natürlich jedem frei, auch außerhalb der Gruppe Hilfe zu suchen, solange dabei keine Sitzungsteilnehmer oder Gesprächsinhalte genannt wurden.

Natascha hatte einen verantwortungsvollen Job als Physikerin am Londoner Imperial College. Noch im September wollte sie der Fachwelt eine kleine Sensation präsentieren. Damit wollte sie auf Basis der Forschungen ihres großen Idols, des Nobelpreisträgers Dennis Gabor, die Holographie grundlegend revolutionieren. Ihre Reputation würde allerdings erheblich darunter leiden, wenn die vorwiegend männlichen Kollegen von ihren Besuchen bei der Selbsthilfegruppe wüssten.