Agententhriller, Krimi, Bestseller, Buch Wien, Mossad, Geheimdienst, Israel

SACER SANGUIS II - Die Rückkehr
Kapitel 07


Wien, Hotel:

„Zimmerservice!“, rief David mit tiefer Stimme, als er an die Tür von Zimmer 444 klopfte. Er hörte ein Scheppern gefolgt von Nataschas Stimme, die irgendeine Verwünschung ausstieß. David war sich sicher, darin das Wort Koffer erkannt zu haben. Als sie öffnete, sah er im Türspalt jene Kleider und Schuhe, die sonst die begehbaren Schränke von Natascha füllten.

„David!“ rief sie erfreut, „wie geht es dir und was hat der Doktor gesagt?“

„Der Osteopath“, korrigierte sie David lachend. „Er meinte, ich soll mir zwei Tage Bettruhe gönnen. Ich fürchte, die obligatorische Fiakerfahrt muss ich dieses Jahr leider auslassen.“ David erzählte ihr von seinen Erlebnissen bei Hempel, vermied aber den Teil über das Sexual-Chakra und die damit verbundene Aussprache, die er sich für London aufheben wollte.

Die nächsten beiden Tage verliefen ruhig für David. Natascha nutzte jede Gelegenheit, um die Einkaufszentren Wiens zu erkunden, und verbrachte die Nächte damit, ihm ihre Neuerwerbungen für die heimische Sammlung zu präsentieren. David ließ das erstaunlich kalt, da er sich sicher war, dass nicht er es sein würde, der diesmal die Koffer zu schleppen hatte. Irgendwie gefiel er sich in der Rolle, die das Schicksal ihm zugedacht hatte. Natascha bemitleidete und umsorgte ihn ausgiebig, bevor sie zu ihren Touren aufbrach, und auch der Hotelservice übertraf sich diesmal selbst. Seine mitleiderregende Vorstellung in der Lobby hatte Thomas dazu veranlasst, David zum Mittelpunkt aller Hotelangestellten zu machen.

David ließ in seinem luxuriösen Krankenzimmer zunächst keine Langeweile aufkommen. Er vertrieb sich die Zeit tagsüber mit permanentem Wechsel zwischen Hotelfernsehen und dem Goliath-TV auf seinem Laptop, bei dem er mittels Fernzugriff auf seine Webcams selbst Regie führte. Als er am Ende des zweiten Tages zu der Ansicht kam, dass sein Bedarf an Fernsehen gedeckt war, beschloss er, seine Mails zu lesen. Wie langweilig muss mir sein, wenn ich im Urlaub meine Mails lese, fragte er sich selbst. „Und Selbstgespräche führe ich auch schon“, ergänzte er lachend.

Seine Mailbox wollte nicht aufhören, neue Nachrichten aus den Tiefen des Internets hervorzuholen. David hatte die Einstellungen für unerwünschte Mails bereits auf die stärkste Stufe gestellt, konnte sich aber des Eindrucks nicht erwehren, dass das keinen Einfluss auf die Anzahl der Werbemails in seinem Postfach hatte. Anfangs hatte er noch eigene Ordner angelegt, um die sicherlich gut gemeinten Angebote an Penisverlängerungen und Investitionsbeteiligungen an russischen Kernkraftwerken wöchentlich zählen zu können. Mittlerweile beschränkte er sich allerdings darauf, derartige Mails in einen einzigen Ordner zu verschieben, den er täglich leerte.

264 neue Nachrichten zeigte sein Mailprogramm an, als es den Download ordnungsgemäß für beendet erklärte und die Verbindung trennte. David drückte ein Tastaturkürzel, um mit dem von ihm programmierten Filter die gröbste Drecksarbeit zu erledigen, wie er sie nannte. Nur 71 Mails blieben im Posteingang erhalten. „Kein schlechter Schnitt“, grinste David. Nach etwa einer Stunde war die Zahl der Mails, dank Davids Sortierfreudigkeit, noch einmal deutlich reduziert worden. Es gehörte zu seinen Eigenheiten, keine Mails zu öffnen, bevor nicht alle unerwünschten Mails gelöscht waren. Jetzt erst hatte er Zeit, sich um die letzten vier Mails zu kümmern, die er auch lesen wollte.

Er fand eine Buchungsbestätigung von Thomas für den Urlaub, der bereits am nächsten Vormittag zu Ende ging, sowie einen Newsletter der Londoner Schlappohren. David hatte ihn eigentlich für Goliath abonniert und beschloss, ihm den Inhalt vorzulesen, wenn er wieder in London war. Die letzten beiden Mails hatten für ihn unbekannte Absender, und eines davon schien einen Dateianhang zu haben. David öffnete zuerst die andere Nachricht.

Interessant, fand David, als er den Text las. Höchst interessant. Er begann seine linke Augenbraue anzuheben, wie er es immer tat, wenn er an etwas Zweifel hatte. Er notierte einige Worte in seinem elektronischen Kalender und verschob dann das Mail in den Ordner mit der Aufschrift lehit, was auf hebräisch so viel wie Tschüss bedeutete. Die Mails des lehit-Ordners wurden automatisch nach zwei Wochen gelöscht, sollte David es sich bis dahin nicht anders überlegt haben.

Sein Posteingang hatte nur noch eine Nachricht übrig, und der Virenscanner stufte den Dateianhang, eine Grafikdatei, als unbedenklich ein. Na dann los. Er klickte auf das Mail. Es enthielt keinen Text und der Betreff beinhaltete nur den Namen des Dateianhangs: bewakascha.jpg. David blickte noch einmal auf das Anzeigefenster seines Virenscanners, der immer noch keine Gefahr anzeigte und beschloss, die Grafik zu öffnen.

Der Bildschirm zeigte ein vierblättriges Kleeblatt, dessen unteres Blatt schwarz war. David war seit jenem Abend im Park klar, dass er dieses Symbol bald wieder sehen würde. Er gehörte zu den wenigen noch lebenden Menschen, die die wahre Bedeutung des Kleeblatts kannten. Für ihn verbanden sich damit schmerzhafte Erinnerungen an seine alte Heimat Israel und an seine Zeit beim Shabak, dem israelischen Spionageabwehrdienst.

Nervös begann er im Zimmer auf und ab zu gehen. Ihm war klar, was der Absender dieser Nachricht, der zweifellos einem der israelischen Geheimdienste angehörte, von ihm erwartete. David war sich nicht sicher, ob er dieser Erwartung gerecht werden wollte. Minutenlang haderte er mit sich selbst, wog Für und Wider ab und beschloss zunächst herauszufinden, welchen Inhalt die Nachricht hatte. Später konnte er noch immer entscheiden, ob und wie er darauf reagieren würde.

David begann die Bilddatei genauer zu untersuchen. Er war überzeugt, dass sowohl die Nachricht selbst als auch der Schlüssel zur Nachricht ins Bild codiert waren. Er brauchte nicht lange, um festzustellen, dass die Dateigröße nicht zu der Einfachheit der Darstellung des Bildes passte. David durchsuchte den Quellcode des Bildes nach überflüssigen Bytes und wurde rasch fündig. Jemand hatte ein Computerprogramm so in das Bild vercodiert, dass man dieses unmöglich bemerken konnte, wenn man sich nur das Bild als solches anschaute. Erst Davids Erfahrung im Umgang mit derartigen Verschlüsselungstechniken machte es möglich, die Datei zu erkennen, die als blinder Passagier in dem Bild verschickt wurde. David extrahierte die kleine Datei aus dem Bild und speicherte sie als eigenständiges Programm ab, um es anschließend starten zu können.

„Das war zu erwarten“, meinte David, als er den blinkenden Cursor neben der Anweisung Passwort eingeben erblickte. Er ging zum geöffneten Fenster und dachte nach. Die Antwort würde irgendetwas mit dem Kleeblatt selbst zu tun haben. David erinnerte sich zurück, als er früher fast täglich Passwörter für Israel entschlüsseln musste. Er hatte vor Jahren ein kleines Tool programmiert, das brauchbare Rückschlüsse auf die Anzahl der Zeichen zuließ, die ein Programmierer für eine Passworteingabe vorgesehen hatte. Es funktioniert zwar nur bei einfachen Codierungen - aber mit etwas Glück… David begann seine Festplatte zu durchsuchen. „Irgendwo muss es doch noch sein“, murmelte er konzentriert vor sich hin, um sich kurz darauf mit „Da haben wir dich ja“, selbst zu bestätigen.

Davids Programm begann den Speicher seines Laptops auszulesen und meldete sich nach wenigen Minuten mit einem Report. „Maximal vier Zeichen“, stieß David fast enttäuscht aus, „das Kleeblatt hat vier Blätter“, bekräftigte er. Er tippte arba, das hebräische Wort für die Ziffer vier auf seiner Tastatur und bewegte den Zeigefinger über die Entertaste. „Nein“, murmelte er kopfschüttelnd zu sich selbst. „Das ist mir viel zu einfach.“

David hatte zu lange mit dem israelischen Geheimdienst zu tun gehabt, um bei einem so deutlich gelegten Köder anzubeißen. Ihm war klar, dass das Programm eine Lethal-Truth-Abfrage haben würde, die bei Eingabe des Köderpassworts eine gefälschte Nachricht freigab. Die Idee dahinter war einfach und mörderisch zugleich: Neben dem eigentlichen Passwort wurde auch ein leicht zugängliches Köderpasswort versteckt, das feindliche Agenten relativ einfach finden konnten. Aufgabe der Lethal-Truth-Abfrage war es, dem Feind vorzumachen, er hätte bereits das richtige Passwort eingegeben und würde daher auch die richtige Botschaft erhalten. Zu viele Agenten hatten im Vertrauen auf diese falschen Botschaften ihr Leben verloren.

David überlegte, wie er aus dem Köderpasswort das richtige Passwort ableiten konnte. „Vier“, murmelte er immer wieder vor sich hin, während er sich einen Schokoriegel aus der Minibar holte und genüsslich daran kaute. „Irgendwie muss ich diese Zahl umformen.“ Er bemerkte den Strichcode auf der Schokoriegel-Verpackung, unter dem sich die in Zahlen gedruckte Übersetzung des Codes befand. „Aber natürlich“, stellte er kopfnickend fest. Er spürte ein Gefühl in sich aufkeimen, das er seit Jahren nicht mehr wahrgenommen hatte. Es war, als hätte jemand seinen Jagdinstinkt geweckt. „Da soll noch jemand behaupten, dass Schokolade keine Hirnnahrung wäre“, meinte er und begann die einzelnen Buchstaben des Wortes arba als Zahlen zu lesen.

In alten hebräischen Texten war jeder Buchstabe des Alphabets gleichzeitig eine Zahl. Das Alphabet hatte zudem nur 22 Buchstaben. So war das Zeichen für den ersten Buchstaben des Alphabets gleichbedeutend mit der Ziffer 1 und der zweite Buchstabe mit der Ziffer 2. Diese Zählweise wurde bis zum zehnten Buchstaben beibehalten. Der elfte Buchstabe erhielt die Zahl 20, der zwölfte 30, usw. Der einundzwanzigste Buchstabe bekam den Wert 300 und der zweiundzwanzigste und letzte Buchstabe bedeutete 400. Um Buchstaben und Zahlen beim Schreiben unterscheiden zu können, wurde vor Ziffern ein einfaches Anführungszeichen gesetzt. Das Wort arba bestand im Hebräischen, weil die Sprache mehr als nur ein a kannte, aus vier verschiedenen Buchstaben.

David erhielt durch seine Umwandlung der hebräischen Buchstaben in Zahlen die Zahl 273. Als er die Zahl erblickte, war ihm klar, dass er das richtige Passwort gefunden hatte. Die Zahl 273 war in leicht veränderter Form bei zahlreichen natürlichen Größen zu finden. So beschrieb sie unter anderem die absolute negative Temperatur, erklärte das Verhältnis von Mond- und Erdradius oder die Ausdehnung des Gasvolumens, aber auch bei der Beschreibung des weiblichen Zyklus und der Mondumlaufbahn war sie anzutreffen.

David tippte die Zahl in seinen Laptop und drückte die Enter-Taste. Auf dem Bildschirm erschienen drei Zahlenreihen:

48080489

16142384

07082130

David überlegte einige Minuten, was die Zahlen bedeuten könnten, blickte dann entschlossen auf seine Armbanduhr und hatte damit die Entscheidung, der Einladung zu folgen, bereits getroffen. Durch einfaches Aufspalten der Zahlenfolgen in Zweiergruppen kannte er Zeit und Ort des Treffens.

Thomas ist wirklich eine Seele von Mensch, dachte David, nachdem er ihn für seine Zwecke eingespannt hatte. Der Hotelmanager würde Natascha vom Einkaufen abholen und sie direkt ins Casino nach Baden ausführen. Er würde ihr von Davids Bitte erzählen, heute nicht mehr geweckt zu werden, um für die morgige Abreise wieder fit zu sein. Damit hatte David genügend Zeit, um Natascha nichts von dem nächtlichen Ausflug erzählen zu müssen.

Der Mietwagen, den Thomas ihm kurzfristig organisiert hatte, brachte David zügig in den Süden Wiens an die Ausläufer des Wienerwaldes, wo er gezwungen war, den Rest des Wegs zu Fuß fortzusetzen. Er nahm die alte Taschenlampe, die ihm Thomas mitgegeben hatte, und folgte dem Pfeil des Navigationssystems seiner Uhr zu den Koordinaten, die er erhalten hatte: N 48°08’04.89“ und E 16°14’23.84“. Es war der siebente August und David hatte noch 30 Minuten Zeit, um die letzten zwei Kilometer zurückzulegen, bevor die Uhr 21:30 zeigen würde.

Der Weg durch den Wald war breit. Zu seiner Rechten endete der Waldstreifen nach wenigen Metern, wo er von einer hohen Mauer jäh begrenzt wurde. Die linke Seite des Wegs flankierte eine Erhebung, die dicht mit Bäumen bewachsen war. Das Licht des Mondes erhellte den Weg nur schwach, und David war froh, die Taschenlampe mitgenommen zu haben. Unter anderen Umständen wäre dieser Ort für einen Abendspaziergang sicherlich hervorragend geeignet gewesen. Niemand außer David war hier unterwegs und nur der Ruf eines Käuzchens unterbrach gelegentlich die Friedhofsstille.

Der Richtungspfeil seiner Uhr zeigte zunehmend nach rechts und er hoffte darauf, bald ein Ende der Mauer zu erreichen. Als der Entfernungscountdown auf weniger als 500 Meter heruntergezählt hatte, war David klar, dass er nicht umhin kommen würde, die Mauer zu überklettern. Kein leichtes Unterfangen für jemanden, der bis vor zwei Stunden eigentlich zu absoluter Bettruhe angehalten war. Er sah seine Hose an und war sich bewusst, dass ihm auf dem Heimweg noch eine gute Erklärung für Natascha einfallen musste.

Hinter der Mauer erkannte David wieder nur Wald. Eigentlich gebe ich in dem finsteren Wald mit meiner Taschenlampe schon aus der Ferne ein perfektes Ziel ab, dachte er. Er fühlte, wie das Unbehagen in ihm wuchs. Er beschloss einen Trick anzuwenden und befestigte die Lampe an einem langen Stock, den er vor sich trug. Wenn jetzt jemand auf mich schießt, überlegte er, dann ist es unwahrscheinlich, dass er mich trifft. Schon nach wenigen Metern merkte er, wie seine Arme unter der Hebelwirkung des langen Stockes immer weiter nach unten gezogen wurden. Noch 100 Meter, blinkte es auf seiner Uhr. David war so damit beschäftigt gewesen, die Lampe beim Gehen nicht gänzlich in der Erde einzugraben, dass er gar nicht gemerkt hatte, wie nah er dem Ziel schon gekommen war.

Er blickte auf den vom Wald bewachsenen Hügel, der vor ihm lag, und folgte einem schmalen Pfad nach oben. Noch konnte er nichts Genaues erkennen, doch es schien ihm, als hinge in den Baumwipfeln eine Art Turm mit eigenwilliger Verzierung. Als David näher kam, erkannte er die Umrisse einer alten Kapelle, an deren Spitze ein Kreuz angebracht war. Es war ihm zuvor unmöglich gewesen, es als solches zu erkennen, da ein Stück des Kreuzes fehlte. Die Kapelle wirkte verlassen und der Zahn der Zeit hatte wohl dafür gesorgt, dass der linke Arm des Kreuzes irgendwann heruntergefallen war.

David wollte die letzte Stufe zum Aufgang der Kapelle betreten, als er hinter sich eine tiefe Männerstimme seinen Namen sagen hörte. Er drehte sich erschrocken herum und riss dabei die Lampe vom Stock, die die Treppen hinunterfiel, um dann mit einem klirrenden Geräusch ihren Dienst zu versagen. Gänzlich ohne Licht starrte er auf die Umrisse eines gut zwei Meter großen, breitschultrigen Mannes. „Na toll“, flüsterte David, „wenigstens bin ich jetzt kein gutes Ziel mehr.“

Er vernahm das Klicken eines Schalters und blickte im gleichen Moment in einen hellen Scheinwerfer, den der Fremde auf ihn richtete. „Wer sind Sie?“, fragte David. Der Scheinwerfer senkte sich ein wenig, um David nicht weiter zu blenden, und so war es ihm möglich, das Gesicht seines Gegenübers zu betrachten. Der kräftige, durchtrainierte Mann musste Mitte vierzig sein, seine braunen Haare hatte er zur Seite frisiert. Die ausgeprägten, harten Gesichtszüge passten nicht sonderlich gut zu dem eleganten Anzug, den man eher an einem Börsenmakler vermutet hätte. „Nennen Sie mich Hiob“, verlangte der Mann.

„Was wollen Sie von mir?“, fragte David und hob den Kopf, um seiner Frage Nachdruck zu verleihen.

„Sie haben unsere Nachricht doch erhalten“, antwortete der Mann, der sich ihm als Hiob vorgestellt hatte.

„Dann waren Sie das im Park?“, fragte David.

Hiob nickte. „Mein Auftrag war, Ihnen die Nachricht zu überbringen.“

„Mich zu Tode zu erschrecken, trifft es wohl eher! Ihretwegen habe ich mein ganzes Haus mit Kameras bestückt!“, rief David ärgerlich.

Hiob sah ihn abfällig an. „Sie wollen ein Agent sein?“

„Ein Ex-Agent“, entgegnete David, „mein Platz war im Innendienst. Ich habe unsere Feinde mit dem Kopf bekämpft, nicht mit dem Schwert.“

„Sie meinen, Sie haben den Mossad die Drecksarbeit für Sie machen lassen.“ Mit der abfälligen Bemerkung brachte Hiob seine Geringschätzung für David erneut zum Ausdruck.

„Meine Aufgabe war es, Informationen bereitzustellen, um das Leben von Menschen zu schützen“, rechtfertigte sich David.

„Natürlich“, sagte Hiob zynisch.

David fühlte sich zunehmend unwohl bei diesem Gespräch und drängte nach dem Grund für sein Kommen. „Sagen Sie mir endlich, was Sie von mir wollen und wer Sie geschickt hat.“

Hiob blickte zur Seite und aus dem Dunkeln trat ein Mann in das Licht des Scheinwerferkegels, den David bisher nicht bemerkt hatte. David erkannte sofort, dass es sich um seinen alten Freund Alon Kollek handelte, mit dem er beim Shabak zusammengearbeitet hatte. Als hätten die Jahre ihn verschont, zeigte sich der ewig sportliche Frauenschwarm mit den schwarzen Haaren und den charmanten Sommersprossen im Gesicht. Obwohl Alon ein Jahr älter war als David, war er, solange David sich zurückerinnern konnte, immer um vieles jünger geschätzt worden.

„Ich brauche deine Hilfe, David“, bat Alon.

David schluckte, er hatte Alon seit Jahren nicht mehr gehört oder gesehen, er war sich bis eben nicht einmal sicher gewesen, ob er noch lebte. „Aber warum...“

David wurde von Alon unterbrochen. „Ich weiß nicht, wem ich von meinen Leuten noch trauen kann.“ David erinnerte sich an das Kleeblatt, das er erhalten hatte. Das vierblättrige Kleeblatt war das Symbol einer israelischen Kommandoeinheit, der er und Alon früher angehört hatten.

Während seiner aktiven Zeit beim Shabak hatte er niemals ein faulendes Kleeblatt zu sehen bekommen. Wie bei echten Blättern symbolisierte die schwarze Farbe eines einzelnen Blattes das Erkranken des ganzen Kleeblattes. Für die Kommandoeinheit war es das Zeichen für den schlimmsten denkbaren Zustand. Der Feind hatte die Einheit infiltriert.

David deutete mit dem Kopf auf Hiob.

„Hiob?“, fragte Alon. „Du kannst ihm vertrauen, er ist mein Mann für das Grobe.“ Hiob grinste selbstgefällig. Alon begann, David zu erzählen, warum er mit ihm Kontakt aufgenommen hatte.

„In den letzten Monaten haben wir Hinweise erhalten, dass sich ein Unbekannter verschiedene religiöse Reliquien beschafft. Er schreckt dabei auch vor Mord nicht zurück. Wir konnten die Spur bis Jordanien zurückverfolgen, haben sie dann aber verloren. Wir haben dringenden Grund zu der Annahme, dass jemand aus unseren Reihen ihm dabei hilft. Bei einer Routineüberprüfung unserer Mailserver sind wir auf eine verdächtige codierte Botschaft gestoßen, die eine unserer Mitarbeiterinnen nach Jordanien geschickt hatte. Selbstverständlich wollten wir sie zur Rede stellen, aber leider hat sie uns bemerkt. Wir konnten nur noch das sicherstellen.“ Alon zeigte David einen angekohlten Papierfetzen, der wie die Überreste einer Notizblockseite aussah. David konnte mit viel Mühe einzelne Wörter lesen. 20:00... Monza... Eiserne Krone...

„Und?“, entgegnete David. „Das ist doch nur wirres Zeug.“ Alon reichte David einen Zeitungsausschnitt mit der Überschrift Eiserne Krone auf brutale Weise geraubt! David las weiter, der Artikel erzählte von einer Krone der Langobarden, auch eiserne Krone genannt, die aus dem Domschatz zu Monza in Oberitalien geraubt worden war. Zwei Mönche waren dabei von den Dieben auf bestialische Weise im Genitalbereich verstümmelt worden. „Das ist furchtbar“, bemerkte David. „Aber ich verstehe noch immer nicht.“

Alon setzte fort. „Dem Polizeibericht zufolge wurde die Krone nicht nur einfach geraubt. An den beiden Mönchen, die an jenem Abend anwesend waren, wurden grausame Ritualmorde verübt. Man fand die armen Kerle gefesselt und geknebelt in ihren Blutlachen. Wer immer die Krone gestohlen hat, legte großen Wert darauf, dass seine Opfer sehr langsam ausbluten. Dabei wurde aber nicht wie beim koscheren Schlachten von Vieh die Kehle durchtrennt. Durch das Abtrennen der Genitalien sollte der Vorgang des Reinblutens besonders langsam und grausam vonstattengehen. Ein Fußabdruck, den die Polizei in einer der Blutlachen fand, lässt darauf schließen, dass die Täter es nicht eilig hatten und dem Ritual bis zum Ende beiwohnten. Erst dann haben sie sich der Krone bemächtigt.“

„Der innere Reif dieser goldenen Krone wurde der Überlieferung nach aus einem jener drei Nägel gefertigt, mit denen man Jesus ans Kreuz genagelt hatte. Wir sind uns sicher, dass noch andere Morde für weitere Reliquien folgen werden. Aber wir wissen nicht wo und vor allem nicht warum. Und dafür brauche ich dich, David. Du musst diese Datei entschlüsseln, damit wir die gesamte Botschaft kennen. Ich weiß keinen besseren als dich, und wir können sonst niemandem vertrauen, bis wir nicht alle Maulwürfe enttarnt haben.“

David versuchte, die Fülle an Informationen in seinem Kopf zu sortieren. „Warum befragt ihr denn nicht eure Agentin, die diese Datei verschickt hat?“, wollte David wissen, „Ihr habt doch eure Methoden, um Leute zum Sprechen zu bringen.“

Alon schüttelte mit Bedauern den Kopf. David sah ihn entsetzt an. Alon sprach kein Wort, doch Hiob nahm David jeden Zweifel. „Wir haben es versucht, aber sie ließ uns leider keine andere Wahl.“

Aus Alons Jackentasche ertönte ein kurzer Piepton. Hiob verlor mit einem Mal seine Gelassenheit und blickte zu Alon. Dieser zog ein kleines Gerät von der Größe eines Organizers aus seiner Jacke und David, der unmittelbar neben ihm stand, konnte auf dem Bildschirm fünf rote Punkte erkennen. Drei davon standen eng beisammen, während sich die beiden anderen von zwei Seiten auf sie zubewegten. „Wir bekommen Besuch“, meinte Alon. David sah ihn fragend an.

„Ein Infrarotsatellit“, erklärte Alon wortkarg und wandte sich Hiob zu. „Kümmere dich um ihn“, und deutete mit dem Kopf in Davids Richtung. Noch ehe David wusste, wie ihm geschah, war Alon in der Dunkelheit verschwunden. Hiob drückte David durch die Tür in die Kapelle. „Gehen Sie nach oben und bleiben Sie dort, bis einer von uns beiden Sie holen kommt“, verlangte er. „Egal was passiert.“ Er drückte David eine Pistole in die Hand. „Falls Ihnen Ihr Kopf zu schade ist.“ David sah ihn erstaunt an. „Schwert hab ich leider keines, ich hoffe, Sie können damit umgehen.“ Bevor David antworten konnte, hatte Hiob die Lampe ausgemacht und war in der Dunkelheit verschwunden.

David versuchte, sich in der Kapelle zu orientieren. Er tastete sich an der Wand entlang und dachte, so etwas wie Stufen gefunden zu haben. David erkannte sofort, dass es sich um eine Wendeltreppe handelte. Er stieg, ohne etwas sehen zu können, eine enge und morsche Treppe nach oben. Plötzlich gab ein Brett unter seinem Gewicht nach. Das war aber knapp, dachte David, der seinen Fuß noch rechtzeitig auf die nächste Stufe setzen konnte, ehe das Brett unter seinem Gewicht komplett durchbrach. Am Ende der Treppe angelangt, fand er sich in einem Raum mit Fenstern wieder, in dem das schwache Mondlicht nur ahnen ließ, dass es sich um die Sakristei gehandelt haben musste. Eine Tür führte ins Freie auf einen Turm. David beschloss, sich zwischen den Zinnen des Turms hinzusetzen und erst einmal abzuwarten. Er war bereits über den Baumkronen und hätte wahrscheinlich auch bei Tag kaum gesehen, was am Boden rund um die Kapelle vor sich ging. Während David auf dem Turm kauerte und auf die Rückkehr der beiden Agenten wartete, schien die Zeit stillzustehen.

Immer wieder suchte er mit angehaltenem Atem die fast völlig kontrastlose Schwärze rund um die Kapelle ab, um zumindest irgendeinen Hinweis auf die Geschehnisse zu erhalten. Für einen kurzen Moment sah er in einigen hundert Metern Entfernung einen Lichtblitz. David musste kein Experte sein, um zu wissen, dass es das Mündungsfeuer einer Pistole gewesen war. Den Bruchteil einer Sekunde später hörte er den dazu gehörigen Knall, der die unerträgliche Stille für einen Augenblick unterbrach.

Wenige Sekunden später war, nahe der Stelle des ersten Schusses, der Wald überzogen von blitzendem Mündungsfeuer. Es folgte eine Reihe von zehn oder mehr Schüssen in zwei sehr kurzen Abfolgen. Automatische Waffen! David wusste, dass die Agenten des Mossad keine derartigen Maschinenpistolen verwendeten. Für einige Sekunden blieb es still, dann folgten nochmals mehrere Maschinenpistolensalven aus einer Position, die sich etwas weiter links von der ersten befand.

Für einen Moment hätte man eine Stecknadel fallen hören können, doch dann, fast gleichzeitig, begannen zwei Maschinenpistolen, von unterschiedlichen Positionen aus, auf die gleiche Stelle im Wald loszufeuern. Der gleichzeitige Lärm der beiden Pistolen machte es David unmöglich, die Anzahl der Schüsse einschätzen zu können, aber es schien ihm logisch, dass beide Schützen ihr Magazin leer geschossen hatten.

David hoffte, noch einen oder mehrere einzelne Schüsse zu hören, die ihm glauben machen würden, dass einer der beiden Mossadagenten das Feuer mit seiner Dienstpistole erwiderte. Doch es blieb still.

Die Sekunden dehnten sich für David zur Ewigkeit aus. Was würde er tun, wenn weder Alon noch Hiob zurückkäme, um ihn zu holen? Was würde er Natascha erzählen, wenn ihn die Polizei morgen Früh mit zwei Leichen im Wald fände? Oder schlimmer noch, wenn auch er morgen Früh...

David schreckte vor seinen Gedanken zurück. Positiv denken, beruhigte er sich. Du hast schon Schlimmeres überstanden, auch wenn ihm im Moment nichts einfallen wollte. Er blickte mit rasendem Herzen auf die Pistole in seiner verschwitzten Hand. Noch nie war er in die Notwendigkeit geraten, einen Menschen damit bedrohen oder gar töten zu müssen. David erinnerte sich an Hiobs Worte. Er hatte Recht gehabt, als er feststellte, dass die Agenten des Mossad immer die Drecksarbeit für ihn gemacht hätten.

Schnelle Schritte näherten sich der Kapelle, und David spürte das Adrenalin in sich wie nie zuvor. Mit einem Mal hörte seine Hand auf zu zittern. Er war sich sicher, sein Leben vor das eines Angreifers zu stellen, wenn er dazu gezwungen wäre.

Jemand betrat die Kapelle und David vernahm kurz darauf das Knarren der Stufen. Wer immer zu ihm hochkam, hatte jetzt die kaputte Stufe erreicht, die ihn aber nicht aufzuhalten schien.

David löste den Sicherungshebel der Pistole und umklammerte sie fest mit beiden Händen. Gleich würde sich eine Gestalt dort zeigen, wo David mit seiner Waffe durch die Tür des Turmes auf den Treppenaufgang zielte. David konnte spüren, wie das Blut durch seine angespannten Schläfen gepumpt wurde. Die Zeit stand jetzt endgültig still. David realisierte, dass er gegen eine Maschinenpistole nur das Überraschungsmoment auf seiner Seite hatte. Er musste schießen, bevor er erkennen konnte, auf wen er schoss. Doch was, wenn Alon oder Hiob vor ihm auftauchten und er sie in Panik erledigte?

Noch bevor David zu einer Entscheidung gezwungen wurde, hörte er einen Schuss aus dem Treppenhaus der Kapelle, unmittelbar gefolgt von dem Klicken eines Schlagbolzens. Ehe David wusste, wie ihm geschah, stürmten unmittelbar hintereinander zwei Gestalten in die Sakristei. Eine Gestalt hielt einen länglichen Gegenstand in der Hand und wurde von der anderen zu Boden gerissen. David sah einen Kampf auf Leben und Tod. Die beiden wälzten sich auf dem Boden und versuchten, den jeweils anderen mit bloßen Händen zu erwürgen.

David vermochte nicht mehr einzuschätzen, wie lange der Kampf bereits dauerte. Er überlegte, wer von den beiden als Sieger aus dem Kampf hervorgehen müsste, als er mit der Waffe abwechselnd auf die beiden Gegner zielte. Stühle und andere Möbel zerbarsten krachend unter den beiden. Endlich löste sich einer der beiden und versuchte zu Davids Verwunderung die Treppe hinunterzulaufen. Doch der andere hatte ihn bereits gepackt und stemmte ihn, einen unmenschlichen Schrei ausstoßend, mit beiden Händen über den Kopf. Keine Sekunde später wurde ein Körper durch die Fensterscheibe der Sakristei geworfen. Das Klirren der Fenster verstummte im Todesschrei des in die Tiefe stürzenden Verlierers.

Regungslos stand David da, als der dumpfe Aufschlag den Schrei abrupt beendete. Er blickte auf die verbliebene Gestalt, die sich ihm näherte. „Ich werde schießen“, drohte David und bemerkte resignierend, dass das Zittern in seiner Stimme ihm keine Glaubwürdigkeit verlieh.

„Ich würde es vorziehen, wenn Sie stattdessen Ihren Kopf benutzen“, vernahm er, als mit einem Mal die gesamte Spannung von ihm abfiel.

„Hiob!“, schrie er euphorisch.

Hiob kam näher und reichte ihm eine Taschenlampe.

„Sie können sich später bedanken“, empfahl er kühl, „wir müssen hier weg. Sofort!“

David bemerkte einen dunklen Fleck auf Hiobs Hemd, der rasch größer wurde. „Sie bluten!“

„Ich weiß“, entgegnete Hiob. „Aber hier geht es nicht um mich.“ Er drängte David die Stufen hinunter und zum Ausgang der Kapelle, wo Alon auf ihn wartete.

„Sieht so aus, als wären wir wieder unter uns“, äußerte sich Alon, als er den Blick von seinem Satellitentransponder zu David gleiten ließ. „Ich würde sagen, du fährst jetzt zurück ins Hotel“, schlug er dann vor. „Wir sehen uns in London.“ Noch bevor David antworten konnte, waren Alon und Hiob bereits in der Dunkelheit verschwunden.

David lief, so schnell es seine weichen Knie zuließen, zurück zum Auto. Auf dem Weg ins Hotel versuchte er die Erlebnisse der letzten Stunden zu verarbeiten. Was immer er Natascha über den Zustand seiner an der Mauer gescheiterten Hose erzählen würde, konnte nicht die Wahrheit sein.