Agententhriller, Krimi, Bestseller, Buch Wien, Mossad, Geheimdienst, Israel

SACER SANGUIS II - Die Rückkehr
Kapitel 08


Jordanien:

Die Sonne stand schon tief, als der Range Rover schwerfällig über die staubige Straße Richtung Süden fuhr. Diese Ecke Jordaniens hatte seit vielen Jahren keine Bewohner mehr. Abseits der vom Sand stellenweise zugewehten Straße wartete nur die Wüste. Einige wenige, kaum grüne Sträucher teilten das seltene Privileg des verbliebenen Wassers unter sich auf. Andere, völlig verdorrte Büsche erinnerten daran, wie vergänglich das Leben in der Wüste war, wenn das Wasser verschwand.

„Was machst du mit deinem Anteil?“, fragte der junge Mann hinter dem Steuer.

„Nun, zunächst werde ich meinen Wagen auftanken, sobald wir zurück in der Stadt sind, wenn dann noch was übrig ist, lade ich dich zum Essen ein“, meinte seine Begleiterin lachend.

Der junge Mann grinste. „Ich hoffe doch, dass wir uns dafür mehr leisten können“, bemerkte er und hielt ein sehr altes, in schwarzes Leder gebundenes Buch hoch. „Es wird mir ewig unverständlich bleiben, wie jemand für alte Bücher so viel Geld ausgeben kann, wo es DVD-Player für unter 50 Dollar gibt.“

„Zum Glück teilen nicht alle Menschen deine Einstellung zu Kulturschätzen“, erwiderte die Frau neben ihm.

„Nicht weit hinter diesem Hügel muss es sein, Ali“, sagte sie zu ihm und deutete auf die Gesteinsformation auf der linken Seite. Ali steckte das Buch ein, als sie auf eine Anlage mit weißen, flachen Gebäuden zufuhren. Aus der Nähe war klar, dass diese einfach gemauerten Unterkünfte schon lange verlassen sein mussten. Der weiße Kalk, mit dem ihre früheren Bewohner die Fassaden gestrichen hatten, war nur noch an wenigen Stellen zu erkennen. Das kleine Wüstendorf schmiegte sich perfekt in die landschaftliche Trostlosigkeit der letzten 60 Kilometer.

Vor einem der größeren Häuser, das dem Dorf vermutlich als Lager gedient hatte, standen zwei armeefarbene Geländewagen. „Hier sind wir richtig“, bemerkte er und parkte den Wagen neben einer Reihe rostiger Ölfässer. Den Flecken im Sand nach zu urteilen, tropften aus einigen davon seit geraumer Zeit verschiedenste Flüssigkeiten.

Die beiden betraten eine Halle. Im Inneren türmten sich auf der rechten Seite unzählige Holzkisten, die teilweise schon zerfielen. Einige Stapel waren noch mit grauen Planen abgedeckt. Die Fenster, die von außen zu erkennen gewesen waren, waren mit Holzkisten verstellt. Durch den Eingang und die großen Löcher im verrosteten Wellblechdach fiel jedoch genügend Licht. Am Ende der Halle standen zwei Männer um einen Tisch, an dessen kurzem Ende ein kleiner Mann saß, der genüsslich eine Zigarre rauchte.

Als er die beiden Neuankömmlinge erblickte, stand er auf und kam näher. „Chess, wie ich vermute?“, erkundigte sich der Zigarrenraucher mit starkem ägyptischem Akzent und blickte Ali in die Augen.

„Ich bin Chess“, entgegnete die Frau und zog die Aufmerksamkeit des übergewichtigen, knapp einen Meter sechzig großen, dunkelhäutigen Mannes auf sich.

„Unmöglich“, widersprach er ungläubig und musterte Chess ausführlich. Die Mundwinkel hoben sich, als er den Blick von ihren kniehohen, glänzend schwarzen Stiefeln auf die eng anliegende schwarze Hose gleiten ließ, die ihre Figur vorzüglich betonte. Die Taille zierte ein breiter schwarzer Ledergürtel mit silberner Schnalle. Unter der offen getragenen schwarzen Lederjacke ließ ihn eine leicht geöffnete weiße Bluse einiges vermuten. „Andererseits, warum nicht“, lachte er lauthals. „Ich mag Frauen mit Potenzial“, sagte er, den Blick noch immer auf ihre Brust fixiert.

Und mir wird gleich schlecht, wenn ich dieses fette Pickelgesicht noch länger sehen muss, dachte Chess. Er war in der Tat kein erwähnenswerter Anblick. Während die letzten dunklen Haare seiner weit fortgeschrittenen Glatze wichen, schien er andererseits Mühe zu haben, seine Nasenhaare am Herauswachsen zu hindern.

„Eigentlich sind wir deshalb hier“, beendete Ali die Begrüßung, als er das schwarze Lederbuch aus seiner Jacke holen wollte.

Blitzschnell hatten die beiden Männer am Tisch ihre Kalaschnikows auf Ali gerichtet. „Schön langsam“, verlangte der Ägypter nervös und forderte ihn auf, seine Hand vorsichtig aus der Tasche zu holen.

„40.000 Dollar in bar und es ist das Ihre“, argumentierte Chess und deutete Ali mit ihrem Kopfschütteln, das Buch in der Jacke zu belassen. Der Ägypter rief einem seiner Männer am Tisch etwas zu, der ihm sogleich einen silbernen Koffer brachte.

Chess versuchte den Ägypter, der immer noch unmittelbar vor ihr stand, einzuschätzen. Er musste bereits über 50 sein, und augenscheinlich verdiente er sehr gut mit dem Handel von Antiquitäten. Für die Wüste war er mit seinem fein vernähten Maßanzug und den italienischen Lederschuhen nicht annähernd passend gekleidet. Die vermutlich aus Kalbsleder hergestellten braunen Handschuhe passten wie eine zweite Haut. Sie bildeten jede noch so kleine Bewegung seiner Finger an der matten Lederoberfläche ab.

Ali nahm den Koffer und legte ihn auf eine Holzkiste. „Die Kombination?“, fragte er den Ägypter, als er feststellte, dass sich die beiden Öffnungshebel nicht bewegen ließen.

„Ist eingestellt“, antwortete der Ägypter. „Das klemmt nur.“ Ali riss sich den Nagel des linken Daumens ein, als unter Einwirkung von viel Gewalt schließlich beide Schlösser aufsprangen.

„Jetzt mein Buch“, forderte der Ägypter und streckte Ali fordernd die Hand entgegen. Chess nickte. Aufgeregt blätterte er das Buch durch. Chess beobachtete, wie er einzelne Seiten genauer betrachtete.

„Lass uns gehen, Chess“, röchelte Ali mit hustender Stimme.

„Das war wirklich gute Arbeit. Schade, dass ich für Ihren Begleiter keine Verwendung mehr habe“, erklärte der Ägypter und veranlasste damit Chess, ihren Blick auf Ali zu richten, der mit einem Mal hustend in die Knie ging.

„Was ist mit dir?“, beugte sich Chess zu ihm.

„Sie können ihm nicht mehr helfen“, bemerkte der Ägypter mit einem kühlen Kopfschütteln. „Wenn der Wirkstoff erst einmal mit der Haut in Berührung gekommen ist...“, er deutete auf das Schloss des Geldkoffers.

„Was haben Sie getan?“, schrie Chess ihn an. Ali begann sich auf dem Boden zu krümmen und sein Husten brachte blutigen Schleim hervor.

„Faszinierend, die Biowaffen der Amerikaner, nicht wahr?“, lächelnd machte er einen tiefen Zug von seiner Zigarre.

Einer seiner Männer begann mit Handschuhen das Geld aus dem Koffer zu nehmen und in einen Plastiksack zu stecken.

Ali röchelte zu seinen Füßen und verfiel in krampfähnliche Zuckungen.

„Tun Sie was!“, schrie Chess ihn an. „Sofort!“ Sie wollte ihre Waffe ziehen. Der Ägypter schüttelte teilnahmslos den Kopf und Chess spürte, wie sich der Lauf einer Pistole so heftig zwischen ihre Schultern bohrte, dass ihre Brust davon nach vorne gedrückt wurde.

„Sie haben ja noch mehr davon“, begeisterte sich die Fratze des Ägypters, der mit seiner Hand nach ihrer Brust greifen wollte.

„Ich verspreche, ich mache was Sie wollen, aber bitte helfen Sie ihm“, flehte Chess ihn an. Der Ägypter blickte Chess zum ersten Mal in die Augen, und sie erkannte seine Gier nach ihrem Fleisch und den Wahnsinn, der tief in seinen dunklen grauen Augen loderte.

„Wie leicht man doch das Herz einer Frau gewinnen kann.“

Chess versuchte seinem Blick auszuweichen und seine Aufmerksamkeit damit auf Ali zu lenken, aus dessen Augenhöhlen Blut zu treten begann und dessen Husten immer leiser wurde. „Helfen Sie ihm - bitte.“

Der Ägypter gab einem der Männer ein Zeichen, der daraufhin einen Kanister öffnete und eine durchsichtige Flüssigkeit über Ali schüttete. „Ich hoffe, Sie halten Ihr Versprechen“, grinste der Ägypter, als der zweite Mann seine Waffe hob und einen gezielten Schuss auf Alis Kopf abfeuerte.

„Nein!“, schrie Chess. Doch die Kugel hatte das Benzin bereits entzündet. In den Tränen ihrer Augen spiegelte sich eine Stichflamme, die Ali einhüllte.

Sie spürte, wie ihre Glieder schwer wurden und ein tiefer kalter Schmerz ihren Körper durchlief. In diesem Moment starb jener Teil von ihr, der in den Flammen verbrannte, die aus dem leblosen Körper ihres Bruders loderten. Sie wollte das Leid herausschreien, das auch sie zu verbrennen schien, doch ihre Lippen versagten. Wortlos starrte sie in die Flammen, die immer höher loderten. Sie bemerkte die Hände nicht mehr, die ihren Körper nach Waffen abtasteten und ihre Pistole an sich nahmen.

„Los, weg hier!“, rief der Ägypter seinen Männern zu und zerrte Chess am Arm hinter sich her. Chess versuchte, die aufkommende Leere mit einer Erinnerung an das Lächeln ihres Bruders zu füllen, das sie so an ihm gemocht hatte. Ihre Emotionen schienen sie bereits zu überwältigen, als ihre Gedanken mit einem Mal klar wurden. Ihr eigener Überlebenswille hatte begonnen, sie dazu zu zwingen, sich nicht länger der vermeintlichen Ausweglosigkeit der Situation auszuliefern. Die Trauer um ihren Bruder wich der Realität ihres eigenen Schicksals.

Das Feuer in der Halle griff schnell auf die Holzkisten über und binnen kurzer Zeit würde die ganze Halle in Flammen stehen. Chess sah ihre einzige Chance darin, zu ihrem Wagen zu gelangen.

„Du fährst ihren Wagen“, wies der Ägypter einen seiner Männer an, als sie die Halle verließen. Er forderte Chess auf, ihm den Schlüssel zu geben. „Der alte Rover bringt uns sicher noch ein paar tausend Dollar extra.“ Geistesgegenwärtig deutete Chess in die Flammen. „Ali hatte den Schlüssel.“

Die anderen Männer hatten bereits den ersten Wagen bestiegen und warteten im Fahrzeug. Der Ägypter befahl dem letzten verbliebenen Mann zurück in die Halle zu gehen und den Schlüssel zu bringen. Dieser schüttelte sichtlich irritiert den Kopf. „Geh!“, schrie ihn der Ägypter an. Der Mann zögerte immer noch. Der Ägypter zog seine Waffe und zielte auf seinen Kopf. „Ich werde mich nicht wiederholen.“ Widerwillig drehte er sich um und lief zurück, um von der Leiche den Schlüssel zu holen.

„Heute noch!“, rief er ihm nach. „Wenn die Flammen den Schlüssel zerstören, zieh ich dir den Wagen von deinem Anteil ab.“ Er wusste, dass keine Zeit mehr war, den Wagen, der neben den tropfenden Blechfässern parkte, ohne Schlüssel schnell genug von der Halle wegzubringen.

Die Männer konnten nicht ahnen, wie viel Geld der Wagen von Chess bringen würde. Der Rover stammte aus dem Besitz eines hohen jordanischen Regierungsbeamten. Der Ägypter drehte sich zur Halle, um zu sehen, wo sein Mann mit dem Schlüssel blieb. Chess nutzte diesen Moment der Unaufmerksamkeit und schlug dem Ägypter mit voller Kraft den Ellenbogen in den Rücken. Sie griff in die Hosentasche, wo sie die Fernbedienung des Wagens ertastete und drückte auf den Knopf. Die schweren hydraulischen Türen des Rovers öffneten sich blitzschnell von selbst, während der Motor startete. Mit einem beherzten Sprung hechtete Chess in ihr Fahrzeug und drückte die Paniktaste, mit der sich die Türen sofort wieder verriegelten.

Der Ägypter stand auf und klopfte sich den Staub von seinem Anzug, während einer der Männer aus dem Auto ihm zu Hilfe eilte. Chess kletterte hinter das Lenkrad und stellte den Gangwahlhebel auf D. „Steigen Sie aus - sofort!“, schrie der Mann neben dem Ägypter und richtete seine Kalaschnikow auf Chess. Jetzt wird sich zeigen, ob der Wagen sein Geld wert ist, dachte Chess und drückte das Gaspedal durch. Der Motor heulte auf und aus den Radkästen prasselten Steine und Geröll auf die Mauer der Halle, ehe sich der Rover langsam in Bewegung setzte. „Stoppt sie!“, schrie der Ägypter zu den wartenden Männern im Auto und begab sich selbst hinter das Steuer des Wagens.

Die Männer stellten sich mit vorgehaltenen Waffen Chess’ Rover in den Weg, der langsam an Fahrt gewann. „Wenn ihr es so haben wollt!“, brüllte Chess und hielt auf die Männer zu. Einer der Männer begann, auf den Wagen zu feuern. Chess sah die Kugeln auf sich zukommen, die wie schwerer Hagel auf die gepanzerte Scheibe prasselten. Zwei der Männer sprangen zunächst noch zur Seite, während der Körper des dritten mit einem dumpfen Schlag auf die Motorhaube des Rovers geschleudert wurde.

Chess hätte diesen Vorteil nutzen können, um sich in Sicherheit zu bringen, aber sie wollte die Mörder ihres Bruders nicht ungeschoren davonkommen lassen. Nur von Hass getrieben trat sie mit beiden Beinen auf die Bremse und legte den Rückwärtsgang ein, um gleich darauf wieder das Gaspedal durchzutreten. Der leblose Körper rutschte von ihrer Motorhaube und verschmierte dabei großflächig das Blut, das bereits ausgetreten war. Chess spürte, wie die Räder des tonnenschweren Fahrzeugs gegen etwas Festes fuhren, um es gleich darauf zu erfassen und unter sich zu zerquetschen. Die Stille der Wüste wurde abgelöst von einer bizarren Sonate aus Motorengeheul, Schüssen und dem Schreien verstümmelter Körper.

Während Chess noch einmal über die am Boden liegenden Überreste der Peiniger fuhr, steuerte der Ägypter seinen Jeep mit hoher Geschwindigkeit in die Seite des Rovers. Mit einem lauten Krachen traf er die Fahrertür und versetzte Chess’ Wagen um einen guten Meter zur Seite. Der Wagen des Ägypters hatte dabei so großen Schaden genommen, dass der Vorbau keine fahrzeugähnliche Struktur mehr erkennen ließ. Der Ägypter lag regungslos hinter dem Lenkrad und seine Haare färbten sich rot. Chess setzte den Wagen zurück Richtung Halle, um Schwung zu holen.

Als sie kurz vor der Halle abbremste, um den Vorwärtsgang einzulegen, sah sie im Rückspiegel einen Mann aus der Halle kommen, die sich in eine Flammenhölle verwandelt hatte.

Sein rechter Oberkörper war schwer verbrannt. Nur unter großen Schmerzen war es ihm möglich, seine Kalaschnikow auf den Rover zu richten. Mit einem lauten markerschütternden Schrei feuerte er sein Magazin gegen den Wagen, an dem die Kugeln so leicht abprallten, als hätten sie Kinder mit der Hand darauf geworfen.

Chess sah den Mann mit einem leeren Blick an und verspürte für einen kurzen Moment so etwas wie Mitleid mit dem armen Teufel, dessen rechter Arm nur noch wie ein Stück verbranntes Fleisch an seiner Schulter baumelte. In diesem Augenblick musste ein Querschläger eines der Ölfässer getroffen haben. Wie in Zeitlupe erlebte Chess den Feuerball, der seinen Körper erfasste und ihm zunächst nur den verkohlten Arm abriss. Den Bruchteil einer Sekunde später wurde der restliche Körper von der vollen Wucht der Druckwelle erreicht, der auch der fast fünf Tonnen schwere Rover nur wenig entgegenzusetzen hatte. Die Wucht der Explosion schleuderte den Wagen in die Luft. Eine Wolke aus Staub und Rauch nahm Chess die Sicht. Einige Meter weiter fiel der Wagen wie ein Stein laut krachend zu Boden und ließ das umliegende Erdreich in hohem Bogen wegfliegen.

Als Chess das Bewusstsein wiedererlangte, spürte sie, wie warm ihre Hand sich anfühlte. Ein Riss in ihrer Schulter ließ das Blut über ihren Arm auf ihre Finger rinnen. Sie war beim Aufprall offensichtlich schwer mit dem Fensterrahmen kollidiert. Chess suchte nach dem Verbandskasten unter ihrem Sitz, während sie von ihrem Körper zunehmend Rückmeldungen darüber erhielt, wo dieser noch benötigt wurde. Ich denke, die Schnittwunde werde ich auch ohne Arzt überleben, wenn die Blutung erst gestillt ist. Der Rest sind ohnehin nur Kratzer und blaue Flecken.

Nachdem sie die gröbsten Wunden versorgt hatte, versuchte sie sich einen Überblick über die Situation außerhalb ihrer Festung zu verschaffen. Die Scheiben waren stark verschmutzt und schwer beschädigt, sodass es kaum möglich war, etwas zu erkennen. Es war aber ruhig genug, um den Ausstieg zu wagen. Keiner der Fensterhebermotoren war noch in der Lage, die völlig zersprungenen, aber noch immer haltenden Scheiben zu bewegen. Chess versuchte, ihre Tür zu öffnen, die extrem nach außen gewölbt war. Die Türverriegelung machte zwar ein Geräusch, aber keine Anstalten, das Schloss freizugeben. Auch bei den anderen Türen hatte sie kein Glück. Sie griff zum Hörer des Satellitentelefons und legte ihn kurz darauf enttäuscht zurück. Das Display an der Unterseite des Hörers war zerbrochen und einige Kabel hingen heraus. Damit kann ich keine Hilfe mehr holen.

Chess war sich sicher, dass außer ihr niemand überlebt haben konnte bei einer Explosion, die in der Lage war, den Rover so zuzurichten. Der Vorbesitzer des Wagens hatte ihn mit einer B7-Panzerung bestellt, die selbst den Beschuss mit einzelnen Granaten überstehen konnte. Chess erinnerte sich an die abschließenden Worte des Vorbesitzers, als er ihr den Wagen übergab. „Wenn das Fahrzeug einmal so zerstört ist, dass Sie es nicht mehr über die regulären Ausstiege verlassen können, dann bleibt Ihnen nur noch eins zu tun.“ Chess erinnerte sich auch an den roten Schalter in der Mittelkonsole, den ihr der Mann damals gezeigt hatte. „Ich hoffe, Sie werden ihn nie brauchen.“

Sie öffnete die Mittelkonsole und blickte auf die zwei Knöpfe, der rechte betätigte den Feuerlöscher unter dem Rover. Kann nicht schaden, fand sie und hörte für einige Sekunden das Gas unter dem Fahrzeugboden ausströmen. Und jetzt raus hier. Ihre blutverschmierte Hand drückte den roten Knopf. Sie presste die Augenlider zusammen und wartete - nichts. „Verdammt!“, fluchte sie. Da hörte sie ein Piepsen, das immer schneller wurde, an den Türen begannen rote Lämpchen im Takt des Piepsens ebenfalls immer schneller zu blinken.

Sie begab sich sofort in die Mitte des Wagens, um möglichst weit von allen Türen entfernt zu sein. In diesem Moment sprengten mehrere gezielte Explosionen fast gleichzeitig die Türen aus dem Rover.

Chess stieg aus dem Wagen und glaubte, ihren Augen nicht zu trauen. Der verkohlte Haufen Schrott, aus dem sie geklettert war, hatte keine Ähnlichkeit mehr mit ihrem geliebten Auto.

Vorsichtig begann sie die Umgebung abzusuchen. Vereinzelt brannten noch kleinere Stücke, die die Explosion in großem Bogen verteilt hatte. Das Blechdach der Halle war eingestürzt und ein erheblicher Teil der Wand, vor der die Fässer gestanden hatten, war nicht mehr da. Sie beschloss später mit Hilfe wiederzukommen, um die Überreste ihres Bruders zu bergen.

In den Trümmern vor der Lagerhalle entdeckte sie zahlreiche verbrannte menschliche Gliedmaßen, deren Gestank sich mit dem beißenden Brandgeruch mischte, der in der Luft lag. Sie fand eine Pistole, die offenbar noch funktionsfähig war und steckte sie ein. Einer der Geländewagen war komplett ausgebrannt und nur dort, wo einmal das Armaturenbrett gewesen sein musste, dampfte es noch ein wenig.

Chess ging zum Wrack des zweiten Wagens, den sie hatte rammen wollen, bevor die Explosion sie erfasst hatte. Er war nur knapp außerhalb der Reichweite der Explosion geblieben. Seine Frontscheibe war zwar noch in einem Stück, aber überzogen von kleineren Einschlägen brennender Teile, die darauf heruntergeregnet waren. Chess öffnete mit der Waffe in der Hand die Tür und erschrak. Das Fahrzeug war leer. Auf dem Beifahrersitz lag ein geöffneter Verbandskasten. Dort, wo offensichtlich einmal das Funkgerät gewesen war, standen abgerissene Drähte aus einem Loch. Auf dem Lenkrad und dem Armaturenbrett trocknete Blut, doch von dem Ägypter fehlte jede Spur. Chess sah sich im Fahrzeug genauer um und fand unter dem Sitz einige lose Blätter. Bei näherer Betrachtung war sie sich sicher, Seiten des schwarzen Buchs gefunden zu haben. Sie mussten wohl herausgefallen sein, bevor der Ägypter sich mit dem Buch und ihrem Geld aus dem Staub gemacht hatte.

Chess blickte sich besorgt um. Irgendwo da draußen in der Wüste war der Mörder ihres Bruders. Dem Blut im Fahrzeug nach zu urteilen war er verletzt, doch offensichtlich noch kräftig genug, um in die Wüste laufen zu können.

Wie lange war sie wohl ohnmächtig gewesen, und wie viel Vorsprung würde er haben? Sie konnte die Zeit nur grob einschätzen und vermutete, dass er an die 20 Minuten vor ihr losgegangen sein musste. Aber sie wusste nicht in welche Richtung. Wie sollte sie ihn finden, und was, wenn sie ihn gefunden hatte?

Chess fühlte, wie die Trauer um ihren Bruder wieder stärker wurde, als die Last der Anspannung von ihr abfiel. Einsamkeit bemächtigte sich ihrer Gedanken. Eine Träne rollte langsam über ihre Wange. Chess setzte sich in den Sand und begann zu weinen.