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SACER SANGUIS II - Die Rückkehr
Kapitel 10


Jordanien, Wüste:

Chess stand auf und trug die Dinge zusammen, die ihr noch nützlich schienen. Sie holte eine mit Wasser gefüllte Flasche aus den Überresten des Rovers sowie etwas Dosenbrot, wie man es bei der Armee gern servierte. Aus dem Teil, der einmal das bullige Heck des Rovers gewesen war, nahm sie ein Schweizer Armeemesser, eine kleine Taschenlampe, einen Kompass und eine Leuchtpistole mit drei Patronen an sich.

Chess sah, wie die letzten schwachen Sonnenstrahlen am Horizont verblassten. Ihre einzige Chance war, die Wüste während der Nacht zu durchqueren, um möglichst wenig Flüssigkeit durch Schwitzen zu verlieren. Sie richtete ihren Blick auf den Kompass in ihrer Hand und machte sich auf den langen Weg Richtung Norden.

Sie orientierte sich zunächst an der Straße, auf der sie mit dem Rover gekommen waren. Die Sterne am abendlichen Wüstenhimmel boten gerade genügend Licht, um den Straßenverlauf auszuleuchten. Chess war klar, dass die Straße nicht den kürzesten Weg zurück bedeutete. Eine mehrere Kilometer lange, stufenförmige Felsformation zwang die Straße, ihrem scharf begrenzten Rand zu folgen. Unmittelbar neben der Fahrbahn ging es steil bergab.

Beim Herfahren hatte sie mehrmals über den etwa 20 Meter tiefen Abgrund auf die darunter liegende Straße geblickt. Er zwang Fahrzeuge dazu, diese Laune der Natur großräumig zu umfahren. Das spart mir sicher zehn Kilometer, überlegte sich Chess, als sie mit der Taschenlampe die Steilwand hinunter leuchtete. Nur ganz schwach zeichnete der Lichtkegel in der Tiefe des Abgrunds noch Umrisse herumliegender Steinbrocken ab. Sie suchte im Licht der Taschenlampe eine Stelle in der Steilwand, die ausreichend strukturiert war, um hinunterklettern zu können. Geduldig schritt sie Meter für Meter ab.

Sie entdeckte eine andere Stelle, die ihr für einen Abstieg geeignet erschien. Chess trat mit dem Absatz ihres Stiefels vorsichtig gegen einen Steinbrocken, der aus der Steilwand ragte. Als er sich nicht bewegte, trat sie fester darauf ein, um sicherzustellen, dass er ihr Gewicht tragen würde. Der Steinbrocken steckte in der Wand und rührte sich nicht. Vorsichtig begann sie in die felsige Wand einzusteigen. Unter ihren Füßen bröckelten zahlreiche kleinere Steine weg und fielen in die Tiefe. Chess testete mehrfach jeden Tritt, ehe sie ihr ganzes Gewicht darauf verlagerte. Sie hatte die Taschenlampe zwischen ihre Zähne geklemmt, um sich die möglichen Griffe besser ausleuchten zu können. Doch der helle Schein der Lampe unmittelbar vor ihrem Gesicht blendete sie und erschwerte den Abstieg zusätzlich.

Bei nahezu jedem Tritt vernahm sie das Geräusch von fallendem Geröll, das unter ihr in der Dunkelheit verschwand. Es war nicht schwer, sich auszurechnen, wie ein Absturz aus dieser Höhe enden würde. Meter für Meter durchkletterte sie die Wand und musste feststellen, dass sich deren Zusammensetzung veränderte. Je weiter sie kam, desto weniger Halt fand sie im zunehmend glatter werdenden felsigen Untergrund. Von oben sah das aber nicht so weit aus. Die vermeintliche Abkürzung wollte kein Ende nehmen. Sie blickte hinauf zur Kante der Felswand, um mit Hilfe des Mondlichts die zurückgelegte Strecke einschätzen zu können.

„Verdammt“, stieß sie erschrocken aus, als ihr rechter Fuß plötzlich den Halt verlor. Ein großer Stein hatte sich unter ihrem Gewicht aus der Felswand gelöst und schlug mit lautem Krachen einige Meter unter ihr auf. Einzelne kleinere Steine fielen ihm weit weniger spektakulär hinterher. Chess hatte alle Mühe, die linke Hand fester um jenen Stein zu krallen, der in diesem Moment fast ihr gesamtes Gewicht tragen musste. Ihren Oberkörper hatte sie instinktiv gegen den Fels gepresst, um den Absturz der Taschenlampe zu verhindern.

Nur mit Mühe gelang es Chess, wieder festen Halt mit dem Fuß zu ertasten. Mit äußerster Vorsicht bemühte sie sich, ihre Lage zu stabilisieren, ohne dabei die Taschenlampe zu verlieren, die sie mit ihrer Brust an den Fels drückte.

Das war verdammt eng, dachte Chess, als sie wieder einigermaßen sicher in der Wand stand. „Jetzt noch die Lampe.“ Langsam senkte sie den Kopf, ohne dabei ihren Oberkörper zu weit von der Wand zu entfernen. Der Spalt, der sich zwischen ihrem Oberkörper und dem Fels auftat, bot kaum genug Platz für ihren Kopf. Komm schon. Sie streckte ihren Nacken, um mit ihren Zähnen näher an das Licht zu gelangen. Ihre Finger schmerzten bereits unter der stetigen Einwirkung der scharfkantigen Felsen. Trotz aller Bemühungen sah sie keine Möglichkeit mehr, die Lampe mit den Zähnen noch zu erreichen. Besser nur die Lampe als wir beide. Chess gab mit ihrem Oberkörper die Lampe frei und sah den Lichtschein im gleichen Moment etwa drei Meter in die Tiefe fallen.

Angenehm überrascht von der geringen Resthöhe rief Chess in die Nacht hinaus: „Besser kontrolliert springen als unkontrolliert fallen.“ Sie stieß sich von der Felswand ab und wagte einen kühnen Sprung. Wie ein Flugzeug, das sich im Landeanflug an den Positionsleuchten des Flughafens orientierte, visierte Chess den Schein der am Boden liegenden Taschenlampe an. Sanfter als erwartet landete sie knapp zwanzig Zentimeter neben der Lampe.

Chess klopfte sich erleichtert den Staub ab und bückte sich zu der Taschenlampe neben ihr. Ohne richtig hinzusehen, griff sie danach. Erst als sie diese nicht zu ertasten vermochte, blickte sie zur Seite. Chess erstarrte wie vom Blitz getroffen. Ihre Hand verharrte regungslos neben der Lampe im Staub, wo ein Skorpion sie mit seinem aufgestellten Hinterleib anvisierte. Es war ein sandgelber, etwa acht Zentimeter langer Skorpion, der seinen dünnen Schwanz über den schwarzen Rücken nach vorne gebeugt hatte. Mit seinen weit geöffneten Scheren und dem Stachel zielte er auf Chess’ Hand.

Sie starrte das Spinnentier an und versuchte jede Bewegung oder Erschütterung zu vermeiden. Auch das Tier rührte sich nicht und schien darauf zu warten, dass sie sich zuerst bewegen würde.

Sie verglich die Größe der Scheren mit der des Giftstachels. Jedes palästinensische Kind kannte den Spruch: „Mit kleinen Scheren wird viel Gift er entleeren.“ Ihr war sofort klar, dass das Exemplar vor ihr mehr auf sein Gift als auf die Scheren vertraute. Sie erinnerte sich an ihren Bruder, als sie den Skorpion anstarrte.

Ali hatte früher Skorpione in Plastikdosen gehalten und seine Schwester wiederholt für sein ausgefallenes Hobby begeistern wollen. Er hatte vom Überlebenswillen und der Gefährlichkeit dieser Tiere geschwärmt, die auch den Kampf mit übermächtigen Gegnern nicht scheuten. Skorpione sind unsere Brüder, hatte er einmal zu Chess gesagt, sie kämpfen im Staub der Vorfahren gegen ihre übermächtigen Feinde. Wegen ihrer Stärke und Zähigkeit hat Allah ihnen dieses Heilige Land zugedacht. Wie sie müssen auch wir stark sein und uns seines Vertrauens würdig erweisen. Er hatte die Widerstandsfähigkeit der Skorpione mit dem Kampf der Palästinenser gegen die zionistischen Besatzer verglichen.

Chess, die oft Zeugin einer Skorpionfütterung gewesen war, kannte die Angriffstaktik des Skorpions genau. Er würde zuerst versuchen, seine Beute mit den Scheren zu packen, um dann sein Gift zu injizieren. Mit tödlicher Präzision traf der Stachel jedes Mal exakt in das von den Scheren umklammerte Ziel. Nur wenige Tiere waren in der Lage, den Stachel eines Skorpions rechtzeitig zu fassen und abzubeißen.

Völlig unvermittelt drehte sich der Skorpion mit einem Mal um. Chess zog sofort ihre Hand zurück und erkannte, wie der Skorpion mit seinen Scheren einen dicken schwarzen Käfer packte, der über den Sand lief. Nur einen Augenblick später knackte sein Panzer unter der Wucht, mit der ihm der Skorpion seinen Stachel hineinrammte.

Sie ergriff die Lampe und sprang auf. Besser er als ich! Sie leuchtete mit der Taschenlampe den Weg aus. Chess musste knapp 100 Meter zurücklegen, um wieder auf die Straße zu gelangen.

Nachdem sie sich einen Schluck Wasser genehmigt hatte, setzte Chess ihren Weg Richtung Norden fort. Die breite, staubige Straße entfernte sich von der Felsformation und führte ins offene Gelände. Chess registrierte leichten Wind, der aus Nordost wehte. Die Nächte in der Wüste konnten unangenehm kühl werden, waren aber die bessere Alternative zu einer Durchquerung in der Gluthitze, die hier tagsüber herrschte.

Chess hatte errechnet, dass sie am frühen Vormittag die Siedlung erreichen müsste, durch die sie mit dem Rover gefahren waren. Auch wenn ihr eine kurze Rast gut getan hätte, so wollte sie angesichts der feindseligen Fauna dieser Wüste keine Minute länger bleiben als notwendig. Weit entfernt heulte einsam ein Wolf, der sie in ihrer Entscheidung bekräftigte.

Mit jedem quälenden Schritt wuchs ihr Hass auf den Ägypter. Ob er die Wüste überlebt, fragte sie sich, und dachte an die Skorpione, Wölfe und Hyänen, die diese Wüste bei Nacht bejagten. Mit seinen Verletzungen und der unpassenden Kleidung standen seine Chancen schlecht. Was aber, wenn er über Funk Hilfe angefordert hat?, schoss es ihr mit einem Mal durch den Kopf. Wenn er gar nicht so hilflos durch die Wüste irrte, wie sie dachte?

Während sie versuchte, diesen Gedanken zu verdrängen, nahm sie hinter sich ein weit entferntes Motorengeräusch wahr. Sie drehte sich um und sah einen Lichtpunkt, der rasch näher kam. Immer lauter wurde das Geräusch, das dem Straßenverlauf zu folgen schien. Chess erkannte einen Hubschrauber, der mit hellen Suchscheinwerfern die Straße ausleuchtete. Sie zögerte kurz, dann drehte sie die Taschenlampe ab und lief im rechten Winkel von der Straße weg.