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SACER SANGUIS II - Die Rückkehr
Kapitel 11


London:

Es war kurz vor 20:00 Uhr, als der Wachmann des Imperial College auf seinem Rundgang beim Portier vorbeikam. „Hallo Steve, heute bist du wirklich nicht zu beneiden.“ Der Wachmann sah durch die Glastür nach draußen, wo heftiger Regen auf den Steinboden prasselte. „Wir können gern tauschen!“, rief er in Richtung Portierloge, als er die schwere Glastür öffnete und ihm der Regen entgegenschlug. Steve war es gewohnt, dem britischen Regen ohne Schirm zu trotzen.

Routiniert begann er seine Abendrunde. Er prüfte jeden Zugang genau nach den Vorgaben des Dekanats. Auch der heftige Regen konnte seinen Zeitplan nicht gefährden.

„Wirklich ein Schweinewetter“, murmelte er, als er den nächsten Kontrollpunkt seiner Runde ansteuerte. Der 90 Meter hohe Queens Tower stand etwas abseits vom Hauptgebäude. Früher war der Queens Tower förmlich von Studenten und Besuchern gestürmt worden. Seine exponierte Lage ermöglichte einen einzigartigen Rundblick über London.

Mit der Ablösung des alten Dekans war das Betreten des Turms untersagt worden. Der Wachdienst musste seither auch den Turmeingang zweimal täglich kontrollieren. Begründet hatte man die Entscheidung mit der Baufälligkeit des Turms, dessen Inneres von einer in die Jahre gekommenen Holzkonstruktion getragen wurde.

Steve war seit über zwanzig Jahren als Wachmann auf dem Campus tätig. Die Entscheidung für die Schließung des Turms schien ihm nicht nachvollziehbar. Steve hatte viele Dekane kommen und gehen sehen und längst aufgehört, deren Entscheidungen zu hinterfragen.

„Das hat mir noch gefehlt“, brummte er, als der Dauerregen begann, die Imprägnierung seiner Dienstjacke zu durchdringen. Steve sah auf seine Armbanduhr. „Noch zwanzig Minuten, bis ich wieder im Trockenen bin“, seufzte er.

Steve war so damit beschäftigt gewesen, sich über das Wetter zu ärgern, dass er die Gestalt vor dem Turm erst jetzt bemerkte. Noch war er zu weit entfernt und der Regen zu stark, um Details zu erkennen.

„Hier ist Steve vom Wachdienst!“, schrie er in Richtung Turm.

Er erhielt keine Antwort. Kein Wunder, dass mich bei dem Wetter keiner hört, dachte er und lief zum Turm. Etwas außer Atem keuchte er: „Hier ist der Wachdienst, bitte geben Sie sich zu erkennen.“

Der etwa zwei Meter große dunkelhäutige Mann mit Vollbart drehte sich wortlos zu ihm um.

Steve leuchtete ihn mit der Taschenlampe an. „Wachdienst“, stellte er sich erneut vor. „Sagen Sie mir, wer Sie sind und was Sie hier machen.“ Der Bärtige, dessen gewaltiger Körper die gesamte Tür verdeckte, tat einen Schritt zur Seite. Steve konnte erkennen, dass das Schloss der Tür beschädigt war.

„Sagen Sie mir sofort, was hier los ist“, herrschte er den Bärtigen an. Steve sah, wie der Regen über das vernarbte Gesicht des Mannes lief. Wieder erhielt er keine Antwort. Völlig teilnahmslos blieb der Mann stehen und richtete seinen Blick in die verregnete Nacht.

„Dieser Vandalismus wird Sie teuer zu stehen kommen.“ Steve griff nach seinem Funkgerät, um die Zentrale zu verständigen.

„Lassen Sie das!“, ließ ihn eine Stimme hinter sich aufschrecken. Noch ehe er Zeit fand, sich umzudrehen, verspürte er den Druck von nassem, kaltem Stahl an seiner Kehle. „Nicht bewegen“, befahl die Stimme mit arabischem Akzent.

Wir sind Wachleute, keine Filmhelden, schoss Steve der Leitsatz seines Chefs durch den Kopf. Er machte keine Anstalten, sich zu wehren. Nie zuvor hatte jemand sein Leben bedroht, der Job am Campus galt als einer der langweiligsten Arbeitsplätze unter den Wachdienstmitarbeitern.

Der Bärtige öffnete die Tür zum Turm, die mit einem gequälten Knarren den Weg freigab. „Vorwärts“, wurde Steve angewiesen, dem Bärtigen ins Innere des Turms zu folgen.

Er hörte die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Zielsicher schritt der Bärtige die Kellerstufen hinunter. Der Druck der Klinge an seinem Hals machte Steve klar, dass er folgen sollte.

Vorsichtig stieg Steve die Stufen hinab, ständig bemüht, das Messer nicht weiter an seine Kehle kommen zu lassen. Das passiert alles nicht wirklich, dachte er, ich muss aufwachen, versuchte er den Albtraum zu beenden.

Der Bärtige blieb vor einer schweren Eisentür stehen, die den Weg versperrte. Der Rost und die Spinnweben zeigten, dass sie seit vielen Jahren nicht mehr benutzt wurde.

„Aufmachen!“

Ein Stück entfernte sich das Messer von seinem Hals und gab Steve die Möglichkeit zu sprechen. „Ich… Ich habe keinen Schlüssel“, stotterte er verunsichert. „Nur der Dekan hat ihn.“

„Aufmachen!“, schrie die Stimme ungeduldig. Steve fühlte, wie aufsteigende Angst ihm die Kontrolle über seine Muskulatur nahm. Er begann am ganzen Körper zu zittern.

Der Bärtige drehte sich um und starrte ihn an. Noch nie hatte Steve eine solche Entschlossenheit in den Augen eines Menschen gesehen. Der bringt mich um, schoss es ihm durch den Kopf.

Steve geriet in Panik. „Ich habe wirklich keinen Schlüssel!“, schrie er verzweifelt.

„Sie...“ Steves Satz wurde von einem Gurgeln beendet. Er sah sein Blut an die Wand spritzen, ehe er den Schmerz der durchtrennten Kehle spürte. Seine Hände versuchten schützend den Hals zu umklammern, doch mit jedem Herzschlag quoll das Blut zwischen seinen Fingern hervor.

Steve sank in die Knie, „Wach auf!“, wollte er sich selbst noch zurufen.

Langsam begann der Druck seiner blutigen Hände nachzulassen. Er spürte, wie sein Herzschlag sich verlangsamte, als die Dunkelheit ihn einschloss.

„Idiot!“, fluchte der Mann mit dem arabischen Akzent und wischte das Messer an Steves Jacke ab.

„Brich sie auf!“, wies er den bärtigen Mann an, der daraufhin Steves Körper mit dem Fuß von der Tür wegtrat.

Ein modriger Geruch schlug den beiden entgegen, als die Tür nachgab. Die Wände und das Deckengewölbe des Treppenabgangs waren gemauert, an vielen Stellen tropfte Wasser auf die steinigen Stufen. Ein Geflecht aus Spinnennetzen schuf eine bizarre Szenerie. In einigen Netzen befanden sich von Pilzen mumifizierte Spinnen. Gespenstisch hingen ihre kalkweißen Körper von der Decke herab.

Der Mann mit dem arabischen Akzent blickte auf seine Uhr. „Wir müssen uns beeilen.“ Er deutete auf die Treppe, die weiter in die Tiefe führte.