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SACER SANGUIS II - Die Rückkehr
Kapitel 12


London, Haus von David Wilder:

„Danke“, sagte Alon und gab David das völlig durchnässte Handtuch zurück, mit dem er sich abgetrocknet hatte. „Wie kann man nur in eine Stadt ziehen, wo es ständig regnet.“

„Man gewöhnt sich daran“, meinte David und hielt Alon einen Pullover entgegen. „Der wird dir sicher passen.“ Alon beäugte den grauen Pullover mit dem gestickten Hasenlogo skeptisch.

„Danke David, ich weiß deine Hilfe zu schätzen. Und damit meine ich jetzt nicht nur den Pullover.“ Alon schlüpfte in den Pulli und streckte demonstrativ seine Brust mit dem aufgestickten Hasen heraus.

„Freut mich, dass ich helfen kann, auch wenn ich deine Personalentscheidungen heute noch weniger verstehe als damals“, bemerkte David schmunzelnd.

„Hiob ist in Ordnung“, verteidigte ihn Alon, „er mag eine kantige Persönlichkeit sein, aber er genießt mein volles Vertrauen.“

„Wo ist er überhaupt?“, fragte David.

„Wir sind vorsichtiger geworden seit Wien.“ Alon blickte nachdenklich zum Fenster. „Hiob hat vom Flughafen mit dem Taxi eine falsche Fährte gelegt, um mögliche Verfolger in die Irre zu führen. Ich selbst bin mit dem Zug nach London gefahren. Die letzten fünf Kilometer zu dir bin ich zu Fuß gegangen.“

„Spätestens beim Fußmarsch hätten die Verfolger dich entkommen lassen“, lachte David und hängte Alons völlig durchnässte Jacke zum Trocknen auf.

„Hast du keine Idee, wer euch in Wien aufgelauert hat?“

Alon verneinte. „Dunkle Haut, keine Ausweise, nicht registrierte Waffen aus russischen Armeebeständen. Israel hat viele Feinde im arabischen Raum.“ Alon kramte in seiner Hosentasche.

„Vielleicht wissen wir mehr, wenn wir den Code knacken“, mutmaßte er und legte einen USB-Stick auf den Tisch.

David begann die Daten des Sticks auf seine Festplatte zu laden, während sich Alon neben ihn setzte. David öffnete mehrere Programme. „Damit analysieren wir die Struktur der Nachricht.“ Gekonnt klickte er sich durch die Konfigurationsfenster.

„Die Nachricht ist aus mehreren Blöcken zusammengesetzt. Leider hat jeder Block sein eigenes Passwort.“

„Wie schnell kriegst du es hin?“

„Wir können nur einen Block nach dem anderen bearbeiten.“ Alon bemerkte, wie David angestrengt die Augenbrauen zusammenkniff.

„Möglicherweise sind die Informationen im ersten Block bereits veraltet, es könnte sich dabei um den Raub der Krone handeln. Wir würden dann nur unsere Zeit verschwenden.“

„Das macht Sinn“, bestätigte ihn Alon, „beginnen wir mit einem Block aus der Mitte. Vielleicht ist die Reihenfolge ja absichtlich vertauscht. Die Mitte ist immer eine gute Wahl.“

„Versuchen wir es mit einer Wortliste“, schlug David vor, „viele Menschen verwenden Orte oder vertraute Begriffe als Passwörter.“

Alon kommentierte Davids Vorschlag mit einem Achselzucken.

David beugte sich über die Tastatur und erklärte. „Eine Liste mit allen Wörtern eines Wörterbuchs. Mein Programm probiert jedes Wort der Liste als Passwort. Ich habe Wortlisten aller gängigen Sprachen. So können wir über eine Million Wörter ausprobieren.“ David klickte auf den Startknopf.

„Wie lange?“, fragte Alon ungeduldig.

„Fertig.“ David war sichtlich enttäuscht, dass seine Listen kein gültiges Passwort enthielten.

„Fertig?“ Alon war erstaunt.

„Ein guter PC probiert 90 Millionen Passwörter pro Sekunde. Die Wortlisten helfen uns hier leider nicht weiter.“

„Sieht so aus, als müssten wir es auf die brutale Methode versuchen“, grummelte David.

„Willst du ihn bedrohen?“, scherzte Alon. „Bei meinem PC hat das noch nie geholfen.“

„Nein, natürlich nicht“, grinste David. „Damit ist der mühsame Weg gemeint, alle denkbaren Kombinationen durchzuprobieren.“

„Das hört sich eher langweilig an.“ Alon stützte die Ellenbogen auf den Tisch und legte das Kinn auf seinen Handflächen ab.

„Wir können die Suche etwas einschränken“, versuchte David ihn für seine Arbeit zu begeistern. „Das Passwort hat nicht mehr als sieben Zeichen.“ Hoffe ich.

Alons Blick folgte einem Regentropfen, der an der Scheibe herunterlief.

„Der verkohlte Zettel ist in Englisch gehalten, was uns einen Anhaltspunkt für die verwendeten Zeichen bietet. Versuchen wir Groß- und Kleinbuchstaben kombiniert mit Ziffern von 0-9.“

„Wie lange?“, fragte Alon lapidar.

„Mit etwas Glück sofort, im schlechtesten Fall etwa sieben Stunden.“

Alon blickte zur Oberkante des Fensters und fixierte einen neuen Tropfen.

David wusste seit ihrer ersten Begegnung, dass Geduld keine von Alons Tugenden war. Beispiellos konnte er seine Langeweile publikumswirksam in Szene setzen. Nach nur zwei Tagen beim Shabak hatte jeder Kollege aus freien Stücken Alons Antrag auf Versetzung in den Außendienst zugestimmt.

„Wann kommt deine Frau?“, unterbrach Alon die Stille.

„Das wird spät werden, sie bereitet sich auf die Veröffentlichung ihrer Entdeckung vor. Im Moment verbringt sie jede freie Minute im Labor des Imperial College.“

„Was hat sie denn entdeckt?“

„Sie will die Holographie revolutionieren. Möglicherweise ist ihr das bereits gelungen. Aber selbst mir hat sie nicht mehr darüber erzählt.“

„Topsecret, verstehe“, gähnte Alon und hoffte darauf, endlich losschlagen zu können.

Goliath kam ins Zimmer gehoppelt und stellte sich auf die Hinterbeine. „Heute nicht, mein Riese“, blockte David seine Aufforderung zum Spaziergang ab. „Wir müssen uns die Zeit im Haus vertreiben.“ Er ging ins Vorzimmer und holte einen kleinen blauen Stoffball aus dem Schrank, den er Goliath zurollte.

Alon dachte an Hiob, dessen Taxifahrt durch London sicher mehr Abwechslung bot. Er starrte auf die Anzeige am Bildschirm, die die verbleibenden Passwortkombinationen herunterzählte. Noch war die Zahl viel zu lang, als dass Alon sie hätte benennen können. Sein Blick suchte einen neuen Tropfen.

„Passwort akzeptiert“, tönte eine Frauenstimme aus den Monitorlautsprechern. Alon schreckte auf und begann sofort, den entschlüsselten Block vom Bildschirm abzulesen: „18.08. 20:00 Imperial College London blaues Labor cH.“

David, der den Lautsprecher nicht gehört hatte, spielte noch immer mit Goliath im Vorzimmer. „20:12“ zeigte die Anzeige auf Alons Uhr, als er sich hastig den Text notierte.

„Wir müssen sofort los!“, schrie Alon aus vollem Hals und rannte ins Vorzimmer. Goliath erschrak und machte einen Satz auf die Seite. „Wo ist dein Autoschlüssel?“

„Der steckt im Wagen.“ David zeigte auf die Tür zur Garage.

„Ich fahre!“

Noch bevor David Zeit fand, Fragen zu stellen, saß er bereits neben Alon im Auto.

„Ruf deine Frau an, das Imperial College ist das nächste Ziel“, er drückte David ein Handy und den Zettel mit dem entschlüsselten Textblock in die Hand. David hatte begriffen.

Aufgeregt tippte er Nataschas Nummer in Alons Handy, während sich der Volvo mit quietschenden Reifen aus der Garage bewegte.

„Sie hat ihr Telefon ausgeschaltet. Ich versuche die Labornummer.“ Davids Herz raste vor Sorge. Flüchtig las er den handgeschriebenen Zettel, während er auf das Läuten wartete.

Die Scheibenwischer liefen auf der höchsten Stufe, als Alon den Wagen viel zu schnell durch die enge Straße lenkte.

„Hier links“, er riss das Steuer kontrolliert herum und zwang den Volvo mit viel Gefühl um die Kurve.

David kam die Zeit zwischen den Klingelzeichen wie eine Ewigkeit vor.

„Sie hebt nicht ab“, wollte David verzweifelt ausrufen, als sich eine dunkle Männerstimme meldete. „Imperial College Portierloge. Was kann ich für Sie tun?“

„Mein Name ist Wilder, ich muss sofort mit meiner Frau, Dr. Natascha Wilder, sprechen.“

„Das College hat bereits geschlossen, ich glaube nicht, dass Sie noch jemanden erreichen werden“, tönte die Stimme aus dem Hörer.

„Meine Frau arbeitet am Institut für Holographie, sie bleibt immer bis spät in die Nacht. Ich muss sie wirklich sofort sprechen, Durchwahl 233, es ist ein Notfall.“ Davids besorgte Stimme unterstrich seine Bitte.

„Ich werde Sie jetzt mit der gewünschten Nebenstelle verbinden.“

David hörte ein Klicken im Hörer, während der Portier versuchte, die Verbindung herzustellen.

„Vorsicht!“, schrie David, als sie einem roten Kleinwagen die Vorfahrt nahmen.

„Schon gesehen“, konterte Alon und wich dem Wagen mit einem gelungenen Bremshaken aus, um gleich darauf wieder voll ins Gas zu steigen.

„Hallo, Mr. Wilder?“

„Ja!“, schrie David erwartungsvoll in den Hörer.

„Es tut mir leid, aber die Leitung scheint gestört zu sein. Ich kann die gewünschte Nebenstelle nicht anwählen. Wahrscheinlich ein Kurzschluss, kein Wunder bei dem Unwetter.“

Alon folgte den Schildern Richtung Imperial College. Mit quer gestelltem Heck driftete der Wagen an der Chelsea Police Station vorbei.

„Mr. Wilder?“

David überlegte kurz. „Verständigen Sie bitte den Sicherheitsdienst. Das Labor wird gerade überfallen.“

„Wie meinen Sie das?“

„So wie ich es sage, ich habe keine Zeit für Erklärungen. Verständigen Sie sofort den Sicherheitsdienst!“, brüllte er ins Telefon.

„Das habe ich bereits versucht, während wir beide telefonieren, der Wachmann meldet sich nicht.“

„Dann rufen Sie endlich die Polizei!“

„Ich hoffe, das ist kein Scherz. Auch wenn Ihre Rufnummer unterdrückt ist, lässt sich der Anruf zurückverfolgen.“

Alon machte David auf das Blaulicht aufmerksam, das sie verfolgte.

„Wir bringen sie selbst mit!“, schrie David in den Hörer und legte auf.

„Da vorne rechts ist eine Abkürzung“, machte er Alon aufmerksam.

Das Wasser spritzte in hohem Bogen über den Gehsteig, als der Volvo eine tiefe Lache durchraste.

Alon jagte den Wagen die Exhibition Road hoch. „Wir brauchen Hiob, drück die Kurzwahltaste drei“, wies er David an. Es fiel Alon schwer zu erkennen, wie viele Polizeifahrzeuge er bereits hinter sich versammelt hatte. „Wahrscheinlich haben sie nicht mehr Wagen“, brummte er und gab weiter Gas.

„Hiob, wir brauchen Sie sofort beim Imperial College“, antwortete David, als er Hiobs Stimme vernahm. Noch ehe Hiob etwas erwidern konnte, legte David auf. Er klammerte sich an dem Griff über der Tür fest, als Alon bereits den Eingang des College anvisierte. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt zum Bremsen, dachte David. Noch ehe er seinen Gedanken aussprechen konnte, hatte Alon auch schon die Handbremse gezogen.

Mit einer eindrucksvollen 180-Grad-Drehung baute der Wagen die hohe Geschwindigkeit ab. Dabei schob er eine riesige Wasserwand vor sich her, die Sekundenbruchteile später als mächtige Welle über den Stufen des College zusammenbrach.

„Wir sind da“, stellte Alon nüchtern fest, während David langsam seine Augen öffnete und begann, sich umzusehen.

Rings um ihn leuchtete Blaulicht, und mehrere Polizisten sprangen aus ihren Fahrzeugen. Dicht gefolgt von einer Gruppe Polizeiwagen hatte sich der Volvo genau vor dem Eingang zum Imperial College eingeschliffen.

„Das nächste Mal nehmen wir deinen Wagen“, merkte David an und wollte sich abgurten, als zwei Männer in Uniform bereits die Waffen auf ihn und Alon gerichtet hatten.

„Chief Inspector Scowcroft von Scotland Yard!“, rief einer der Männer und streckte seinen Ausweis gegen Alons Seitenscheibe. „Steigen Sie sofort aus dem Wagen.“

„Schön langsam, und lassen Sie Ihre Hände dort, wo ich sie sehen kann“, ergänzte der Beamte auf Davids Seite.