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SACER SANGUIS II - Die Rückkehr
Kapitel 14


London:

„Sie hätten unsere Unterstützung auch auf dem Dienstweg anfordern können“, wies Scowcroft Alon zurecht, als er ihm den Ausweis zurückgab. „Folgen Sie mir ins Trockene, meine Herren.“ Er zeigte auf die Portierloge.

Einer von Scowcrofts Männern kam ihnen bereits entgegen. „Der Portier berichtet von einem vermissten Wachmann. Zu einem Labor gibt es derzeit keine Verbindung. Die einzige Tür ist mit einem Sicherheitsschloss verriegelt. Kamera und Telefonleitung zum Labor sind gestört. Ein Beamter ist bereits unterwegs, um Professor Woodberry abzuholen. Er verfügt über einen gültigen Zugangscode für die Labortür.“ Der Beamte holte kurz Luft. „Ich habe bereits Unterstützungseinheiten angefordert.“

„Gute Arbeit!“, kommentierte Scowcroft den Bericht. „Bringen Sie die Männer rund um das Gelände in Stellung. Niemand betritt oder verlässt den Campus ohne meine Zustimmung.“

Der Portier musterte die drei Männer, die sein spärlich eingerichtetes Büro betraten.

„Ich bin Chief Inspector Scowcroft, und das sind Mr. Kollek und Mr. Wilder“, begann Scowcroft sein Gespräch mit dem Portier.

„Wie ich Ihren Kollegen schon mitgeteilt habe, ist es im Moment leider nicht möglich, Kontakt zu dem Labor herzustellen. Wahrscheinlich hat das Gewitter...“ Alon fiel ihm ins Wort. „Wir haben berechtigten Grund zu der Annahme, dass bewaffnete Männer sich gegen 20:00 Uhr Zugang zum Labor verschafft haben.“

„Der Laborzugang ist videoüberwacht, so wie die Eingänge zum College. Ich habe nichts Auffälliges bemerkt. Die Kamera zum Labor kann erst während des Anrufs von Mr. Wilder ausgefallen sein.“

„Wie erhalte ich Zugriff auf die Videos der Überwachungskameras?“, wollte Scowcroft wissen.

„Gleich hier“, der Portier zeigte auf den Monitor im hinteren Teil der Portierloge. Er spulte das Band der Laborkamera zurück, bis der Zeitindex der Aufzeichnung bei 19:50 angelangt war. Der Bildschirm zeigte einen Gang, an dessen Ende eine Tür zu erkennen war.

„Ist das die Tür zum Labor meiner Frau?“, wollte David wissen. Seine Stimme klang besorgt.

Der Portier bestätigte Davids Frage mit einem Nicken.

„Spulen Sie ein wenig vor!“, wies Scowcroft ihn an.

Das Video der Kameraaufzeichnung unterschied sich kaum von einem Foto. Lediglich der chronologische Index in der rechten unteren Bildecke ließ das Verstreichen der Zeit erkennen.

„Stopp, das war zu weit.“ Alon hatte als Erster auf das veränderte Bild reagiert.

„Hier ist die Aufnahme bereits gestört“, kommentierte der Portier den Hinweis „kein Signal“, auf dem blauen Schirm.

„Das sehe ich selbst“, grummelte Scowcroft, „Lassen Sie die Stelle nochmals in Zeitlupe durchlaufen!“

„Was war das?“, Scowcroft konnte kaum fassen, was er gesehen hatte. Der Portier spulte erneut zurück und hielt die Wiedergabe an, als ein schwarz gekleideter bärtiger Mann ins Bild kam.

„Fahren Sie das Band ganz langsam weiter.“

Ein zweiter Mann war nur vage im Hintergrund zu erkennen. Der bärtige Mann hielt etwas, das wie eine kleine Schachtel aussah, in seinen Händen. Ein Lichtblitz trat aus der Schachtel und die Aufzeichnung endete.

„Hat jemand von Ihnen eine Erklärung für den Blitz?“

„Ein elektromagnetischer Impuls. Diesen Effekt hat man ursprünglich bei Atombombentests beobachtet. Der Impuls, der dem Lichtblitz der Bombe folgt, zerstört die Mikrochips.“ David betrachtete die Schachtel in der Hand des Mannes genauer. „Hier laden vermutlich Hochspannungskondensatoren eine Blitzeinheit auf. Der Impuls hat zweifellos ausgereicht, die umliegenden Leitungen und Verdrahtungen zu überlasten.“

„Sie meinen, die Elektronik der Kamera ist wegen des Lichtblitzes durchgebrannt?“

„Vereinfacht ausgedrückt, ja“, bestätigte David. „Wer immer das durchführt, braucht ausgezeichnetes Fachwissen und eine Menge Geld für die Umsetzung.“

„Können Sie den Mann im Hintergrund mehr ins Bild bringen?“, fragte Alon.

„Besser geht es leider nicht“, meinte der Portier, nachdem er den Bildausschnitt vergrößert hatte.

„Kennen Sie den Mann?“, wollte Scowcroft von Alon wissen.

„Ich bin mir nicht sicher. Es ist sehr dunkel, und die Aufnahme ist kein Ruhmesstück der Videotechnik. Es scheint mir aber wahrscheinlich, dass es sich bei dem Mann im Hintergrund um einen von Shahids Männern handelt.“

„Mustafa Shahid?“ Scowcrofts Interesse war mehr als geweckt.

„Ja, die schlimmste Söldnerseele, die jemals von uns gejagt wurde.“

„Nicht nur von Ihnen.“ Scowcroft nahm sein Funkgerät und gab den Polizisten neue Instruktionen. „Ich wiederhole, gehen Sie mit äußerster Vorsicht vor. Die gesuchten Männer werden nicht zögern, von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. Stoppen Sie jeden, der sich Ihren Aufforderungen widersetzt, nach eigenem Ermessen.“

„Natascha ist noch im Labor!“, rief David, der Scowcrofts Befehl mit Entsetzen verfolgt hatte.

„Ich versichere Ihnen, dass wir alles tun werden, um Ihre Frau zu retten, wenn sie noch lebt.“

David sah ihn fassungslos an. „Wenn sie noch lebt?“

„Wir müssen bei Shahid mit dem Schlimmsten rechnen. Lebend wird ihn niemand erwischen, das hat er mehr als einmal klar gemacht.“

Alon legte seinen Arm um Davids Schulter. „Es tut mir leid, dass es so gekommen ist, David. Shahid ist einer der meistgesuchten Männer. Auf sein Konto gehen unzählige Morde. Dieser Mann ist so gewissenlos und sadistisch, dass selbst die Hamas ihn aus ihren Reihen verstoßen hat.“

„Seither bietet er sein mörderisches Handwerk dem Meistbietenden an. Es gibt keinen Geheimdienst, der diesen Mann nicht tot sehen will. Das weltweit auf ihn ausgesetzte Kopfgeld würde ausreichen, um sich in Afrika einen Königsthron zu kaufen“, setzte Scowcroft fort.

„Sie müssen Natascha da rausholen“, insistierte David.

„Ich fürchte, das wird nicht so einfach sein. Bisher wissen wir noch nicht einmal, wie wir Zutritt zum Labor bekommen.“

„Vielleicht kann ich Ihnen weiterhelfen, meine Herren.“ Ein etwa sechzig Jahre alter, weißhaariger Mann stand in der Tür. Seinem gepflegten Äußeren nach zu urteilen, konnte er nicht der vermisste Wachmann sein. „Professor Woodberry!“, rief David. „Bitte helfen Sie uns, in das Labor zu gelangen. Natascha wird dort festgehalten.“

„Die Polizei hat mich bereits informiert. Aber ich versichere Ihnen, dass es niemandem möglich ist, das Labor zu betreten, der nicht dazu berechtigt ist. Auch wenn derzeit kein Kontakt zu dem Labor möglich ist, so ist das kein Grund zur Besorgnis. Bitte folgen Sie mir.“

Gesichert von vier Polizeibeamten führte Woodberry die drei Männer durch den Campus. „Haben Sie eine Vorstellung davon, was eine international gesuchte Mörderbande motivieren könnte, hier einzudringen?“, wollte Scowcroft von Woodberry wissen, als er ihm ins Untergeschoss folgte.

„Unsere außeruniversitären Forschungsprogramme sind streng geheim. Ich garantiere Ihnen, dass es sich um ein Missverständnis handelt, niemand hat Zugang zu unseren Daten. Hier entlang, bitte“, er deutete auf den Gang, den David bereits vom Video kannte.

„Das ist eine einfache Tür“, bemerkte Alon, als sie sich näherten.

„Das ist nicht nötig“, wandte sich Woodberry an Scowcrofts Männer, die ihre Waffen auf die Tür gerichtet hatten.

Mit einem Ruck öffnete einer der Beamten die Tür, während zwei seiner Kollegen den Raum dahinter stürmten.

„Gesichert!“, rief eine Stimme aus dem Raum und Scowcroft deutete auffordernd zur Tür.

„Erinnert mich an einen Aufzug“, stellte Alon fest, als er in den engen Raum trat, dessen Wände mit gebürstetem Edelstahl verkleidet waren.

„Es ist ein Aufzug“, erklärte Woodberry mit ruhiger Stimme. „Das Labor kann nur über diesen Aufzug erreicht werden.“

„Welche Etage?“, drängte David, ehe er feststellte, dass es keinen Knopf gab, den er hätte drücken können.

„Wie ich schon sagte, meine Herren, der Zugang zum Labor ist speziell gesichert. Derzeit können nur Ms. Wilder, der Dekan höchstpersönlich und ich den Aufzug bedienen. Gestatten Sie?“

Erst jetzt fiel David die bläulich leuchtende Glasplatte an der Wand auf, der sich Woodberry näherte. „Ich würde es bevorzugen, wenn wir den Kreis der Personen auf ein Minimum reduzieren könnten. Wie ich Ihnen bereits erklärt habe, unterliegt die Forschung in diesem Labor der höchsten Geheimhaltung.“

„Der Aufzug führt also direkt ins Labor. Ohne weitere Zwischentüren?“, wollte Scowcroft wissen.

„Ja, so ist es“, entgegnete der Professor.

„Ich muss Sie alle bitten, den Aufzug zu verlassen. Das erfolgt zu Ihrer eigenen Sicherheit. Erst wenn meine Männer grünes Licht geben, werde ich den Zutritt für Sie freigeben. Das gilt auch für Sie, Professor, bitte geben Sie den Code für den Aufzug ein und verlassen Sie dann mit uns die Kabine.“

„Sie verstehen nicht“, führte Woodberry aus. „Dieser Aufzug verwendet keinen Code, und er kann von Ihren Leuten auch nicht bedient werden. Wie ich bereits sagte, kann er nur von Ms. Wilder, dem Dekan und mir bewegt werden. Den biometrischen Scanner, den Sie vor sich sehen…“, er deutete auf die blau beleuchtete Platte, „kann man nicht täuschen.“

„Jedes Schloss kann manipuliert werden“, entgegnete Scowcroft. „Wir verlieren nur Zeit.“

„Lassen Sie mich alleine hinunterfahren“, schlug der Professor vor.

Scowcroft sah ihn entgeistert an. „Auf keinen Fall! Wenn es keine andere Möglichkeit gibt, den Aufzug zu aktivieren, dann fahren Sie mit meinen Männern ins Labor.“

Scowcroft zog seine schusssichere Weste aus und reichte sie dem Professor. „Ziehen Sie die Weste an.“

„Danke, aber ich versichere Ihnen, das wird nicht nötig sein.“

„Ziehen Sie die Weste an, und dann bringen Sie mein Team in das Labor. Sofort!“, herrschte Scowcroft ihn an.

Woodberry nickte und zog sich die Weste über.

David, Alon und Scowcroft stiegen aus dem Aufzug und warteten.

Mit einem leisen Surren setzte sich der Lift in Bewegung. David legte sein Ohr an die Tür. Das Surren wurde leiser und er konnte hören, wie der Lift anhielt. „Sie steigen aus“, flüsterte er sichtlich nervös.

Ein Ruf, der auf Scowcrofts Funkgerät hereinkam, unterbrach die angespannte Stille. „Wir haben den Wachmann in einem Tunnel entdeckt. Er ist tot.“ Scowcroft beantwortete den Ruf und instruierte die Männer, dem Tunnelverlauf zu folgen.

„Wie lange brauchen die da unten denn?“ David schien die Zeit wie eine Ewigkeit. Verzweifelt versuchte er ein Geräusch aus dem Aufzugsschacht wahrzunehmen.

Ein weiterer Funkspruch brachte Klarheit. „Labor gesichert, keine Personen angetroffen.“

David blickte zuerst Scowcroft und dann Alon fragend an.

„Kommen Sie zurück!“, forderte Scowcroft seine Männer im Labor auf. Er wandte sich David zu: „Wir werden uns die Sache jetzt aus der Nähe ansehen, Mr. Wilder. Es scheint mir aber nur zwei Möglichkeiten zu geben. Entweder Ihre Frau war nicht im Labor oder sie wurde entführt. Haben Sie ein Foto von Ms. Wilder dabei?“

Die Lifttür öffnete sich, und Scowcrofts Männer erstatteten ihm Bericht. „Nehmen Sie so viele Leute, wie Sie benötigen, und durchsuchen Sie den gesamten Campus. Außerdem will ich die Fotos der Überwachungskamera in spätestens einer Stunde auf allen Seehäfen, Flughäfen, Bahnsteigen und Grenzübergängen hängen haben. Wir suchen zudem diese Frau, die möglicherweise als Geisel genommen wurde. Ihre Sicherheit hat absoluten Vorrang.“ Scowcroft reichte seinem Beamten das Foto von Natascha.

Scowcroft, Alon und David betraten den Lift, in dem Woodberry auf sie wartete. „Ich dachte, niemand außer Ihnen, dem Dekan und Ms. Wilder kann den Lift bedienen, Professor. Wie erklären Sie sich dann, dass Ms. Wilder verschwunden ist?“

„Das kann ich nicht“, gab Woodberry zu. „Es ist einfach unmöglich, das Sicherheitssystem zu umgehen.“

„Könnte der Dekan...?“, fragte David besorgt.

„Nein, der ist gerade auf Weltreise. Er hat vorige Woche geheiratet.“

„Schon wieder?“, fragte Scowcroft überrascht.

„Sie scheinen ihn zu kennen“, vermutete der Professor.

„Ja, wir sind alte Freunde und haben gemeinsam die Schulbank gedrückt. Er war schon immer sehr...“

„Sprunghaft?“, legte ihm Woodberry das Wort in den Mund.

Scowcroft nickte. „Ja, was seine Beziehungen zu Frauen betrifft, kann man das wohl so ausdrücken.“

„Manches ändert sich eben nie“, beendete Woodberry die Anekdote und folgte damit Davids drängendem Blick.

Der begutachtete den biometrischen Scanner in der Wand des Aufzugs. Vorsichtig berührte er die gelartige Oberfläche. „Wie funktioniert dieser Scanner?“

Woodberry drückte seine ausgestreckte Hand in das blaue Gel und der Lift setzte sich in Bewegung. „Der Scanner vergleicht die Hand, die in die Gelplatte eingetaucht wird, mit Referenzwerten holographisch abgespeicherter Abdrücke.“

„Sie meinen eine Art Fingerabdruck der ganzen Hand?“, warf Scowcroft ein.

„Viel mehr als das“, setzte Woodberry fort, „wir sind nicht nur in der Lage zu sagen, ob die richtige Hand eingetaucht wurde sondern auch von wem.“

„Wie meinen Sie das?“, fragte Alon ungläubig.

„Wir mussten sicherstellen, dass niemand eine abgetrennte Hand benutzen kann, um den Scanner zu täuschen. Als Referenz ist der gesamte Vorgang des Eintauchens als eine Art holographisches 3D-Video gespeichert. Jeder Mensch drückt seine Hand nach einem bestimmten Muster in die Gelplatte. Nicht alle Finger werden gleich schnell hineingedrückt und auch nicht gleich fest. Mit diesem Muster lässt sich erkennen, ob meine Hand auch von mir benutzt wird.“

„Das ist unglaublich“, stieß David aus. „Mir ist kein derartig fortschrittliches Zutrittssystem bekannt.“ Für einen kurzen Moment hatte er seine Sorge um Natascha vergessen.

„Ich habe diesen Scanner gemeinsam mit Ihrer Frau entwickelt. Wer immer ihn bedient, muss es aus freien Stücken tun. Würden Sie mich beispielsweise mit einer Waffe zwingen den Lift zu bewegen, würde die Bedrohungssituation den natürlichen Ablauf meiner Bewegung stören. Das feine, nicht kontrollierbare Zittern meiner Hand würde ausreichen, um den Zutritt zu verweigern.“

„Das heißt unter Androhung von Gewalt würde sich die Lifttür weder bei Ihnen noch bei meiner Frau oder dem Dekan öffnen?“

Der Lift hielt mit einem leichten Ruck an.

„Genau so ist es, Mr. Wilder. Wie ich schon feststellte, ich habe keine Erklärung, wie jemand hier eingedrungen sein soll.“

Die Lifttür öffnete sich und ein nur spärlich beleuchteter großer Raum tat sich vor ihnen auf. Mehrere Tische mit einer Unzahl von elektronischen Geräten waren ringförmig um eine große Maschine angeordnet.

„Es gibt keinen weiteren Eingang?“

Woodberry verneinte. „Wer immer das Labor betreten möchte, kann dazu nur den Lift verwenden.“

„Meine Männer haben mir von einem toten Wachmann in einem Tunnel berichtet. Können Sie sich vorstellen, welchen Tunnel sie gemeint haben könnten?“

„Es gibt einen alten, unterirdischen Versorgungsweg zum Queens Tower. Der wird aber seit Jahren nicht mehr benutzt.“

„Könnte jemand den Tunnel...“

„Unmöglich“, wurde er von Woodberry unterbrochen, „der Tunnel endet nahe der Stelle, wo wir in den Lift eingestiegen sind. Selbst wenn ihn jemand benutzt hat, um unbemerkt in den Campus zu gelangen, der Zutritt zum Labor ist damit nicht möglich.“

„Ich sehe keine Kameras im Labor“, bemerkte David, als er um die Tische ging.

„Die Arbeit hier ist vertraulich und der Zugang ist gesichert, wir haben keine Verwendung für Überwachungskameras.“

„Wir hätten aber Verwendung dafür.“ Scowcroft stellte sich vor den Professor. „So wie es aussieht, wurde Ms. Wilder entführt, und die einzige Person, die Zugang zum Labor hatte, sind Sie.“

„Ich bitte Sie“, gab sich Woodberry entrüstet. „Sie wollen mir doch nicht unterstellen, dass ich etwas mit Ms. Wilders Verschwinden zu tun hätte?“

„Haben Sie?“

„Natürlich nicht!“

„Woran haben Sie und Ms. Wilder gerade gearbeitet?“

„Wir forschen an holographischer Speicherung. Ich kann Ihnen darüber leider keine genauere Auskunft geben.“

„Wer finanziert dieses Labor?“

„Es gibt viele ehemalige Studenten, die uns mit dem Nötigsten ausstatten.“

„Mit dem Nötigsten?“, rief David, „Ihr Labor hat eine Ausrüstung, die manchen Großkonzern vor Neid erblassen ließe. Sie wollen uns doch nicht weismachen, dass Sie diesen Aufwand nur für Datenspeicherung treiben?“

Der Professor schwieg.

„Haben die Eindringlinge etwas mitgenommen?“, wollte Alon wissen.

„Es gibt keine Eindringlinge“, stellte Woodberry energisch fest, „das Labor ist so, wie ich es verlassen habe.“

„Was ist damit?“ David zeigte auf eine rechteckige helle Stelle an der Wand, wo ein Bild zu fehlen schien.

„Das Bild gehörte Ihrer Frau, ich habe keine Ahnung, was damit ist.“

„Was war auf dem Bild?“

„Ein religiöses Gemälde mit vielen Menschen, ich glaube von Buonarroti. Es hatte sicherlich nichts mit unserer Arbeit zu tun. Ich würde Sie jetzt bitten, das Labor wieder zu verlassen.“

„Ein Wachmann ist tot, Ihre Mitarbeiterin wird vermisst und zwei Handlanger eines weltweit gesuchten Mörders sind gewaltsam hier eingedrungen. Ich werde jeden Zentimeter Ihres Labors durchsuchen lassen, bis ich weiß, was hier passiert ist.“

„Ich werde mein Möglichstes tun, um Sie zu unterstützen, aber in dieses Labor wurde nicht eingebrochen, und es wurde auch niemand daraus entführt. Ich möchte Sie also nochmals höflichst ersuchen, das Labor zu verlassen und Ihre Ermittlungen auf den Tatort zu konzentrieren.“ Woodberry forderte sie mit einer Geste auf, sich zum Aufzug zu begeben.

Widerwillig folgte Scowcroft seiner Aufforderung. Im Aufzug holte David den Zettel mit der Botschaft hervor, die Alon aufgeschrieben hatte. „18.08. 20:00 Imperial College London blaues Labor cH“

„Können Sie sich erklären, was mit cH gemeint ist?“, fragte er.

Woodberry erschrak und senkte rasch seinen Kopf. „Nein, ich habe keine Ahnung.“

„Danke für Ihre Unterstützung, Professor Woodberry“, verabschiedete sich Alon zynisch, als die Männer den Lift wieder verlassen hatten. Scowcroft blickte ihm verärgert nach, als der Professor Richtung Portierloge abbog.

„Wieso lassen Sie ihn gehen?“ Davids Vorwurf traf Scowcroft nicht unerwartet. „Er weiß weit mehr, als er uns erzählt. Haben Sie gesehen, wie bleich er wurde, als ich ihn nach cH gefragt habe?“

„Ich bin mir auch sicher, dass er uns einige Dinge verheimlicht, Mr. Wilder. Die Fakten in diesem Fall geben mir aber leider keine Möglichkeit, ihn weiter unter Druck zu setzen. Das Labor sieht nicht so aus, als hätte es einen Kampf gegeben, und Sie konnten sich selbst überzeugen, dass der Zugang für Fremde nicht möglich ist.“

„Sie können ihn doch nicht so einfach gehen lassen, was ist mit Natascha?“

„Wir sollten die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Ihre Frau gar nicht im Gebäude war. Die beiden Männer sind möglicherweise unverrichteter Dinge wieder abgezogen, als sie nicht ins Labor konnten.“

„Das meinen Sie doch nicht wirklich?“ David konnte nicht glauben, was er aus Scowcrofts Mund hörte.

„Es obliegt dem College, eine Anzeige wegen Einbruchs zu erstatten. Wir können ohne Zustimmung des Dekanats nur im Mordfall des Wachmanns ermitteln. Wenn wir die Täter schnappen, werden sich auch die anderen Fragen beantworten. Bis dahin möchte ich Woodberry gern in Sicherheit wiegen.“

Scowcroft versuchte, David zu beruhigen. „Glauben Sie mir, Mr. Wilder, ich verstehe, wie Sie sich fühlen. Das Foto Ihrer Frau geht bereits tausendfach um die Welt. Ich verspreche Ihnen, wir finden Ms. Wilder.“

David bemühte sich, den Worten von Scowcroft Glauben zu schenken. Alon mischte sich ein. „Es tut mir leid, dass wir deine Frau da mit reingezogen haben, David. Ich hätte dich niemals bitten dürfen, uns zu helfen.“

David schüttelte den Kopf „Darauf hattest du keinen Einfluss. Du nicht… und ich auch nicht.“

Alon verstand zunächst nicht, was David ihm zu sagen versuchte.

„Die Nachricht, die ihr abgefangen habt, war doch erst der Grund, mich um Hilfe zu bitten“, bemühte sich David, seinem Freund auf die Sprünge zu helfen.

Mit einem Mal dämmerte Alon, worauf David hinauswollte. Der Überfall auf das Labor und die Entführung Nataschas war längst beschlossen, ehe er David überhaupt kontaktiert hatte.

„Unsere Wege hätten sich in jedem Fall hier gekreuzt“, bekräftigte David. „Irgendjemand hatte das bereits vor Wochen so geplant.“

Scowcroft unterbrach das Gespräch zwischen David und Alon. „Ich habe zwei meiner Beamten damit betraut, Woodberry rund um die Uhr zu beschatten. Wie kann ich Sie erreichen, wenn wir mehr wissen?“

Scowcroft notierte die ihm diktierten Telefonnummern und verabschiedete sich dann von David und Alon. „Das hätte ich fast vergessen, Mr. Kollek“, merkte er noch an, „ein Mr. Hiob wartet am Eingang auf Sie.“

„Da habt ihr mehr erlebt als ich“, stellte Hiob fest, nachdem ihm Alon eine Zusammenfassung der letzten Stunden gegeben hatte. „Ich habe mich bereits gefragt, wann Shahid das nächste Mal auftaucht. Diesmal werde ich ihn endgültig zur Strecke bringen.“

„Davids Frau geht vor persönlicher Rache, Hiob“, bremste Alon ihn.

„Natürlich“, bestätigte Hiob die Anweisung.

„Können Sie sich vorstellen, welches Bild der Direktor gemeint hat?“

„Mein Kunstverständnis ist eher bescheiden, ich habe mir nicht einmal den Namen des Künstlers gemerkt“, gestand David.

„Buonarroti“, warf Alon ein, „das ist der Name eines italienischen Lokalbesitzers in Haifa. Mr. Buonarroti macht die beste Pasta in Haifa.“

„Kann er auch malen?“

„Ich denke, das können wir ausschließen.“

David las die Zeit vom Armaturenbrett seines Wagens ab. „Nur zwei Straßen weiter befindet sich das Victoria and Albert Museum, mit etwas Glück haben die noch offen.“

Hiob blieb im Wagen sitzen, der vor dem Museum in zweiter Spur hielt.

„Wir suchen ein religiöses Gemälde mit vielen Menschen, ein gewisser Buonarroti soll es gemalt haben“, erklärte David der Museumsangestellten.

Die junge Frau lächelte. „Sie wollen mich wohl testen.“

David blickte sie fragend an. „Wie meinen Sie das, bitte?“

„Ihre Frage, sie zielt doch offensichtlich darauf ab, mein Kunstverständnis zu prüfen.“

„Glauben Sie mir, dazu ist er nicht geeignet“, mischte sich Alon ein, „wissen Sie, von welchem Bild mein Freund spricht?“

„Aber selbstverständlich“, erwiderte die junge Frau selbstbewusst. Sie zog ein Buch hervor und blätterte kurz darin. „Das ist es“, sie drehte das aufgeschlagene Buch zu David und Alon und zeigte auf ein Foto. „Das Jüngste Gericht, aber ich denke, das wissen Sie so gut wie ich“, lachte sie.

„Sie müssen mich mit jemandem verwechseln.“ David konnte sich keinen Reim darauf machen, was die Museumsangestellte ihm mitteilen wollte.

Alon betrachtete die Seite im Buch genauer. „Unter dem Bild steht, es ist von Michelangelo.“

„Das meinte ich doch“, entgegnete die junge Frau. „Niemand, der Michelangelo beim Nachnamen nennt, kann mir weismachen, dass er sein Fresko in der Sixtinischen Kapelle nicht kennt.“

„Sprechen wir von dem Michelangelo?“

„Kennen Sie denn noch andere?“

„Wenn das Bild so berühmt ist, haben Sie doch sicher auch ein Poster davon?“

„Einen Moment, bitte“, die junge Dame verschwand hinter einem Vorhang.

„Professor Woodberry hat Michelangelo sicher nicht mit einem israelischen Pizzabäcker verwechselt, als er von Buonarroti sprach“, stellte David fest. „Was mich aber viel mehr beschäftigt, ist die Frage, warum Natascha sich ein solches Bild an die Wand hängt.“

„Oder warum es jetzt nicht mehr dort hängt“, ergänzte Alon und nahm das Poster, das die Museumsangestellte auf dem Tisch abgelegt hatte, an sich.

„Danke, das wäre alles.“ David legte das Geld passend auf den Tisch. „Sie haben uns wirklich weitergeholfen.“