Agententhriller, Krimi, Bestseller, Buch Wien, Mossad, Geheimdienst, Israel

SACER SANGUIS II - Die Rückkehr
Kapitel 15


London:

Davids Sorgenfalten waren nicht zu übersehen. „Und jetzt?“ Er blickte ratlos zu Alon, der neben ihm im Auto saß.

„So wie ich die Sache sehe, können wir niemandem außerhalb dieses Wagens mehr trauen.“

David startete den Motor und steuerte seinen Volvo nach Hause. „Meinst du damit auch Chief Inspector Scowcroft?“

„Der Professor schien irgendetwas verheimlichen zu wollen, als er von dem Bild sprach. Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, er hätte uns einen versteckten Hinweis zukommen lassen.“

„Wir könnten ihn doch einfach fragen.“

„Scowcroft lässt ihn nicht ohne Grund von seinen Leuten beschatten. Ich bin sicher, dass der Professor erwartet hat, dass wir herausfinden, welches Bild er meint. Was immer er uns vor Scowcrofts Augen mitteilen wollte, ist hier drin.“ Alon deutete auf die Rolle mit dem Poster. „Außerdem sollten wir so schnell wie möglich die anderen Blöcke der Nachricht entschlüsseln. Wo immer Shahid das nächste Mal zuschlagen will, müssen wir ihm zuvorkommen.“

Goliath hoppelte zur Tür, die das Haus mit der Garage verband, als er hörte, wie Davids Wagen eingeparkt wurde. Erwartungsvoll blickte er auf die Tür.

„Goliath, mein Riese.“ David streckte ihm die Arme entgegen. Wenigstens du bist noch da. Seine Gedanken schweiften zu Natascha ab.

Im Vorbeigehen registrierte Hiob die freudige Begrüßung. Er sah, wie David einen Ball durchs Zimmer rollte und Goliath ihn apportierte.

„Eine komische Rasse“, flüsterte er Alon zu. „Da sind ja die Ohren länger als die Beine.“

Alon musste schmunzeln. „Keine Hasenwitze, bitte“, er zog seine durchnässte Jacke aus, und Hiobs völlig verdutzter Blick fixierte das Hasenlogo auf dem Pullover.

„Erklär ich dir später.“ Alon ging zum PC und betrachtete die Fortschrittsanzeige des Passwortprogramms. „Das sieht nicht gut aus, die Zahl der verbleibenden Versuche ist viel länger als beim vorigen Block“, hörte David Alons Stimme tönen.

David kam ins Zimmer und bestätigte Alons Befürchtung. „Das nächste Passwort hat nicht nur sieben, sondern bereits acht Stellen. Die Anzahl der möglichen Versuche steigt damit exponentiell an.“

„Wie lange?“

„Drei Wochen, wenn wir Pech haben“, bemerkte David.

„Drei Wochen? Das ist aber nicht dein Ernst.“

„Damit werden wir die Sache verkürzen.“ David stellte einen Laptop auf den Tisch.

„Ich verstehe nicht viel von Computern, Mr. Wilder“, meldete sich Hiob zu Wort, „aber selbst mir ist klar, dass der Laptop nicht annähernd die Leistung des Standgeräts bringen wird.“

„Sie haben völlig Recht, Hiob. Er verfügt zwar bei weitem nicht über die Rechenleistung seines großen Bruders, aber er hat mächtige Freunde.“

„Was hast du vor, David?“

„Wir werden die Arbeit gerechter verteilen. Ich kenne einige Rechner, die während der Nacht ungenutzt in den Büros meiner Kunden herumstehen. Archimedes wird die einzelnen Computer so zu einem Cluster verbinden, dass sie wie ein großer Rechner arbeiten.“

„Archimedes?“, fragte Alon und zeigte auf den Laptop.

„Archimedes!“, bestätigte ihm David. „Wir können die Leistung des Computer-Clusters zwar nur während der Nachtstunden abrufen, das aber überall dort, wo wir Internetzugang haben.“

„Wie schnell ist so ein Cluster?“

„Das hängt davon ab, wie viele Rechner wir aufwecken können. Das Personal ist angewiesen, die Computer beim Verlassen des Gebäudes herunterzufahren. Es ist mir aber bei vielen Geräten möglich, sie über das Netzwerk aufzuwecken. Natürlich nur, wenn sie nicht komplett vom Strom getrennt wurden.“

Hiob beobachtete, wie auf dem Bildschirm des Notebooks kleine grüne und gelbe Punkte aufzuleuchten begannen. „Jeder Punkt ist ein Computer?“, wollte er von David wissen.

„Ja, die gelben Punkte melden sich gerade am Cluster an. Die grünen Punkte zeigen jene Rechner, die sich dem Cluster bereits angeschlossen haben und Datenpakete bearbeiten.“

Immer mehr Maschinen begannen dem Cluster unter der Führung von Archimedes beizutreten. „142 Computer beteiligen sich an der Suche nach dem Passwort“, zeigte sich David angenehm überrascht und warf einen Blick auf seine Uhr. „Das sollte bis morgen Früh erledigt sein. Im Übrigen ist es schon ziemlich spät geworden.“

„Legen wir uns für ein paar Stunden aufs Ohr“, schlug Alon vor, „wer weiß, wohin uns der nächste Teil der Nachricht führt.“

„Hältst du das Haus für sicher?“ Hiob wollte Alon mit seiner Frage anbieten, die erste Wache zu übernehmen.

„Keine Sorge, ich habe dank euch überall Kameras und Sensoren. Wenn sich jemand dem Haus nähert, werden wir das unmöglich verschlafen“, verabschiedete sich David, nachdem er seinen Gästen das Nachtlager gezeigt hatte.

„Ich verlass mich lieber auf die hier.“ Hiob schob seine Pistole unter einen Polster der Couch.

„Gute Nacht.“

David wurde nicht nur von dem heftigen Gewitter wach gehalten, das über London niederging. Seine Gedanken drehten sich um Natascha. Wo ist sie jetzt? Wer hat sie entführt, und wie hat man sie aus dem Labor bekommen? Immer wieder stellte er sich die gleichen Fragen.

David schrak zusammen, als die Fensterscheiben im Schlafzimmer unter der Wucht des Donnergrollens erzitterten. Seit Monaten hatte er nicht mehr alleine in diesem Zimmer geschlafen. Selbst Goliath zog es vor, die unruhige Nacht in einer Schachtel unter dem Schrank zu verbringen. Nur sehr langsam zog das Unwetter weiter.