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SACER SANGUIS II - Die Rückkehr
Kapitel 20


Jordanien:

„Sieht so aus, als bekämen wir noch einen Gast.“ Claras Vater kam zurück auf die Terrasse, wo sich der Tisch unter dem üppig aufgetischten Buffet fast durchbog. Mr. Burcely war zweifelsfrei arabischer Abstammung. Seine dunkle Haut, die fast schwarzen Augen und sein gekräuseltes Haar bestätigten das eindrucksvoll. Er war ein wenig untersetzt, wirkte aber bullig und durchtrainiert.

David biss in eine frische Orange. „Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll. Es tut mir leid, dass wir Sie mit unserem Besuch so überfallen haben.“

„Nun, Mr. Wilder, wie Sie sehen können, sind wir nicht nachtragend“, lachte Ms. Burcely und lenkte Davids Blick auf Clara, die mit Goliath durch den Garten tollte.

„Zumindest für die Dauer Ihres Aufenthaltes in Jordanien ist die Anschaffung eines Haustieres kein Topthema mehr am Frühstückstisch.“

„Das Buch, das Sie suchen...“ Mr. Burcely setzte sich wieder an den Tisch. „Haben Sie eine Ahnung, wo genau in Jordanien es sich befindet?“

„Wir vermuten es irgendwo in der Festung Kerak. Ich habe Kerak vor Jahren einmal mit Führung besucht, kann mich aber nicht mehr an ein Buch erinnern.“

„Kerak liegt etwa zwei Autostunden südlich von hier. Aus touristischer Sicht kann ich einen Besuch nur empfehlen. Von einem goldenen Buch weiß aber auch ich nichts zu berichten.“

„Wir haben nicht damit gerechnet, dass die Suche leicht wird“, gestand Alon.

„Möchten Sie lieber etwas anderes?“ Claras Mutter hatte Hiob bereits seit einiger Zeit zugesehen, wie er auf seinem Teller herumstocherte. Er hob seinen Kopf und blickte durch die nur zart gelb getönte Brille in ihre tiefen, ehrlichen, blauen Augen.

„Ehrlich gesagt beschämt es mich, Ms. Burcely, wie freundlich Sie uns hier bei sich aufnehmen.“

„Weil Sie Israelis sind?“, entgegnete Ms. Burcely völlig unverblümt.

Hiob schluckte. „Allein die Tatsache, in einem arabischen Land als Israeli bezeichnet zu werden, ist für uns ein seltenes Privileg.“

„Jordanien hat vor über zehn Jahren mit Israel Frieden geschlossen. Wie in jedem Krieg haben beide Seiten viele Fehler gemacht. Ich halte es für wichtiger, die gemeinsame Zukunft als friedliche Nachbarn zu gestalten, als die Unterschiede der Vergangenheit zu betonen... Damit meine ich natürlich auch unsere Nachbarländer.“

Hiob war sichtlich überrascht von ihrer offenen Antwort. Sein Blick wurde nachdenklich. „Ich verteidige mein Volk seit vielen Jahren gegen die ständige Bedrohung, die von unseren Nachbarn ausgeht.“

Es dauerte einen Moment, ehe er fortsetzte. „Nachbar“, seufzte er. „In diesem Moment verbinde ich zum ersten Mal mehr als nur eine Bedrohung mit diesem Wort.“

Ms. Burcely lächelte freundlich. „Auch ich bin vor vielen Jahren als Fremde in dieses Land gekommen. Die Jordanier sind Fremden gegenüber nicht skeptischer als andere Völker. Wäre mein Mann damals mit mir nach England gekommen, hätte er es sicher schwerer gehabt als ich hier. Ich habe zwar einige Zeit gebraucht, mich einzuleben, aber letztlich hat er sogar zugestimmt, meinen englischen Namen anzunehmen.“

Mr. Burcely betrachtete Alons Zettel mit der entschlüsselten Nachricht. „Gog und Magog“, murmelte er. „Irgendwo habe ich diese Begriffe schon einmal gehört.“ Burcely versuchte verbissen, sich zu erinnern.

„Könnten es die Eigentümer des goldenen Buches sein?“, versuchte Alon ihn zu unterstützen. „Haben Sie diese Leute vielleicht einmal getroffen?“

Burcely verneinte. „Warten Sie einen Moment“, bat er dann und rief nach einem der vier Araber, die damit beschäftigt waren, die Hecke entlang des Grundstücks zu schneiden.

Burcely befragte den Mann auf Arabisch. David konnte nur mit Mühe das Wort Gog heraushören. Für einen ehemaligen Nachrichtendienstmitarbeiter war sein gesprochenes Arabisch geradezu erbärmlich. Der Gärtner nickte mehrmals und begann eine Geschichte zu erzählen, die Burcely mit Interesse verfolgte. Alon war ebenfalls in der Lage, der in Arabisch gehaltenen Erzählung zu lauschen.

David beobachtete indessen, wie der Gärtner wild gestikulierte, um seiner Geschichte Nachdruck zu verleihen.

Das sind bestimmt keine Freunde von ihm, war David sich sicher. Der Gärtner zeichnete mit seinen Händen einen riesigen Kreis in die Luft, in dessen gedachter Mitte er gleich darauf seine Fäuste ballte. Auch Hiob und Ms. Burcely folgten den Ausführungen des Gärtners, der bereits seit Minuten ohne Pause redete.

„Gog Magog“, beendete dieser schließlich seinen Monolog.

„Was hat er gesagt?“ David wollte keine Minute länger warten.

„Nicht viel“, bemerkte Alon.

„Die arabische Sprache ist sehr blumig“, ergänzte Burcely. „Im Wesentlichen geht es um den Jüngsten Tag. Gefangen hinter einer Mauer warten die Gog und die Magog darauf, freigelassen zu werden. Am Vorabend des Jüngsten Tages werden sie über die Menschen herfallen und Tod und Vernichtung bringen. Jesus wird sich der Menschen erbarmen und ihnen zu Hilfe kommen. Im finalen Kampf zwischen Gut und Böse wird er die Gog und Magog vernichten und den gläubigen Menschen das ewige Leben schenken.“

David musste sofort an das Bild von Michelangelo denken. „Das kann doch kein Zufall sein!“, rief er und holte das Poster hervor. „Das Jüngste Gericht von Michelangelo zeigt auch das Weltgericht, bei dem Jesus den gläubigen Menschen ewiges Leben schenkt und das Böse in die Hölle verdammt.“

„Michelangelo war gläubiger Christ“, warf Alon ein. „Die Geschichte der Gog und Magog entspricht der islamischen Auffassung. Dennoch ist die Ähnlichkeit der Ausführungen offensichtlich.“

„Die Frage ist nur, wie bringt uns das weiter?“, meldete sich Hiob zu Wort. „Jeder der bisherigen Hinweise hatte mit Jesus Christus zu tun. Die gestohlene Krone enthält einen Nagel seiner Kreuzigung, und Michelangelos Bild verweist ebenso wie die Gog und Magog auf den Jüngsten Tag. Was hat das mit der Entführung von Ms. Wilder zu tun?“

„Vielleicht ging es Shahids Männern gar nicht um Davids Frau. Wäre es nicht möglich, dass sie hinter dem Bild her waren?“

„Das würde zwar erklären, warum das Bild aus dem Labor fehlt, aber es macht Nataschas Verschwinden noch rätselhafter. Außerdem hätten sie ein derartiges Poster doch auch einfacher haben können.“

Alon stimmte David zu und merkte dann an: „Das Bildmotiv könnte auch eine Erfindung von Woodberry sein, um uns auf eine falsche Fährte zu locken. Außer ihm und deiner Frau hat niemand das Bild im Labor gesehen.“

„Das halte ich für unwahrscheinlich.“ David beugte sich über das Poster. „Wenn Woodberry, aus welchen Gründen auch immer, dieses Bildmotiv erfunden hätte, wie wahrscheinlich ist es dann, dass wir durch die Gog und Magog erneut auf das Jüngste Gericht gestoßen sind? Für mich ist die Geschichte des Gärtners eine Bestätigung der Aussage des Professors.“

Alon musste David beipflichten.

„Weiß Ihr Gärtner auch etwas über den Aufenthaltsort des goldenen Buches zu berichten?“

„In seiner Erzählung sprach er von einer goldenen Mauer, hinter der die Gog und Magog auf ihre Freilassung warten. Ich würde dem aber nicht zu viel Bedeutung beimessen. Die Symbolik derartiger Hinweise ist eher bildlich zu verstehen. Wie ich bereits erwähnte, ist die Sprache sehr blumig.“

„Vielleicht meint die Nachricht eine goldene Mauer und nicht das goldene Buch. Kann es sich um einen Übersetzungsfehler in der Nachricht handeln?“

Alon schüttelte den Kopf. „Nein, eine Wortverwechslung bei der Übersetzung können wir ausschließen. Da besteht keine Ähnlichkeit.“

Hiob griff Davids Gedanken auf. „Das Buch, das wir suchen, ist aber möglicherweise gar nicht golden. Es wäre durchaus vorstellbar, dass es zu seiner Bezeichnung gelangte, weil es vorrangig die goldene Mauer beschreibt.“

„Gibt es in Kerak eine goldene Mauer?“, fragte David.

„Sie wäre mir nicht aufgefallen“, räumte Alon ein.

„Entschuldigen Sie mich bitte für einen Moment“, reagierte Burcely, als er die Türglocke vernahm.

Kurz darauf kam er in Begleitung einer jungen Dame zurück auf die Terrasse. Die Sitzordnung erlaubte es David als Erstem, einen Blick auf die schwarzhaarige Schönheit zu werfen. Ihre etwa schulterlangen Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden.

„Darf ich vorstellen, das ist Chess“, begann Burcely. Alon drehte sich um, und sein Blick traf ihre wohlgeformten Hüften. Er folgte der eng anliegenden braunen Lederjacke, die nur bis zur Brusthöhe Knöpfe hatte. Ohne Burcelys Vorstellung noch zu hören, begann Alon sich langsam zu erheben, und die Rundungen ihres Körpers ließen seine Augen immer höher wandern. Auf ihren rot glänzenden Lippen spiegelte sich das Licht der Vormittagssonne, und in den tiefen grünen Augen vermochte Alon das Meer zu sehen.

„Alon!“, flüsterte Hiob ihm zu.

Alon war fasziniert von Chess’ Anblick. In ihrem Gesicht tanzte eine einzelne Haarsträhne im leichten Westwind, der ihm einen Hauch Lavendel entgegenwehte.

„Alon!“ Der Stoß von Hiobs Ellenbogen beendete Alons sinnlichen Tagtraum. Erst jetzt nahm er Notiz von der Hand, die Chess ihm entgegenstreckte.

„Sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Mr. Kollek“, überspielte Chess die Situation.

„Nennen Sie mich doch bitte Alon. Ich fürchte, ich habe Ihren Namen nicht richtig verstanden.“

Das Säuseln in Alons Stimme versetzte David in Erstaunen. Davids auffälliges Grinsen wurde von Hiob mit einem Augenzwinkern kommentiert.

„Chess“, bekräftigte sie. „Einfach nur Chess.“

Alon antwortete mit einem charmanten Lächeln: „Ich bin auch sehr erfreut, Sie endlich kennenzulernen, Chess.“ Mit einem gekonnten Griff prüfte er den Sitz seines Hemdkragens.

„Endlich?“, fragte Chess überrascht.

„Mr. Burcely hat Sie uns bereits angekündigt“, versuchte Hiob die Situation zu retten.

Alon vermied es, weiter aufzufallen und nickte nur zustimmend.

„Sie können meine Hand jetzt loslassen“, forderte Chess ihn auf.

„Ihre Hand?“, Alon kicherte verlegen, „Ja, natürlich.“

Chess begann, ihre Geschichte zu erzählen. David konnte kaum glauben, was er aus dem Mund der jungen Frau hörte. Ausführlich schilderte sie von ihrem Bruder und dem Zusammentreffen mit dem Ägypter.

„Shahid!“, wurde sie von Hiob unterbrochen, dessen Miene sich verfinsterte.

Auch Alon war versucht, den Ägypter aus Chess’ Erzählung mit Shahid in Verbindung zu bringen. „Das Buch, das Sie für ihn beschafft hatten, war es goldfarben?“

Chess schüttelte den Kopf. „Es hatte einen schwarzen Ledereinband und war zweifellos schon einige hundert Jahre alt. Das Buch war in arabischer Sprache und von Hand geschrieben.“

„Haben Sie es gelesen?“, wollte David wissen.

„Nein, dazu blieb keine Zeit. Mein Bruder hat das Buch erst kurz zuvor gebracht.“

„Wissen Sie, woher er es hatte?“

„Ali hat sich mit einem Freund in Kerak getroffen, danach hielt er das Buch in seinen Händen. Wenig später waren wir auch schon unterwegs zu dem Treffen mit diesem Mörder.“

Ms. Burcely legte ihre Hand auf Chess’ Schulter, die sichtlich mit den Tränen kämpfte.

„Ich glaube nicht an einen Zufall“, stellte David fest. „Sehen Sie eine Möglichkeit, an den Lieferanten zu gelangen, von dem Ihr Bruder das Buch erhalten hat?“

Chess verneinte abermals. „Aber möglicherweise helfen uns die Seiten weiter, die aus dem Buch gefallen sind.“ Chess setzte ihre Geschichte fort.

Mit jedem ihrer Sätze bestätigte sich Hiobs Verdacht, dass Chess mit Shahid zusammengetroffen sein musste.

„Danach haben mich Mr. Burcelys Männer nach Hause gebracht, wo ich mich geduscht und umgezogen habe. Und jetzt bin ich hier“, beendete Chess die Erzählung.

„Haben Sie die Buchseiten dabei?“

„Selbstverständlich.“ Chess griff in die Innentasche ihrer Lederjacke und brachte die Blätter aus altem Pergament zum Vorschein.

„Kufi“, stellte Hiob fest, als er versuchte, die Seiten zu lesen. „Das wird dann wohl ein wenig dauern.“

Alon richtete seine Frage in die Runde. „Könnten Sie uns bei der Übersetzung helfen? Unser Arabisch reicht, um sich verständlich zu machen, aber zur Übersetzung von alten Kufitexten...“

„Was ist Kufi?“, fragte Clara, die mit Goliath im Arm die Terrassenstufen hochkam.

„Eine alte arabische Schrift“, erklärte Alon und reichte Clara eine Seite.

„Das ist ein hübsches Bild“, meinte sie, während sie die Seite aufmerksam betrachtete.

David musste ihr zustimmen, denn in der alten Kufischrift wirkte tatsächlich jeder Satz wie eine kleine Zeichnung. Die vielen kleinen Zeichnungen einer Seite ergaben als Ganzes betrachtet ein Bild.

„Hierbei bin ich wohl keine Hilfe“, stellte David fest und ersuchte Mr. Burcely, seinen Internetanschluss benutzen zu dürfen.

Alon, Hiob und Chess begannen sich in die alten Kufitexte einzulesen, während Clara und ihre Mutter eine Hausbesichtigung mit Goliath veranstalteten.

Chess war mit Kufi sehr gut vertraut, dennoch fiel es ihr nicht leicht, die Schrift zu lesen. Zum einen verstanden es die alten Araber ausgezeichnet, einfachste Sätze ausschweifend niederzuschreiben, zum anderen ließ Kufi eine Fülle von Interpretationen für einzelne Zeichen zu.

„Ich habe hier eine Stelle, die vom Jüngsten Tag erzählt!“, rief sie Alon und Hiob zu. Damit stand für Hiob außer Zweifel, das richtige Buch gefunden zu haben.

Alon nutzte die Gelegenheit, sich Chess zu nähern. „Wo genau befindet sich die Stelle?“, fragte er, als er sich über sie beugte. Chess zeigte mit ihren zerschnittenen Fingern auf die Textstelle.

„Das sieht aber gar nicht gut aus“, bemitleidete Alon sie wegen ihrer Verletzung. Er führte seine Hand vorsichtig über einen langen Schnitt an ihrem Zeigefinger.

„Ich schlage vor, Sie helfen Hiob bei seiner Übersetzung.“ Chess zog ihre Hand zurück. „Ich kann Ihnen meinen Text auch von hier vorlesen.“ Sie setzte ein bewusst gekünsteltes Grinsen auf.

Als Alon sich wieder neben Hiob gesetzt hatte, fasste Chess die Stelle des Buches zusammen. „Wer oder was immer diese Gog und Magog sind, der Text lässt keinen Zweifel daran, dass es besser wäre, sie nicht freizulassen. Ihre Zahl ist so groß, dass, wenn sie von allen Seiten auf den See Genezareth zustürmen, die ersten ihn bereits leer getrunken haben, noch ehe die letzten von ihnen dort angekommen sein werden.“

„Das klingt übel, selbst wenn Sie es sagen.“

„Es wird noch übler“, setzte Chess fort, ohne auf Alons Anspielung einzugehen, „der Tag ihres Erscheinens ist der, an dem ein Mensch einen anderen um dessen Tod beneiden wird.“

„Sie haben Recht, Chess, das ist noch übler.“

„Ich glaube, ich habe einen Hinweis auf das Gold in dem Buch gefunden.“ Hiob reichte Chess die Seite hinüber. „In der vorletzten Zeile. Ich bin mir aber nicht sicher, wie ich den Satz danach deuten soll.“

Chess konzentrierte sich auf die letzten beiden Zeilen und versuchte, einen Sinn darin zu erkennen. Sie blätterte die Seite um und wollte dann auf dem Tisch nach der Folgeseite suchen.

„Sparen Sie sich die Suche“, warf Hiob ein, „die nächste Seite ist leider nicht dabei.“

Wieder und wieder las Chess die Stelle mit dem Satz, der für sich alleine keinen Sinn ergab.

„Was steht denn da?“, drängte Alon.

„So einfach ist das nicht. Hier beginnt ein neues Kapitel in dem Buch. Aus dem Zusammenhang gerissen, könnte der einzelne Satz vieles bedeuten.“

„Machen Sie mir einen Vorschlag.“ Alon hob auffordernd seine Hand.

„Nehmen wir an, dass dieses Zeichen für Gold steht und dieses Zeichen...“, Chess murmelte vor sich hin und schrieb einige Worte auf ein leeres Blatt.

Dann stand sie auf. „Eine Möglichkeit wäre...“, sie stoppte mitten im Satz und begann, ihre Niederschrift wieder durchzustreichen. „Einen Moment noch!“

Alon sah Hiob gelangweilt an und gähnte demonstrativ.

„Schon gut.“ Chess warf ihm einen genervten Blick zu. „Nehmen wir an, der Text bezieht sich auf eine Mauer aus Gold, welche die Gog und Magog zurückhalten soll. Der letzte Satz erwähnt drei Metalle, nennt aber namentlich nur Eisen, grünes Eisen und ewiges Eisen.“

„Eine Möglichkeit Eisen über Zwischenschritte in Gold zu verwandeln? Das wäre wahrlich ein gutes Motiv“, brachte sich Hiob ein.

„Das bezweifle ich.“ Chess dachte ihren Gedanken laut zu Ende. „Ich würde aufgrund der Reihenfolge, wie die Metalle im Satz angeordnet wurden, eher vermuten, dass die drei Metalle gemeinsam die Mauer bilden. Mit grünem Eisen kann ebenso ein grünes Metall gemeint sein. Die Deutung ist auch hier nicht so eng begrenzt möglich.“

„Kupfer wird grün, wenn es an der Luft oxidiert.“

„Das wäre eine Möglichkeit“, räumte Chess ein, als sie Alons Vorschlag gehört hatte. „Und ewiges Eisen?“

„Zink wird durch seine gegen Sauerstoff unempfindliche Oberfläche bis heute verwendet, um Eisen am Rosten zu hindern.“

Chess stimmte zu.

„Inwieweit hilft uns das mit der goldenen Mauer weiter?“, wollte Hiob wissen.

„Mehr als du denkst, mein Freund. Die Mischung von Eisen, Kupfer und Zink ist auch als Sondermessing bekannt.“

Chess versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie Alon sie mit seinem Wissen beeindruckte, während er weiter ausführte. „Womit wir auch eine Erklärung für die goldene Mauer haben. Denn Messing ist goldfarben.“

„Nehmen wir einmal an, Sie hätten richtig geraten“, formulierte Chess ihre Frage an Alon. „Wo finden wir diese Mauer?“

„Hier!“ Hiob zeigte auf eine Zeile. „Hier ist von einem Stein die Rede, dessen Innerstes sichere Passage zur goldenen Mauer gewährt.“

Gemeinsam machten sich Hiob und Chess daran, den Text dieser Seite zu übersetzen.

David kam mit Mr. Burcely zurück auf die Terrasse. „Und?“, fragte er in die Runde: „Habt ihr etwas herausgefunden?“

„Du zuerst!“, gab Alon den Ball zurück.

„Es wird noch dauern, im Moment ist Archimedes nur mit zwei Rechnern im Haus von Mr. Burcely verbunden. Heute Abend werden wir den Cluster mit London wieder aufbauen.“

„Das klingt doch nicht schlecht. Chess und Hiob waren in der Zwischenzeit auch erfolgreich. So wie es aussieht, haben wir gute Chancen, Shahid dieses Mal zuvorzukommen. Wir suchen einen hohlen Stein, möglicherweise eine Art steinerner Behälter. Auch hier lässt die Übersetzung einigen Spielraum.“

Chess setzte Alons Erklärung fort. „Soweit sich das aus den Texten ableiten lässt, finden wir ihn nahe dem Toten Meer, südlich der Grenze zum Westjordanland. Er soll in der Nähe eines alten Tempels versteckt sein.“

Alon wandte sich an Mr. Burcely. „Gibt es hier in der Nähe eine Unterkunft, wo auch Israelis sicher übernachten können? Ich möchte es nämlich vermeiden, unnötig Aufmerksamkeit auf unsere Anwesenheit zu lenken.“

Mr. Burcely winkte ab. „Wie ich Mr. Wilder bereits mitgeteilt habe, sind Sie selbstverständlich für die Dauer Ihres Aufenthalts unsere Gäste. Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn Ihnen etwas zustoßen würde. Auf meinem Grundstück kann ich dank des umfassenden Wachpersonals für die Sicherheit garantieren.“

„Mr. Burcely?“ Chess’ Stimme wurde mit einem Mal glockenhell.

Burcely fing an zu schmunzeln. „Ich habe mich schon gefragt, wann Sie mit der Bitte auf mich zukommen werden.“

„Sie wissen doch...“, versuchte Chess ihre Stimme mit gespielter Verlegenheit zu untermalen. „Wenn man etwas einmal gewohnt ist...“

Burcely öffnete seine Hand und Chess erkannte sofort den Wagenschlüssel. „Der Zeitpunkt ist kein schlechter“, erklärte er, „in etwas weniger als zwei Wochen soll das Nachfolgemodell an mich ausgeliefert werden. Ich schlage vor, Sie machen eine gründliche Probefahrt, über den Preis unterhalten wir uns später.“

Chess strahlte bis über beide Ohren. „Danke, Mr. Burcely, ich verspreche Ihnen, keine Beule und keinen Kratzer hineinzufahren.“

„Aber natürlich, Chess - und selbst wenn“, meinte er lachend, „Sie kennen die Modalitäten ja bereits. Wie besichtigt und Probe gefahren.“

Chess und Burcely blickten einander zufrieden in die Augen, als sie ihre Vereinbarung mit einem festen Händedruck besiegelten.

Burcely ging mit Chess zur Garage, um ihr den Wagen zu zeigen, während Alon sich mit David und Hiob absprach. „David, ich ersuche dich, alles daran zu setzen, den nächsten Teil der Nachricht zu entschlüsseln. Chess und ich werden in der Zwischenzeit diesen Stein beschaffen.“

Hiobs Gesicht signalisierte, dass er keine Freude mit dem Vorschlag hatte. Alon ging auf Hiob zu.

Er legte den Arm um seine Schulter und erklärte das Vorhaben mit ruhiger, aber entschlossener Stimme. „Ohne die fehlenden Seiten des Buches weiß Shahid nicht, wohin wir fahren. Chess und ich sind also nicht unmittelbar in Gefahr. Außerdem werden wir die Seiten des Buches unter uns aufteilen. Wir nehmen nur die Seite mit dem Stein mit.“

Hiob stimmte ihm zu.

„Und wenn er hier auftaucht?“, fragte David. „Was machen wir, wenn er die anderen Seiten will?“

Alon klopfte auf Hiobs Schulter. „Dann weißt du, was du zu tun hast, mein Freund.“

Hiob nickte.

„Wir melden uns dann heute Abend“, verabschiedete sich Alon von seinen Freunden.