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SACER SANGUIS MANIAC - Mummy Island
Kapitel 02


Amerika, Sanatorium, zwei Wochen später:

Warum wir hier drin alle nur vom Sanatorium sprechen? Vermutlich, weil das nicht annähernd so schlimm klingt wie die Bezeichnung, unter der man diese Einrichtung im öffentlichen Telefonbuch findet: CEFMAP - Center for Emergency, Forensic, Military and Addiction Psychiatry.

Sie können mich Ron nennen, einfach nur Ron. Unsere richtigen Namen tun hier drin ohnehin nichts zur Sache. Nehmen Sie zum Beispiel 2-Minuten-Victor. Im echten Leben war Victor angeblich ein großes Tier. Er hat einen dieser Biotechkonzerne geleitet, die ihre genmanipulierten Dreckssamen überall auf die Felder streuen. Millionenschwer soll Victor gewesen sein: eigener Fuhrpark, eigener Hubschrauber, eigener Wolkenkratzer, das ganze Programm. Und jetzt? Sehen Sie ihn sich an, wie er in seinem Rollstuhl kauert und darauf warten muss, bis ihm eine Schwester den Sabber abwischt. Alle zwei Minuten braucht er ein Taschentuch, sonst tropft ihm der Speichel auf seinen Trainingsanzug. Nicht, dass das bei ihm noch einen Unterschied machen würde.

Woher ich so viel über 2-Minuten-Victor weiß? Von Overnight-Jimmy. Jimmy ist echt ein prima Kerl. Leider verträgt er keine Laktose. Alles, was mit Milch zu tun hat, lässt seine Därme explodieren. Echt üble Sache, aber das eigentliche Problem mit Overnight-Jimmy ist sein Gedächtnis. Er hat eine ganz besondere Art von Amnesie, deren medizinischen Namen sich selbst ein Gesunder nicht merken kann. Der Einfachheit halber haben wir seine Diagnose deshalb auf Alzheimer geändert. Das kann man sich wenigstens merken - also wir. Jimmy nicht, denn über Nacht hat er alles vergessen, was man ihm erzählt hat. Obwohl er eigentlich wissen sollte, dass er keine Milch verträgt, langt er beim Frühstückskakao immer wieder kräftig zu. Natürlich behalten die Pfleger ihn deshalb im Auge, doch nicht immer können sie das Schlimmste noch rechtzeitig verhindern.

Jimmy ist echt ein armer Kerl, der eine Menge weiß. Leider kann man sich nur bei geöffnetem Fenster mit ihm unterhalten. Habe ich sein Laktoseproblem schon erwähnt?

Nicht, dass Sie denken, ich wäre verrückt. Vielleicht eine kleine Erinnerungslücke hin und wieder, aber ich bin nicht verrückt. Mein Wort darauf.

Klar behaupten das alle hier drin von sich, aber in meinem Oberstübchen leuchtet es noch taghell. Okay, wenn sie mich mit ihren Tabletten sedieren, dann gehen auch bei mir die Lichter aus, aber meistens kann ich das Zeug vermeiden.

Wo waren wir?

Ach ja, Overnight-Jimmy! Ein echt netter Kerl. Jimmy ist die beste Informationsquelle, die man sich nur vorstellen kann. Alle schütten ihm bereitwillig ihr Herz aus, sogar Schwestern, Ärzte und Pfleger - kein Witz. Jimmy kriegt sie alle, denn er kann verdammt gut zuhören. Sein Blick hat etwas unbeschreiblich Tröstliches. Reden mit ihm ist, als würde man der eigenen Mutter beichten, dass man ihren Wagen zu Schrott gefahren hat, und sie lächelt einen nur mitfühlend an und sagt: „Alles wird wieder gut.“ Genau das will jeder von uns hören, das hält uns alle am Leben in diesem Irrenhaus.

Für den Fall, dass man Jimmy einmal zu viel erzählt hat, braucht man sich keine Sorgen machen. Sein Alzheimer arbeitet viel besser als jedes Beichtgeheimnis. Nach einmal Schlafen, spätestens aber nach 24 Stunden ist alles unwiederbringlich gelöscht, und es gibt keinen, der die Daten auf seiner Festplatte wiederherstellen könnte.

Ich teile mir ein Zimmer mit Jimmy. Am Abend, vor dem Einschlafen, plaudern wir gern noch ein Stündchen, sobald die Nachtschwester gegangen ist. Zum Glück bekommt Jimmy keine Tabletten zum Einschlafen, und ich spucke meine sowieso wieder aus. Sie würden nicht glauben, was Jimmy mir schon alles erzählt hat. Ihn im Zimmer zu haben, ist wie ein Schatz. Er ist die Quelle allen Wissens. Aber soll ich Ihnen was sagen? Freiwillig will ihn keiner als Bettnachbar.

Ich bekomme täglich eine Extraration Nachtisch, weil ich mich bereit erklärt habe, mein Zimmer mit ihm zu teilen. Jimmy ist ein prima Kerl, aber mit ihm als Nachbar darf man kein empfindliches Näschen haben. Entweder das, oder es stört einen nicht, auch mitten im tiefsten Winter bei offenem Fenster zu schlafen.

Wirklich öffnen lassen sich unsere Fenster selbstverständlich nicht, außerdem sind sie vergittert. Aber meine Nase funktioniert nicht mehr so gut, und deshalb reicht mir das bisschen gesiebte Frischluft in unserem Zimmer zum Überleben.

Neben 2-Minuten-Victor, Overnight-Jimmy und mir wohnt auch noch Sparspüler-Melvin auf unserer Station. Natürlich gibt es hier noch mehr Verrückte, aber die sind mir keine Erwähnung wert. Melvin schon.

Als ich den dicken Melvin zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich, er wäre Autist. Sie wissen schon, einer von den Typen, die einen an der Klatsche haben, was den Umgang mit anderen betrifft. Eine in sich gekehrte Persönlichkeit, wie der Fachmann sagt. Melvin in sich gekehrt? Dass ich nicht lache. Sie sollten mal hören, wie der loslegt, wenn er einen seiner Tics hat.

Was genau Melvins Problem ist, wissen vermutlich nicht einmal die Ärzte, die ihn hier eingewiesen haben. Auf jeden Fall bekommt er schwere Neuroleptika, die gegen sein Tourette-Syndrom helfen sollen. Tourette-Syndrom sagt Ihnen doch was, oder? Wenn man so lang hier drin ist wie ich, dann gewöhnt man sich so viele medizinische Ausdrücke an, dass man gar nicht mehr weiß, wie man sich mit normalen Menschen verständigen soll.

Ich werde von jetzt an versuchen, Fachchinesisch zu vermeiden. Stellen Sie sich vor, jemand zuckt völlig unkontrolliert herum. Ungefähr so, als wäre er in einen Stromkreis gekommen. Seine Muskeln machen, was sie wollen, und der Betroffene selbst hat keine Kontrolle darüber. Das nennt man Tic. Patienten mit Tourette-Syndrom können hunderte dieser Tics an einem einzigen Tag haben. Sparspüler-Melvin hat eine besonders schlimme Form erwischt. Wenn er einen Tic hat, reißt er plötzlich beide Unterarme hoch wie ein Gewichtheber. Ein paar Mal hat er sich dabei schon selbst eine geballert.

Außerdem flucht er, wenn er einen Tic hat. Flüche der ganz üblen Sorte sind das. Aber das nimmt ihm keiner von uns krumm, denn diese ungewollten Äußerungen sind Teil der Krankheit. Falls Sie Melvin also einmal begegnen und er Ihnen böse, ich meine wirklich böse, Wörter an den Kopf wirft, lächeln Sie einfach, als hätte er Ihnen ein nettes Kompliment gemacht. Er kann nichts dafür.

Was wir ihm aber sehr wohl übelnehmen, ist seine andere Macke. Bisher konnte mir noch keiner sagen, ob die Sparspülerei Teil seiner psychischen Störung ist oder er nur einfach keine Lust hat, seine Hinterlassenschaften zu entsorgen. Fest steht, dass es kein Vergnügen ist, hinter Sparspüler-Melvin auf die Toilette zu gehen.

Falls Sie sich fragen, warum ich Ihnen das alles überhaupt erzähle: Das ist Teil meines neuen Therapieprogramms.

Die wunderbar blonde Dr. Knox hat mir empfohlen, dass ich meine Vergangenheit endlich aufarbeiten soll, indem ich diese zu Papier bringe - nur für mich selbst, aber mit dem nötigen Abstand. Meine Erinnerungen - erzählt aus dem Blickwinkel eines neutralen Beobachters.

Gut, das haben mir ihre Vorgänger auch schon empfohlen, aber keiner von denen sah auch nur annähernd so gut aus wie unsere neue Stationsleiterin Dr. Knox. Wie gut genau lässt sich schwer in Worte fassen, aber Sparspüler-Melvin hat es trotzdem versucht: „Saugeile Titten!“, hat er Dr. Knox mehrmals hintereinander ins Gesicht gebrüllt und dabei fleißig fiktive Hanteln hochgerissen.

Sie hat ihn freundlich angelächelt und die begleitende Schwester angewiesen, Melvins Tablettendosis künftig zu erhöhen.

Tja, so läuft das hier bei uns. Wirkliche Bestrafung gibt es selbst bei Gewaltausbrüchen keine, aber wenn du den Schwestern oder Ärzten zu sehr auf die Nerven gehst, dann stellen sie deine Medikamente neu ein. Im Klartext heißt das, dass du sediert wirst. Einige von uns hängen danach so leblos herum wie die hässlichen Kunstdrucke im Schwesternzimmer. Einmal soll sogar einer versehentlich eingeschläfert worden sein, aber das war lang vor meiner Zeit. Diese Information ist übrigens mit Vorsicht zu genießen, denn sie stammt von Jimmy und ist deutlich älter als 24 Stunden.

Wahrscheinlich hört sich mein Geschwafel für einen Außenstehenden ziemlich verrückt an. Aber was erwarten Sie von einem, der vermutlich schon mehr als sein halbes Leben mit lauter Verrückten weggesperrt ist? Genau kann ich es nicht sagen, weil ich meine ersten Monate in der Psychiatrie aus Selbstschutz verdrängt habe. Oder waren es Jahre?

Dr. Knox meint, das sei völlig normal und ich solle mir deshalb keine Sorgen machen. Sobald ich mir erst alles von der Seele geschrieben habe, sieht sie gute Chancen, dass ich von der geschlossenen in die offene Abteilung verlegt werden kann. Offene Abteilung bedeutet keine vergitterten Fenster und keine versperrten Anstaltstüren mehr. Sie wissen, worauf ich hinauswill? Gut, denn detaillierter ausführen möchte ich diesen Gedanken nicht. Man weiß schließlich nie, wer hier vielleicht mitliest.

Zurück zum Thema: Wenn ich mich recht erinnere, hat alles mit einem Besuch auf dem Flohmarkt begonnen. Das muss 1989 gewesen sein. Auf dem Flohmarkt war ich, um mich nach neuer Ware umzusehen.

Dass man mich Ron nennt, wissen Sie ja bereits. Was Sie allerdings noch nicht wissen können, ist, dass ich passionierter Lepidopterologe bin. Zugegeben, das Sammeln von Schmetterlingen ist kein gesellschaftlich anerkannter Beruf, aber mit etwas Glück und Sachverstand kann man sich damit über Wasser halten.

Nicht, dass Sie jetzt vielleicht denken, ich hätte Zoologie studiert oder etwas in dieser Art. Mein Vater hätte niemals zugelassen, dass aus mir ein diplomierter Vollpfosten wird. Außerdem hätte er auch gar nicht das Geld gehabt, um mich auf die Universität zu schicken. Stattdessen musste ich Tierpfleger lernen. Installateur wäre mir damals lieber gewesen, aber mich hat keiner gefragt.

Rückblickend betrachtet war der Job im Zoo aber doch keine schlechte Sache. Der Grundlohn war zwar bestenfalls durchschnittlich, aber wie so oft bei Handwerksberufen hat auch die Tierpflegerei goldenen Boden. Nebengeschäfte lautet das Zauberwort.

Ein paar Jahre hat es gedauert, dann war mir klar, wie viel Potenzial in Schmetterlingen steckt. Ich meine keine gewöhnlichen Falter, wie sie einem pausenlos gegen die Scheibe knallen, wenn man im Sommer über die Autobahn heizt. Nein, ich meine seltene Schmetterlinge, für die manch einer ein kleines Vermögen hinblättert, nur um sie in seine Sammlervitrine zu bekommen.

Das Schmetterlingshaus, in dem ich gelernt und später auch gearbeitet habe, beherbergte unterschiedlichste Arten aus aller Welt. Von bunt, aber billig bis farblos, aber trotzdem schweineteuer war alles dabei. Völlig zu Recht bezeichneten viele Besucher unsere Schmetterlinge als fliegende Juwelen. Dummerweise können solche Juwelen im Lauf ihres Lebens deutlich an Glanz einbüßen, wodurch sie für Sammler ihren Reiz verlieren.

Während ich mich zu Beginn meiner Geschäftstätigkeit noch darauf beschränkt habe, tote Falter einzusammeln, zwischen dicke Kartons zu packen, diese wiederum in gepolsterte Kuverts zu stecken und in alle Welt zu verschicken, stiegen meine Ansprüche mit der Zeit doch deutlich. Viel mehr ließ sich mit seltenen Schmetterlingen verdienen, die noch in der Blüte ihres Lebens standen. Falter, deren Flügel noch nicht eingerissen waren und denen keine Beine fehlten. Vor allem der Zustand der Flügel ist ein wesentliches Kriterium für den Preis.

Für gewöhnlich bekamen wir die Schmetterlinge als Puppen angeliefert. Ich hängte sie wie kleine Wäschestücke - sie erinnerten mich immer ein wenig an Socken - im Terrarium auf und wartete, bis sie ihre Metamorphose abgeschlossen hatten und schlüpften. Anschließend kam der Großteil der Schmetterlinge in den für Besucher zugänglichen Teil der Anlage. Ein paar Exemplare zweigte ich für den Eigenbedarf ab, was nicht sonderlich auffiel, da es immer Ausfälle bei den Puppen gab.

Für die Besucher war es unerheblich, ob ausgerechnet die makellosesten und größten Exemplare vor ihren Kameralinsen auf und ab flatterten. Warum also Perlen vor die Säue werfen, wenn ich von meinen Kunden fette Aufschläge für besonders schöne Exemplare bekam?

Mein erstklassiges Angebot hat sich in der Branche herumgesprochen, und so konnte ich nach wenigen Jahren auf einen zuverlässigen Kreis von Abnehmern zählen. Meine Lehre hatte sich bezahlt gemacht.

Leider locken gute Geschäfte immer auch Neider an. So kam es, dass ich eines Tages zwar jede Menge guter Kontakte zu zahlungskräftigen Sammlern hatte, aber leider keinen Job mehr, um sie beliefern zu können. Hinhalten und Vertrösten funktioniert nur eine Zeit lang, weshalb ich mich rasch nach Alternativen umgesehen habe. Vor allem Flohmärkte und gelegentlich auch Auktionen mit Sammlungsauflösungen erwiesen sich damals als wahre Fundgruben, wenngleich sie leider alle nicht an die ursprüngliche Qualität heranreichten.