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SACER SANGUIS MANIAC - Mummy Island
Kapitel 03


Sanatorium:
Der heutige Tag verlief bisher recht ruhig, natürlich immer gemessen an einer Anstalt wie dieser. Gleich in der Früh wurde der neue Fernseher für den Aufenthaltsraum geliefert. Das war auch dringend nötig, nachdem Eugen sich den alten aufgesetzt hatte. Eugen ist unser Concierge, der uns übrigens auch mit Drinks versorgt, weil wir keinen Kellner haben. Doch dazu später mehr.

Es war kurz nach dem Mittagessen, und der neue Fernseher funktionierte noch immer, wenngleich sich schon die Ersten über das Programm beschwert hatten. Ich übrigens auch. Laut einer aktuellen Prognose sollen in zwei bis drei Jahren alle Menschen nur noch mobil telefonieren, und zwar weltweit.

Nur noch mobil? Bei den Preisen? Also ehrlich, da fragt man sich doch, warum wir hier drin eingesperrt sind, während solche Verrückten einen Platz in den Mittagsnachrichten bekommen.

Eugen war drauf und dran, sich den neuen Fernseher ebenfalls vorzunehmen, aber diesmal war Schwester Ingrid schneller.

Schwester Ingrid ist sehr nett, allerdings ist unser Verhältnis seit der Sache mit dem Fernseher etwas angespannt. Sie hat mich im Verdacht. Ausgerechnet mich! Nur weil ich zufällig dabei war, als die magische Stimme in Eugens Ohr ihm befohlen hat, sich den Fernseher aufzusetzen. Jetzt mal ehrlich. Wie um alles in der Welt hätte ich das Unglück verhindern sollen? Als ob ich diese Stimmen hören könnte. Kann ich nicht. Ich bin nämlich nicht verrückt! Eugen schon.

Eugen ist unser Kellner. Ihn hat es gleich doppelt erwischt, geistig meine ich. Auf seiner rechten Schulter sitzt der Teufel - oder war es die linke - und flüstert ihm pausenlos Dinge ins Ohr. Im Prinzip läuft es so ab wie bei dem Kinderspiel Simon says. Nur dass Simon in Wirklichkeit der Teufel ist - in Eugens Wirklichkeit. Wenn der Teufel ihm also befiehlt: „Eugen, setz dir den Fernseher auf!“, dann macht er das. Irgendwo verständlich, wie ich finde, denn wer will sich schon mit dem Leibhaftigen anlegen. Noch dazu, wenn er einem ständig auf der Schulter sitzt.

Eugen hat nach seinem neuerlichen Versuch einer Fernsehattacke eine Extradosis bunte Tabletten bekommen und ist friedlich weggedämmert. Teufel hin oder her, das letzte Wort haben hier immer noch die Ärzte.

2-Minuten-Victor, ich und Overnight-Jimmy machten es uns unterdessen auf der Terrasse gemütlich. In einem Irrenhaus gibt es nicht viele Dinge, mit denen man sich auf unterhaltsame Weise die Zeit vertreiben kann. Wenn es einem dann noch verleidet wird, Teufels-Souffleuse zu spielen, bleibt fast nur noch Schach übrig. Terrassenschach wird bei uns mit kniehohen Schaumstofffiguren gespielt. Alles nur zu unserer eigenen Sicherheit.

Schach kennen Sie bestimmt, aber haben Sie schon einmal versucht, es zu dritt zu spielen? Ich hätte selbst nicht gedacht, dass es möglich ist, bis Melvin eines Tages mit bunten Mühlesteinen angetanzt ist. Eigentlich waren es Zierkissen von der Besuchercouch, aber wenn es an Material fehlt, ist eben Fantasie gefragt. Unser Terrassenschach kann man wahlweise allein, zu zweit, zu dritt oder auch zu viert spielen. Theoretisch wäre es auch mit fünf Spielern möglich - alles nur eine Frage der Regelauslegung. Ab vier Teilnehmern wird es allerdings ziemlich unübersichtlich, weil unser Terrassenboden nicht im Karo-, sondern im Streifenmuster verlegt ist.

Jimmy hatte seinen Zug gemacht, also war ich dran. Ich war mir sicher zu gewinnen. So wie gestern und vorgestern und... Manchmal weiß ich die Vorteile zu schätzen, die es zweifellos hat, unter lauter Verrückten leben zu müssen.

„Verkaufen! Verkaufen!“ Victor bäumte sich in seinem Rollstuhl auf. „Sofort alles verkaufen! Alles verkaufen!“

Wenn Victor sich aufregt, kann seine Aussprache unangenehm feucht werden. Er verliert dann gern dicke Speichelfäden, die er beim Bewegen seines Kopfes wie schleimige Tentakel in alle Richtungen schleudert.

„Beruhig dich, Victor!“, sagte ich routiniert. „Du hast noch die Kurse von gestern. Gestern war kein guter Tag, aber heute steigen deine Aktien schon wieder.“

„Wirklich?“, fragte er, als hätte er einen seiner wenigen lichten Momente.

„Klar, Victor. Du wirst noch steinreich damit.“

Victor blickte mich zufrieden an, schloss seinen Mund und der Speichelfluss versiegte für weitere zwei Minuten.

Es muss schlimm sein, wenn man sein bis dahin perfektes Leben über Nacht an der Börse verzockt. Ich bin zwar kein Arzt, aber ich schätze, das wird ihm noch eine ganze Weile nachhängen.

„Ron?“ Es war die honigsüße Stimme von Dr. Knox. Sie ist der goldblonde Engel, den ich nicht von der Kante meines Gitterbetts stoßen würde.

„Da sind Sie ja, Ron!“

„Da bin ich!“, bestätigte ich mit meinem vermeintlich von Psychopharmaka aufgeputschten Lächeln.

„Wie geht es Ihnen heute?“

„Blendend, Dr. Knox, blendend!“

„Das freut mich wirklich sehr.“ Ihr Lächeln war unbezahlbar. „Wie läuft es mit unserem Projekt?“ Sie zwinkerte mir verstohlen zu.

„Unser Projekt?“, wiederholte ich, als wüsste ich zunächst nicht, worauf sie hinauswollte. Dann fiel es mir scheinbar wie Schuppen von den Augen. „Unser Projekt!“ Ich schlug mir theatralisch auf die Stirn. „Prima. Es läuft prima.“

Nicht, dass Sie mich jetzt falsch verstehen. Ich hätte ihr auch einfach sagen können, dass ich mit dem Niederschreiben meiner Geschichte gut vorankomme und an nichts anderes denke. Hätte ich... Aber das wäre ein fataler Fehler gewesen. Für den Moment sollte sie ruhig glauben, dass ich der Sache keine große Bedeutung beimaß. Umso glaubwürdiger würde ich rüberkommen, wenn sich nach einigen Wochen auf wundersame Weise eine massive Verbesserung meines Gesamtzustands einstellt.

„Wie viele Seiten haben Sie schon, Ron?“

„Ein paar“, erwiderte ich wahrheitsgetreu. „Ich habe mir für den Anfang vorgenommen, ein bis zwei Kapitel pro Woche zu schreiben. Wenn es mir später dann leichter fällt, hoffentlich mehr.“

„Sehr schön.“ Sie strahlte förmlich. „Ich habe ein wirklich gutes Gefühl bei Ihnen.“

„Ich habe auch immer ein gutes Gefühl, wenn Sie in der Nähe sind.“ Mein charmantes Lächeln ließ sie dahinschmelzen wie süßes Erdbeereis in der Sonne. Oder so wie Victor, als ich ihn letzte Woche über Mittag auf dem Basketballplatz vergessen hatte. „Ich weiß, dass Sie mir helfen werden, mein altes Leben zurückzubekommen. Sie werden mich retten!“ Es konnte bestimmt nicht schaden, ihre zierlichen Schultern ein wenig Erfolgsdruck spüren zu lassen.