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SACER SANGUIS MANIAC - Mummy Island
Kapitel 04


Auf dem Flohmarkt.
Mai 1989: Ron, das bin ich, war auf dem Flohmarkt unterwegs, um für seine Bestandskunden neue Ware zu besorgen. Nachdem er, also ich, mit seinem Job im Schmetterlingshaus auch sein Zusatzeinkommen verloren hatte, geriet sein Leben finanziell ziemlich in Schieflage.

Okay, so langsam begreife ich, was Dr. Knox gemeint hat, als sie von innerer Distanz zu meiner Vergangenheit gesprochen hat. Es fällt mir unglaublich schwer, von mir selbst in der dritten Person zu schreiben. Schließlich habe ich all diese Dinge doch selbst erlebt. Ich und nicht er.

Das Beste wird sein, ich beginne noch einmal von vorn und streiche ich und mich aus meinem Wortschatz. Spätestens, wenn ich zu dem Teil komme, wo ich mir vor Angst in die Hose gemacht habe, werde ich hoffentlich mit Erleichterung feststellen, dass es seine war.

Erstes Kapitel, zweiter Versuch:

Ron war Ende zwanzig, sah verdammt gut aus und war der verkannte Schwarm aller Frauen. Feste Beziehungen mied er, um die richtige Gelegenheit nicht zu verpassen, die zweifelsohne noch kommen würde. Wegen seiner 176 Zentimeter drehten sich zwar nicht alle Frauen nach ihm um, aber dafür musste er auch nicht mit einem Allerweltsgesicht leben, mit dem er in der Masse unterzugehen drohte. Kurz gesagt: Ron war ein sympathischer Kerl, der sich für die Richtige aufhob.

Im Mai 1989 sah Ron sich gezwungen, auf Flohmärkten nach neuer Ware für seine alten Kunden Ausschau zu halten. Ohne den Job im Schmetterlingshaus kam er nicht mehr an die begehrten Tiere heran, und ohne private Puppen- und Schmetterlingsverkäufe versiegte auch sein zweites finanzielles Standbein. Es war nur noch eine Frage von Wochen, bis sein Erspartes aufgebraucht war. Auto, Wohnung, Kreditraten, das alles wollte bezahlt werden. Sollte ihm in dieser angespannten Lage noch etwas Unvorhergesehenes in die Quere kommen, würde er ganz schnell mit dem Rücken zur Wand stehen.

Ron besuchte schon seit vielen Jahren drei Flohmärkte, die er bequem mit dem Auto erreichen konnte. Offiziell verkaufte er selbst nie etwas, allerdings nur, weil ihm die Sache zu heiß war und er das Geld für die Standmiete sparen wollte. Sparsamkeit oder Vorsicht hatten ihn aber nie davon abgehalten, anderen Händlern unter der Hand präparierte Schmetterlinge oder in Einzelfällen auch Puppen anzubieten.

Ron kannte zwei Standbesitzer näher. Jedenfalls besser, als sie ihn kannten oder zu kennen glaubten. Ron war immer vorsichtig gewesen. Umso mehr ärgerte es ihn, dass er seinen Job verloren hatte. Sehr sogar! Konzentrier dich auf die Geschichte, Ron! Es ist seine Geschichte, nicht deine!

Einer der Standbesitzer war emigrierter Pole. Laut eigener Aussage lebte er seit mehreren Jahrzehnten hier. Er nannte sich Jakub. Sein fortgeschrittenes Alter und das vom Leben gezeichnete Gesicht passten nur allzu gut zu seiner Emigrationsgeschichte.

Jakub war kein Mann, dem man zehn Dollar ohne Bürgschaft borgen würde, aber er verstand zumeist eine Menge von dem Krempel, den er zum Verkauf anbot. Sein Stand war immer nach demselben Muster aufgebaut. Fast so, als würde er nie etwas davon verkaufen. Doch das Gegenteil war der Fall. Jakub hatte offensichtlich extrem gute Quellen, die ihm stets das nachliefern konnten, was er Woche für Woche an den Mann brachte. Raritäten vom Fließband sozusagen.

Sehr zu Rons Vorteil hatte Jakub ein Faible für Schmetterlinge. Je bunter, desto besser. Der Pole hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er von Stammbäumen, Gruppen, Klassifizierungen, Familien, Unterfamilien und all den anderen Dingen, die einen erfolgreichen Schmetterlingssammler ausmachten, keine Ahnung hatte.

Er erfreute sich an den bunten Faltern wie andere Leute an Abziehbildern oder Bierdeckeln und war Tauschgeschäften nicht abgeneigt. Ihren Wert bestimmte er nach bloßem Gefallen, was ihn in Rons Augen einerseits zum perfekten Käufer farbenprächtiger, aber billiger Tiere machte und andererseits zum perfekten Verkäufer unscheinbarer, aber teurer Exemplare.

Diesmal war Ron gekommen, um zu kaufen. Auch mit vermeintlich langweilig gemusterten Nachtfaltern ließen sich gute Preise erzielen, wenn man nur die richtigen Kunden dafür hatte. Die Frage war, ob das Angebot von Jakub mit der Dicke von Rons ausgehungerter Brieftasche übereinstimmte.

Die Wolken am Himmel zogen unschlüssig herum, als Ron den Stand von Jakub erreichte. Bevorstehender Regen war stets ein gutes Vorzeichen aus Käufersicht. Im Fall des Falles musste es schnell gehen mit Standabbau und Verladen. Jedes Stück, das man davor noch verkauft hatte, war ein sicherer Gewinn und musste weder vor dem Regen in Sicherheit gebracht noch wieder mit nach Hause geschleppt werden.

„Lange nicht mehr gesehen.“ Ron streckte dem Polen die Hand entgegen.

„Dasselbe wollte ich auch gerade sagen.“ Jakub erhob sich aus seinem gestreiften Klappsessel und erwiderte den kräftigen Händedruck. „Tee?“

„Drüben bei den Türken, ich weiß.“ Ron zog müde ein Augenlid herunter, um den zur Genüge gehörten Witz entsprechend zu würdigen.

„Stammkunden sind mir die liebsten“, erklärte Jakub und lud Ron mit einer Handbewegung ein, seine Ware einer genaueren Betrachtung zu unterziehen. „Denen muss ich nicht erst alles lang und fett erklären.“

„Breit“, korrigierte Ron.

„Breit?“, fragte Jakub.

„Es heißt: lang und breit, nicht lang und fett.“

„Soll mir recht sein.“ Jakub zuckte die Schultern. Nur wer ihn über einen längeren Zeitraum beobachtete, bemerkte, dass sein schlechtes Englisch lediglich Teil seiner Verkaufsmasche war. Unterschätzt zu werden, konnte sich für einen Mann wie ihn rechnen. „Ich habe etwas für Sie. Garantiert das, was Sie suchen. Heute Morgen beim Aufstehen hätte ich tausend Dollar gewettet, dass Sie deshalb hier auftauchen werden.“

„Wäre ein gutes Geschäft für Sie gewesen. Was hat Sie davon abgehalten?“

„Es war keiner da, der die Wette angenommen hat.“

„Schade“, sagte Ron wenig überzeugt.

„Halb so wild. Ich werde meinen Tausender auch so bekommen.“

„Nicht von mir“, scherzte Ron.

„Ich denke schon.“ Der Pole grinste geheimnisvoll.

Ron wirkte einen Moment lang irritiert.

„Eine ausgezeichnete Wahl!“ Jakub reagierte blitzschnell auf eine Mutter mit ihrem halbwüchsigen Jungen, die sich für einen Joystick zu interessieren schienen. „Einen besseren Joystick als diesen werden Sie auf dem ganzen Markt nicht finden. Der hat sogar schon sechs Mikroschalter eingebaut.“

„Kann ich den an meinen Commodore anschließen?“, fragte der Junge sichtlich beeindruckt.

„Auf jeden Fall! Mit dem gewinnst du alles: Summer Games, Winter Games, Barbarian. Glaub mir, es gibt keinen Joystick, der diesen schlagen kann.“

„50 Dollar?“, las die Frau von dem Etikett ab.

„Das ist ein Spitzenpreis!“, versicherte Jakub. „Neu kostet er locker das Doppelte.“

„30!“, entgegnete die Frau knapp.

„Autsch!“ Jakub zuckte zusammen wie von einem imaginären Speer getroffen. „Ich würde Ihnen wirklich gern entgegenkommen. Wissen Sie, ich mag Ihren Jungen irgendwie, aber ich muss doch zumindest meine Kosten decken. Sagen wir 40!“

„Abgemacht.“ Die Frau dachte zweifellos, sie hätte ein gutes Geschäft gemacht. Doch Ron erkannte an Jakubs Siegerlächeln, dass dem nicht so war.

Die Frau zahlte und verließ den Stand.

„Also, was haben Sie für mich?“, wollte Ron wissen.

„Eine Begegnung mit dem Schicksal. Aber sagen Sie mir zuerst, wie hoch Sie zu gehen bereit sind, für den schönsten und seltensten Schmetterling, den Sie jemals sehen werden. Danach entscheide ich, ob es sich lohnt, dass ich Sie einen Blick auf das Prachtstück werfen lasse.“

„Neue Masche?“, fragte Ron.

„Ihr Gebot?“

„Unverbindlich!“, stellte Ron klar.

„Selbstverständlich unverbindlich“, bestätigte der Pole.

„500 Dollar“, sagte Ron frei heraus.

„Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag“, verabschiedete Jakub seinen Stammkunden und setzte sich wieder in seinen Klappstuhl.

Ron war wie vor den Kopf gestoßen. Noch nie hatte Jakub solche Spielchen versucht. Entweder nahm er Ron gerade mächtig auf den Arm, oder er hatte tatsächlich etwas hereinbekommen, das er für eine einmalige Sensation hielt. Ron spürte, wie sich die Neugier in ihm ausbreitete. Er passte seine Strategie an: „Sie meinen, wenn es dieser eine ganz besondere Schmetterling wäre, durch den eine Sammlung überhaupt erst perfekt wird?“

„Nicht nur die Sammlung, wir sprechen vom Leben ihres Besitzers“, gab Jakub merklich desinteressiert zurück.

Unverbindlich, rief Ron sich ins Gedächtnis. Wenn der Schmetterling es nicht wert ist, dann eben nicht. Aber falls doch... Seine Brieftasche fühlte sich mit einem Mal erschreckend leicht an. „Helfen Sie meiner Fantasie doch bitte ein wenig auf die Sprünge. Sagen Sie mir eine Farbe, damit ich mir diese einzigartige Rarität besser vorstellen kann.“

„Violett.“ Jakub verschränkte die Arme. „Das schönste Violett, das Sie je gesehen haben. Kräftiger und strahlender als ein Amethyst je leuchten könnte. Violettes Feuer, das nicht von dieser Welt zu stammen scheint. Jeder Vergleich mit Bekanntem ist eine Geringschätzung dieser Kostbarkeit.“

Unverbindlich! Sag einfach nur eine Zahl, um einen Blick darauf werfen zu können! „Na schön“, sagte Ron nach einer Denkpause. „Ich habe so viel Geld natürlich nicht bei mir, aber wenn dieser Schmetterling wirklich das wäre, wonach man sein ganzes Sammlerleben sucht, dann wäre ich durchaus bereit, deutlich tiefer in die Tasche zu greifen.“

„Wie tief?“

„10.000 Dollar“, hörte Ron sich bluffen. „Das wäre mir eine solche Rarität unter Umständen wert.“

Der Pole nickte respektvoll. „Wie schnell können Sie das Geld beschaffen, wenn wir uns einig werden?“

Die Frage überraschte Ron. „In zwei bis drei Tagen“, log er.

„Das reicht mir.“ Jakub stand auf und holte eine hölzerne Schatulle hervor, die er als Handkasse verwendete. Er klappte den Deckel auf und nahm einen winzigen Zettel heraus. „Kommen Sie heute Abend um 20:00 Uhr zu dieser Adresse. Nehmen Sie bitte noch kein Geld mit und kommen Sie allein. Kein Risiko, kein Stress, nur ein Besichtigungstermin unter alten Handelspartnern. Wenn wir uns einig werden, bezahlen Sie mich binnen drei Tagen und bekommen die Ware. Falls nicht, oder wenn Sie nicht kommen, dann hat sich mein Verkaufsangebot dauerhaft erledigt.“