Mysterythriller, Krimi, Bestseller, Buch Wien, Mumien, Mummy Island, bandagiertes Buch, eingewickeltes Buch

SACER SANGUIS MANIAC - Mummy Island
Kapitel 05


Sanatorium, Terrasse:

Obwohl es bereits Nachmittag war, wollte es einfach nicht abkühlen. Selbst im Schatten war es auf der Terrasse kaum auszuhalten.

„Ich hoffe, es ist alles zu Ihrer Zufriedenheit?“, fragte Eugen in die Runde. Wenn er gerade keinen Teufel auf der Schulter hatte, war Eugen sozusagen die Freundlichkeit in Person.

Eugen ist unser Concierge und hat früher in einem französischen Hotel gearbeitet - erste Adresse am Platz, beste Bezahlung und fettes Trinkgeld garantiert. Bedauerlicherweise hat er den Stress nicht vertragen und sich irgendwelche Aufputschmittel eingeworfen. Gleichzeitig brauchte er aber nach Dienstende Schlafmittel, um wieder runterzukommen. Ein Teufelskreis. Als normale Aufputschmittel nicht mehr gereicht hatten, hat er sich härteres Zeug besorgt und alles Mögliche eingeworfen, bis seine Persönlichkeit sich eines Tages gespalten hat. Jetzt hat er mehrere davon, und jede erzählt ihre eigene Geschichte, wie sie in dieser Irrenanstalt gelandet ist.

Keine Ahnung, ob Eugen sich all die Storys selbst ausdenkt oder aus dem Fernsehen übernimmt, aber einige davon klingen wirklich glaubwürdig.

Den Schauspieler nehme ich ihm nicht ab, aber der Umweltaktivist in ihm überzeugt mich mindestens so wie sein Concierge.

Dabei ist Umweltaktivist noch geschmeichelt für diesen militanten Tierschützer in Eugen. Zweimal hat er mich schon angepöbelt, weil ich angeblich auf eine Ameise getreten bin. Wobei Pöbeln relativ ist, denn in seiner Rolle als Aktivist stottert Eugen und das nicht mal gut. Außerdem bilden sich in seinen Mundwinkeln kleine Schaumblasen, wenn er sich aufregt. Kein schöner Anblick, wenn man sich bei Tisch mit ihm unterhält.

Angeblich war Eugen - also der Umweltaktivist in ihm - früher bei Greenpeace. Er hat an vorderster Front gegen einen Atommülltransport demonstriert und sich eine mit dem Gummiknüppel eingefangen. Von dem Schlag hat er sich nie wieder erholt und ist letztlich bei uns gelandet.

Nette Geschichte, wie Sie mir sicher beipflichten werden, aber die Nummer mit dem Concierge gefällt mir trotzdem besser. Mit Schlägen und Gewalt habe ich es nicht so. Ich bin mehr der Pazifist.

„Hier ist alles bestens!“, bestätigte ich dem Concierge. „Vielleicht etwas zu heiß, aber für das Wetter kannst du ja nichts.“

Der Concierge deutete ein zufriedenes Lächeln an. „Und bei den anderen Herrschaften?“

„Ich hatte heute Nacht schon wieder ein Ufo vor meinem Fenster! Ein viel zu helles Ufo!“, beschwerte Melvin sich.

„Ein Ufo?“ Der Concierge rümpfte leicht die Nase. Nicht herablassend, aber doch so, dass seine Zweifel an der Aussage erkennbar waren: Den Gast auf seinen möglichen Irrtum hinweisen, ohne ihn bloßzustellen. Eugens Concierge-Ich konnte das echt gut.

„Ein Ufo?“ Overnight-Jimmy wollte es zunächst gar nicht glauben. „Du hast ein richtiges Ufo gesehen, Melvin?“

„So wahr ich hier sitze!“ Melvin wusste genau, was er gesehen hatte. „Das Ding war riesig und hat uns direkt ins Fenster geleuchtet. Frag doch Victor, wenn du mir nicht glaubst!“

Jimmy drehte sich zu Victor. Nein, das ist so nicht ganz korrekt! Vielmehr drehte er sich zu dem Platz, an dem üblicherweise Victors Rollstuhl stand.

Der Platz war leer.

„Wo ist Victor?“, fragte Jimmy.

Ich blickte ehrlich betroffen hinüber zum Basketballplatz und schluckte. „Gebt mir eine Minute, Jungs. Ich bin gleich wieder da.“

„Bring Victor mit, wenn du ihn siehst!“, rief Jimmy mir noch nach.

Drei Minuten später schob ich Victors Rollstuhl die Rampe zur Terrasse hoch. „Er hat noch Freiwürfe trainiert“, erklärte ich den anderen.

„Das soll Mr. Victor sein?“, fragte der Concierge skeptisch.

„Lasst euch von seiner Hautfarbe nicht täuschen“, gab ich zurück. „Die Sonne ist heute ziemlich stark. Du hättest dich wirklich besser eincremen sollen, Victor!“, sagte ich vorwurfsvoll.

Bestimmt fragen Sie sich, warum man einem wie mir die Verantwortung für Victor überträgt. In einer psychiatrischen Anstalt gibt es doch sicher Pflegepersonal, das einen ständig kontrolliert, meinen Sie? Habe ich noch nicht erwähnt, dass dies hier eine staatliche Einrichtung ist? Für Privatpatienten in einem Beklopftensanatorium läuft die Sache bestimmt anders. Gut möglich, dass die Pfleger sich dort als rosa Elefanten verkleiden, um für gute Laune bei den Patienten zu sorgen, aber hier bei uns regiert Kollege Sparstift. Abgesehen davon wagt sich bei dieser Affenhitze sowieso keiner vor die Tür des Schwesternzimmers - der einzige Raum mit Klimaanlage.

„Geht’s dir gut, Victor?“, fragte Jimmy.

„Es geht ihm prima“, beruhigte ich. „Noch besser würde es ihm nur gehen, wenn er was zu trinken haben könnte. Einen Eistee vielleicht?“

Der Concierge neigte den Kopf ein Stück zur Seite. „Eistee ist leider aus, aber unser gechlortes Wasser kann ich Ihrem Freund sehr empfehlen.“

„Eine Runde Gechlortes für alle auf meine Kosten!“, bestellte ich großzügig und zog Victor noch ein Stück näher heran, damit auch seine krebsroten Unterschenkel im Schatten waren.

Der Concierge bestätigte meine Bestellung mit einer Geste unterwürfiger Gehorsamkeit und eilte davon.

„Hast du gewusst, dass Melvin schon acht Ufos gesehen hat?“, wollte Jimmy von mir wissen.

„Allein in dieser Woche!“, setzte Melvin noch einen drauf.

Ich antwortete nicht gleich, sondern versuchte, möglichst nachdenklich auszusehen. „Muss mir irgendwie entfallen sein.“

„Wie kann man so etwas vergessen?“, fragte Jimmy. „Das ist eine Sensation! Wenn die Presse davon erfährt, kommen wir alle ins Fernsehen!“

Ich hasste diesen Moment und noch mehr hasste ich Melvin für dieses Déjà-vu. Warum musste er jeden Tag aufs Neue mit seiner blöden Ufo-Story anfangen?

„Weißt du, warum ich meine Tics habe?“, goss Melvin weiter Öl ins Feuer. „Weil mich die Außerirdischen für ihre Experimente missbraucht haben!“

So ein Idiot! Ich bedeckte mein Gesicht mit den Händen, um den aufkommenden Schreikrampf zu unterdrücken.

„Ist nicht wahr!“, erwiderte Jimmy bestürzt.

„Klar ist es wahr“, gab Melvin zurück. „Sie haben mich schon vor Jahren geholt und auf eines ihrer Raumschiffe gebracht. Dort haben sie mich operiert und mir durch Körperöffnungen Sonden eingepflanzt, damit man keine Narben sieht. Seither kommen sie jede Nacht wieder, um zu sehen, wie es mir geht. Sie beobachten mich mit ihren riesigen Ufo-Scheinwerfern wie eines ihrer Versuchstiere. Für die bin ich nur ein Experiment.“

„Wie grausam!“

Ich kannte den besorgten Blick auf Jimmys Gesicht nur zu gut. Verschwörungstheorien und Ufo-Entführungen standen ganz oben auf seiner Liste täglicher Highlights. Gleich würde er mich bitten, die Armee anzurufen, damit die US-Marines sich der Sache annehmen konnten.

„Ron?“, wandte Jimmy sich an mich.

„Ich weiß genau, was du denkst“, kürzte ich die Sache in gewohnter Manier ab. „Spätestens morgen früh stehen die Marines, die Ufo-Abwehr und sämtliche Sonderkommandos der Vereinigten Staaten hier auf der Matte. Ich kümmre mich darum.“

Jimmy blickte zunächst erstaunt, dann strahlte er mich an wie einen wiedergefundenen Sohn. „Ach, Ron, wir beide sind wirklich vom gleichen Schlag. Genau darum wollte ich dich gerade bitten.“

„Gib mir noch eine halbe Stunde“, bat ich mit Blick auf die Sonnenuhr an der Terrassenwand. „Um diese Zeit hängt man bei den Geheimdiensten immer so lange in der Telefonschleife.“

„Verschissene Aliens!“, brüllte Melvin und riss die Arme hoch, als ob nicht jeder längst bemerkt hätte, dass er wieder einen Tic hatte.

Victor wirkte noch immer etwas benommen. Er hatte ganz eindeutig zu viel Sonne abbekommen. Wie sonst wäre es zu erklären gewesen, dass ihm sogar zum Sabbern die Flüssigkeit fehlte?

Zum Glück kam gerade der Concierge mit vier Gummibechern, gefüllt mit lauwarmem Wasser.

„Softdrinks für alle!“ tönte ich mit Partystimme, konnte mich aber gegen Melvins Aliengeheul nicht durchsetzen. Ich entschied, Victor meinen Drink zu spendieren. Bei der Gelegenheit zog ich mich auch gleich aufs Zimmer zurück, um meine Vergangenheit für die liebliche Dr. Knox weiter aufzuarbeiten.

Oben angekommen, unser Zimmer liegt im zweiten Stock, hörte ich durch das gekippte Fenster noch eine Weile Melvins Alienflüche, bevor ich zu meinen düsteren Erinnerungen zurückkehrte.