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SACER SANGUIS MANIAC - Mummy Island
Kapitel 07


Sanatorium, Speisesaal:

Haben Sie schon einmal versucht, einem Verrückten beizubringen, was der Unterschied zwischen einem Hundertdollarschein und Klopapier ist?

Nun, dann wissen Sie ja, worüber wir uns heute Morgen beim Frühstück so angeregt unterhalten haben. Hundert Dollar! Vermutlich bin ich der Einzige hier, der überhaupt noch einen Bezug zu Geld hat. Sparspüler-Melvin jedenfalls nicht. Der Ärmste wollte nur Ärger vermeiden und hat deshalb ein Stück Papier in der Keramik platziert - als ob hinterher spülen nicht einfacher wäre. Auch wenn ich die Pointe vorwegnehme: Es hat nicht geklappt. Das mit dem Ärger-Vermeiden, meine ich.

Wenn Melvin zur Abwechslung einmal gespült hätte, wäre er vielleicht noch davongekommen. Aber so... Die Beweislage war schlicht erdrückend.

Man muss sich allerdings schon die Frage stellen, warum ein Pfleger so viel Geld mit sich rumschleppt und dann noch so dämlich - ja dämlich - ist, sich von einem Verrückten die Brieftasche stehlen zu lassen.

Nicht ohne Grund ist das Pflegepersonal angewiesen, keine persönlichen Gegenstände mit auf die Station zu bringen. Aber außer mir hat diese Dienstanweisung - sie hängt gleich neben dem Schwesternzimmer zwischen der Zeichnung des achteckigen Elefanten und der hinter sich selbst herfliegenden Seemöwe - natürlich keiner gelesen. Allein schon deshalb fand ich es mehr als angebracht, den betroffenen Pfleger vor versammelter Mannschaft darauf hinzuweisen. Er nicht.

Wie auch immer. Man sollte jedenfalls meinen, das Frühstück wäre schon turbulent genug gewesen. War es nicht, denn es sollte noch viel besser kommen.

Kaum hatte sich der Rummel um den Hundertdollarschein gelegt, verirrte sich eine Kohlmeise in den Speisesaal. Reife Leistung bei einem gekippten Fenster.

Einer der Vollverrückten - also keiner aus meinem Bekanntenkreis - sprang plötzlich auf wie von der Tarantel gebissen und jagte dem Vogel quer durch den Speisesaal hinterher.

Ein Vollverrückter ist übrigens einer, der normalen Verrückten so massiv auffällt, dass sie ihn für verrückt halten. Das ist durchaus beachtlich, weil die meisten Verrückten sich niemals eingestehen würden, selbst verrückt zu sein. Zur besseren Differenzierung zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung sprechen Insider deshalb gern von Vollverrückten. Von vermeintlich Verrückten für vollverrückt erklärt zu werden, sollte einem also immer zu denken geben.

Der Vollverrückte vom Frühstück war jedenfalls der fixen Meinung, dass die verirrte Meise aus seinem Frühstücksei geschlüpft sei. Demzufolge ist er von Tisch zu Tisch gestürmt, um auch die Vögel aus den anderen Eiern zu befreien.

Haben Sie schon mal versucht, einem Verrückten sein Frühstücksei wegzunehmen? Ganz schlechte Idee. Dem Verrückten ist sein Frühstücksei mindestens so heilig wie dem rückfällig gewordenen Alkoholiker sein letztes Bier vor dem nächsten Entzug.

Weiche Eier gibt es hier drin leider nur ausgesprochen selten. Wer den Speisesaal nach der Befreiungsaktion gesehen hat, kann sich denken, warum.

Vermutlich hat die Putzbrigade noch immer mit den Resten der Schlacht gekämpft, als die Mehrheit von uns schon wieder aus dem Tiefschlaf erwacht ist. Zu meiner großen Überraschung haben die Pfleger mich diesmal nicht so stark sediert wie sonst. Vielleicht wirkt meine Schreibtherapie bereits. Oder sie haben den Rest meiner Dosis für Melvin verbraten. Bei ihm waren die Tabletten ohnehin besser angelegt, denn als der Vollverrückte Melvins Ei erbeutet hatte, war mit ihm echt nicht mehr zu spaßen. Melvin liebt Eier über alles, müssen Sie wissen.

Da darf keiner kommen, ihm das Ei vor der Nase wegschnappen und brüllen: „Freiheit für die Vögel! Freiheit für die Vögel!“ Jedenfalls keiner, dem etwas an seiner Nase liegt.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Melvin ist kein überzeugter Gewalttäter. Er reagiert nur in Extremsituationen manchmal etwas zu impulsiv. Hinzu kommt, dass er durch das unfreiwillige Muskeltraining während seiner Tics auch ein ernst zu nehmender Gegner geworden ist.

Ich wäre jedenfalls im Leben nicht auf die Idee gekommen, Melvin sein Frühstücksei vom Teller zu klauen. Aber ich bin ja auch nicht verrückt.

Melvin hat getobt, und ich spreche jetzt davon, was nach dem Schlag auf die Nase des Vollverrückten passiert ist. Wenn Melvin Blut sieht, ist es aus mit ihm. Blut muss eine Art Schockreaktion in seinem Gehirn auslösen.

Während sich links von mir eine Gruppe Vollverrückter mit Eiern bewarf, verteilten die Pfleger im hinteren Teil des Speisesaals bereits großzügig ihre bunten Pillen. In Sachen Farbenpracht konnten die Träum-schön-Tabletten aber nicht mit der Realität mithalten. Der Küchenchef allein weiß, was in diesen Minuten alles an den Wänden explodiert ist.

Melvin stand inmitten des Schlachtgetümmels und zuckte wie ein Breakdancer mit Rhythmusstörungen. Ich hatte fast den Eindruck, er wollte die anderen anfeuern, als er pausenlos brüllte: „Arschpiraten! Arschpiraten!“

Ich denke, er und die anderen hatten ihren Spaß.

Wenn man sich hingegen, so wie ich, die Zeit nimmt und dem ausgelassenen Treiben einfach nur zusieht, versteht man, warum hier drin alle Tassen, Teller und Bestecke aus unkaputtbarem Gummi sein müssen.

Unter uns gesagt: Natürlich hätte ich auch gern eine Tomatengranate geworfen oder einen Fruchtsalatmörser hinter die feindlichen Linien gefeuert, aber ich will endlich hier raus. Ich bin nicht nur nicht verrückt, ich bin auch schlau genug, mich dementsprechend zu verhalten. Dr. Knox glaubt an mich, und ich werde meine Lieblingsblondine nicht enttäuschen.