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SACER SANGUIS MANIAC - Mummy Island
Kapitel 08


Im Pfandleihhaus.

Geld war ein echtes Problem in diesen Tagen. Ron hatte seinen Wagen mit Dingen vollgeladen, von denen er sich nur schwer trennen konnte. Er fuhr einen hubraumstarken Ford, Premium-Ausstattung und gerade einmal zwei Jahre alt. Der Pfandleiher hätte den Ford bestimmt mit 7.000 Dollar belehnt, doch dummerweise gehörte der Wagen noch der Bank.

Ron musste diesen Schmetterling haben. Musste! Bereits beim ersten Blick darauf war ihm klar gewesen, dass es keine Frage des Wollens war. Müssen! Nicht wollen.

Rund 170.000 Arten von Faltern waren wissenschaftlich beschrieben. Die Zahlen schwankten je nach Quelle, was bei der enormen Anzahl von Arten und Familien kein Wunder war. Klar, dass Ron sie unmöglich alle kennen konnte, doch was Jakub da in seinem Trödelladen versteckte, war zu großartig, als dass es nicht schon längst durch alle Medien gegangen wäre.

Ron vermutete einen bislang noch unbekannten Vertreter aus der Familie der Eulenfalter. Diese zu den Nachtfaltern gehörenden Schmetterlinge gliederten sich ihrerseits in mehrere zehntausend Arten, was eine genaue Bestimmung entsprechend erschwerte.

Im Schmetterlingshaus hatte Ron fast ausschließlich mit bunten Tagfaltern zu tun gehabt. Große, prächtige Falter waren am besten geeignet, um Besucher in ihren Bann zu ziehen. Auch wenn einige Nachtfalterarten keineswegs nur dämmerungs- und nachtaktiv waren, wie ihre Bezeichnung fälschlicherweise vermuten ließ, waren sie zumeist nicht sehr farbenfroh. Grau-, Schwarz- und Brauntöne dominierten unter den Eulenfaltern, doch auch hier gab es Ausnahmen.

Ron war sich sicher, eine solche Ausnahme gesehen zu haben. Mit 28 Zentimetern Flügelspannweite war Jakubs Eule, wie die Eulenfalter auch liebevoll genannt wurden, ein Riese. Vor allem der kräftige, langgestreckte Körper und die wellenförmigen Querlinien auf den Flügeln waren typische Eulenmerkmale. Das kräftige Schillern der Flügel war dagegen einzigartig, nicht nur was die Farbe, sondern auch was die Intensität betraf. Ron hatte den Jackpot unter den Schmetterlingen gesehen, und für 10.000 Dollar würde er morgen schon ihm gehören. Nicht für lange, denn Ron war fest entschlossen, den Schmetterling noch vor Ende der Woche für das Drei- bis Vierfache weiterzuverkaufen.

Ron hatte zwar keine Gelegenheit bekommen, ein Foto von der Eule zu machen, aber er war kein schlechter Zeichner. Auch wenn die Farbenpracht auf seiner Zeichnung nicht ansatzweise mit der Realität mithalten konnte, so hatte sie doch das Interesse seiner Kunden geweckt. Großes Interesse.

In den vergangenen 36 Stunden hatte Ron all sein Geld zusammengekratzt, doch es reichte vorne und hinten nicht. Zweimal war er am Vortag bereits zum Pfandleiher gefahren, und gerade räumte er die dritte Ladung aus seinem Kofferraum.

„Dann lassen Sie mal sehen!“ Der Pfandleiher, ein fetter Glatzkopf mit dicker Brille und schlechten Zähnen, beugte sich über die Kartons, in denen Ron seine über die Jahre gesammelten Schätze aufbewahrte.

„Das sind unbezahlbare Sammlerstücke“, pries Ron seine Plattensammlung an. „Einige Alben sind handsigniert.“

„Mag sein.“ Der Pfandleiher verzog das Gesicht und schmatzte, als hätte er Reste vom Mittagessen zwischen seinen Zahnlücken entdeckt. „Aber Sie wissen sicher, dass Schallplatten keine Zukunft mehr haben.“

Klugscheißer! Natürlich wusste Ron das. Trotzdem hatte jede einzelne seiner Platten hundertmal mehr Klasse als diese seelenlosen Compact Discs.

Der Pfandleiher blätterte rasch durch die Alben. Wirkliches Interesse sah anders aus. „Vermutlich sind Sie besser dran, wenn Sie die Scheiben gut einpacken und für die nächsten 30 Jahre auf den Dachboden stellen. Derzeit wollen einfach alle ihre Plattensammlungen loswerden. Jeder versucht, möglichst stressfrei ins CD-Zeitalter zu wechseln. Sorry, aber mehr als...“ Er ließ seinen Blick noch einmal über die drei Kartons schweifen. „Mehr als 400 Dollar kann ich Ihnen dafür nicht geben.“

Der Schlag hatte gesessen. Ron rang nach Luft. „Hören Sie, da sind Originalautogramme der Beatles dabei! Die sind allein schon ein Vermögen wert. Oder dieses Album hier...“ Er bückte sich und zog ein blaues Plattencover heraus. „Das ist die limitierte Sonderausgabe von 1976! Wissen Sie, was ich dafür bezahlt habe?“

„Mit Sicherheit eine Menge mehr, als Sie von mir bekommen werden. Tut mir ehrlich leid für Ihre Sammlung, Mister. Ich kann verstehen, dass Sie an diesen Erinnerungen hängen, aber die Miete für meinen Laden bezahle ich leider immer noch mit Dollar und nicht mit Sentimentalität. 450 Dollar! Höher kann ich beim besten Willen nicht gehen.“

Ron überlegte. Es ging um die Beleihung seiner Schätze, nicht um deren Verkauf. Nach einer Weile sagte er: „Na schön. Aber Sie garantieren mir, dass Sie auf meine Sammlung aufpassen, bis ich sie nächste Woche auslösen komme. Ich habe eine Liste, in der alle Alben...“

„Schon gut“, kürzte der Pfandleiher ab. „Sie brauchen mir meinen Job nicht zu erklären. Wir machen wie üblich ein Foto von Ihren Sachen und danach kommen sie in mein Lager. Binnen 90 Tagen bringen Sie mir entweder das Geld zurück und zahlen die angefallenen Gebühren, oder ich muss jemanden finden, dem ich Ihre Alben andrehen kann. Glauben Sie mir, ich werde dafür beten, dass Sie wiederkommen.“

„Na klar“, brummte Ron.

„Sonst noch was, das Sie mir anbieten wollen?“

Ron bejahte. Bisher hatte er gerade einmal 6.940 Dollar beisammen, seine Plattensammlung schon eingerechnet. „Ohne meine Vinylscheiben fange ich damit auch nichts mehr an.“ Er öffnete die rechte hintere Tür seines Wagens und zog eine Decke mit Karomuster weg. Zum Vorschein kam eine Stereoanlage in Holz-Alu-Optik mit nicht weniger stilvollen Lautsprechern. „B&O“, sagte Ron und beobachtete dabei die Mimik des Pfandleihers.

„Funktioniert sie?“

„Natürlich funktioniert sie!“, reagierte Ron scharf. „Dieses Baby ist so ziemlich das Beste, was die Dänen jemals gebaut haben. Ich habe damals ein Jahresgehalt dafür hinblättern müssen.“

„Damals“, antwortete der Pfandleiher gedehnt, „ist aber schon eine Weile her.“ Er beugte sich in den Wagen und betrachtete die Anlage aus der Nähe. Anschließend sagte er mit merklichem Interesse: „Sie ist in einem wirklich guten Zustand. Was wollen Sie dafür haben?“

„3.500“, antwortete Ron hastig. „Sie ist jeden Cent davon wert, das wissen Sie so gut wie ich.“

„In dem Punkt will ich Ihnen gar nicht widersprechen. Dummerweise stehen die Leute, die so viel Geld für eine gebrauchte Stereoanlage ausgeben wollen, bei mir nicht täglich Schlange.“

„Ich hole sie wieder ab!“

„Wissen Sie, wie oft ich das höre?“ Der Pfandleiher legte die Stirn in Falten. „Ich kann sie Ihnen mit 3.000 belehnen.“

Rons Herz machte einen schnellen Schlag. Sein Ziel war in greifbare Nähe gelangt. „3.100 und ich trage Ihnen alles persönlich hinein.“

Der Pfandleiher zögerte.

„Bitte!“, drängte Ron. „Ich stehe spätestens Ende nächster Woche auf der Matte und blättere Ihnen die Scheine hin.“

„Na schön“, gab der Pfandleiher sich geschlagen. „Bringen Sie die Sachen nach drinnen, ich bereite inzwischen den Papierkram vor.“

Stück für Stück trug Ron seine Vergangenheit hinein und stapelte sie zu einem ansehnlichen Haufen.

Der Pfandleiher verhandelte unterdessen mit zwei Männern, deren Lieferwagen vor der Laderampe parkte. Die Kleidung der beiden ließ sie wie gewöhnliche Möbelpacker wirken, doch der Eindruck täuschte, wie Ron fand. Vor allem das Gesicht des älteren der beiden Männer war an Verschlagenheit kaum zu überbieten.

Würde mich nicht wundern, wenn das Hehler sind.

Ihr LKW war Ron schon beim Einparken aufgefallen. Die neongrüne Beschriftung auf dem schwarzen Lack war allerdings auch kaum zu übersehen - ein klarer Punkt gegen die Hehlertheorie.

Da Ron ohnehin warten musste, spitzte er die Ohren und lauschte dem Gespräch.

„Natürlich habe ich Interesse“, sagte der Pfandleiher. „Dafür gibt es immer einen Markt. Nur der Preis muss passen. Mumiensammler gibt es schließlich nicht an jeder Ecke.“

Ron wurde hellhörig. Hatte der Mann gerade Mumiensammler gesagt?

„Schon richtig“, pflichtete der ältere der beiden Männer, er führte ganz offensichtlich die Verhandlungen, dem Pfandleiher bei. „Aber noch viel begrenzter als die Nachfrage ist das Angebot. Gut erhaltene Mumien können Sie schließlich auch nicht an jeder Ecke ausgraben.“

Mumien! Ron konnte es nicht glauben. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage stieß er auf dieses ausgefallene Thema. Hier! In seiner Stadt. Fernab von Ägypten, Pharaonen, Pyramiden und allem anderen, was er damit in Verbindung brachte. Ron glaubte nicht an Zufälle.

Ron glaubte an vorübergehende Sensibilisierung. Wenn beispielsweise jemand überraschend ein seltenes Thema wie Mumien ansprach, dann blieb einem das zwangsläufig im Gedächtnis, weil es einen beschäftigte. Man war sozusagen für die Mumienthematik sensibilisiert. Tauchte dann irgendwo ein weiterer Hinweis auf - ein Plakat für eine Mumienausstellung im Museum - nahm man diesen Hinweis viel bewusster wahr. Obwohl man sonst einfach nur an dem Plakat vorbeigegangen wäre, machte einen der Zufall plötzlich nachdenklich. Kein Zufall, war Ron überzeugt. Vorübergehende Sensibilisierung.

„Ich will keinen Ärger bekommen“, erklärte der Pfandleiher hinter seiner Verkaufstheke.

„Werden Sie nicht“, beteuerte sein Gegenüber. „Wir haben für alles die richtigen Papiere. Die Mumien wurden ordnungsgemäß importiert, verzollt und versteuert. Sie müssen nur zuschlagen und sich Ihren Teil vom Kuchen sichern. Wir liefern Ihnen das Geschäft sozusagen direkt ins Haus.“ Er grinste dreckig.

„Kann ich die Papiere sehen?“

„Draußen im Wagen.“

Der Pfandleiher drehte sich unvermittelt in Rons Richtung und erkannte an dessen Reaktion, dass er ihn beim Lauschen ertappt hatte. „Ich bin in fünf Minuten wieder bei Ihnen, dann erledigen wir den Papierkram.“

„Geht klar“, erwiderte Ron so teilnahmslos wie möglich.

Der Pfandleiher und der Mann mit dem verschlagenen Gesicht gingen nach draußen.

Der andere Mann lümmelte an der Verkaufstheke und glotzte auf die Glasvitrine dahinter. Die aufpolierten Stücke darin waren als Blickfang gedacht und die Vitrine nicht ohne Grund versperrt.

Zwei Minuten verstrichen und die Wartezeit dehnte sich zu Langeweile.

Ron räusperte sich.

Der Mann schenkte ihm einen flüchtigen Blick.

„Ich habe zufällig Ihr Gespräch gehört“, gestand Ron, ohne rot zu werden.

Der Mann nickte, als hätte er gerade einem Sünder die Absolution erteilt.

„Sie sind im Mumiengeschäft?“, versuchte Ron, ins Gespräch zu kommen. „Ich stelle mir das ziemlich spannend vor.“

„Ist es nicht.“

Ron nickte. „Verstehe.“

Eine Weile blieb es still. Nur ein leises Brummen war zu hören, vermutlich der Kompressor des Kühlschranks, in dem der Pfandleiher sein Bier kühlte. Ron bekam Durst.

„Kaufen Sie Mumien?“, fragte der Mann mit eigenartigem Akzent.

Ron fühlte sich an Jakub erinnert. Gut möglich, dass dieser Mann ebenfalls Pole war. Polen und Mumien, schon wieder eine vorübergehende Sensibilisierung. „Bisher noch nicht, aber was nicht ist...“

„Wir machen Ihnen guten Preis.“ Der geschäftstüchtige Pole fasste in seine Hosentasche, zog sein Portemonnaie heraus und reichte seinem potenziellen Neukunden eine verknitterte Visitenkarte. „Wojciech. Bin ich!“

„Danke.“ Ron nahm die Karte mit einem unverbindlichen Lächeln an sich. „Woher stammen Ihre Mumien?“

„Überall. Ganze Welt.“ Wojciech machte eine ausladende Bewegung, die gleich das halbe Universum mit einschloss. „Suchen Sie bestimmte Mumie? Wojciech kann alles beschaffen.“ Er grinste. „Fast alles.“

„Ich habe mich noch nicht entschieden. Es gibt ja so viele verschiedene. Ich habe gehört, dass Indianermumien ganz besonders gefragt sein sollen. Stimmt das?“

Wojciech zuckte mit den Achseln. „Indianer nix Besonderes. Südamerika, Afrika, Asien... Überall Indianermumien.“

Indianer in Afrika und Asien? Ron reagierte überrascht. „Sie meinen sicher die indigene Bevölkerung?“

Wojciech nickte heftig. „Indianer bekommen überall auf der Welt.“

Ron fragte sich, ob auch Jakub die Bezeichnung Indianer fälschlicherweise für alle Ureinwohner und eingeborenen Volksgruppen weltweit verwendet hatte. „Hatten Sie auch schon verfluchte Mumien?“

Wojciech sah ihn an, als hätte er gerade einen Witz gemacht. Dann lachte er los, bis seine Schultern bebten. Als er sich wieder etwas beruhigt hatte, sagte er: „Viele Mumien verflucht. Viele!“

Mit dieser Antwort hatte Ron nicht gerechnet. „Aber Sie glauben nicht an Flüche, oder wie?“

Der Pole schlug sich mit der Faust auf die Brust. „Wojciech keine Angst vor Fluch“, erklärte er entschlossen. „Aber Wojciech kein Dummkopf. Nur trockene Mumien nehmen. Nix Fluch bei Trockenmumien. Wenn Mumien feucht, dann großes Problem.“ Er zog ruckartig den Zeigefinger an seiner Kehle vorbei, und der letzte Rest an Lachen verstarb.