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SACER SANGUIS MANIAC - Mummy Island
Kapitel 09


Sanatorium, Aufenthaltsraum:

Der Tod machte also selbst vor den Verrückten nicht halt. Das war vielen von uns an jenem Morgen klar geworden, als man einen der Vollverrückten im Holzpyjama hinaustrug. Dennoch, für die meisten von uns hatte es auch etwas Tröstliches zu sehen, dass wir eines Tages doch noch hier herauskommen würden.

Nicht dass Sie jetzt denken, wir hätten trauernd dagestanden und geheult. Wir nicht. Dazu wären die meisten auch gar nicht in der Lage gewesen, weil sie randvoll mit Antidepressiva waren. Ein Mindestmaß an guter Laune ist quasi Pflicht im Irrenhaus.

Ich hab den Kerl nicht gekannt, den es erwischt hat. Sparspüler-Melvin auch nicht, aber er hat die Leiche entdeckt. Und jetzt raten Sie mal wo! Genau.

Auf dem Klo.

Ganz schlechtes Timing, wenn Sie mich fragen. Ich meine, wer will schon auf dem Klo sein Leben aushauchen? Ausgerechnet auf dem Klo!

Ich erinnere mich an eine durchgesoffene Nacht - wobei, von der Nacht selbst weiß ich eigentlich so gut wie nichts mehr. Aber der Morgen danach! Unvergesslich! Keine Ahnung, wie viele Stunden ich über der Keramik hing und mir geschworen habe: Das ist das Ende!

Das Ende der Sauferei, nicht meines, versteht sich. Ja, ich weiß, mit guten Vorsätzen ist das gewöhnlich so eine Sache, aber meine Nahtoderfahrung auf der heimischen Latrine hat mich nachhaltig verändert und zum Besseren bekehrt. Mir ist bewusst geworden, dass es etwas gibt, das ich ganz sicher nicht will: mein Klo mit dem Sensenmann teilen.

„Am Scheißhaus der Irrenanstalt krepiert. Beschissener geht’s echt nicht mehr“, hatte Melvin seinen Fund kommentiert, und ich konnte ihm nur vorbehaltlos zustimmen. Was für ein unrühmliches Ende. Stellen Sie sich nur vor, wie der Anruf bei seinen nächsten Angehörigen verlaufen sein könnte:

„Hier spricht die Irrenanstalt. Ihr Onkel ist heute Morgen verstorben.“

„Onkel Tom? Oh mein Gott! Wie ist es passiert?“

„Er... Er hatte einen Unfall.“

„Einen Unfall? Was für einen Unfall?“

Grauenhafter Gedanke! Ich werde die Telefonistin nie wieder um ihren Job beneiden, auch wenn sie in ihrem Büro bestimmt gratis kopieren kann. Um nichts auf der Welt würde ich ein solches Gespräch mit den Angehörigen führen wollen. Am Ende machen sie ihr wahrscheinlich sogar noch Vorwürfe. Verletzung der Aufsichtspflicht, Androhung von Klagen und das alles, obwohl bei den meisten vermutlich schon die Sektkorken knallen, bevor der Hörer auf der Gabel zum Liegen kommt: Auf den guten alten Onkel Tom!

Verglichen mit der eigenen Verwandtschaft wurde mancher Tote von der Gerichtsmedizin vermutlich sogar richtig gut behandelt. Beim Kopfwaschen im Urinal ertrunken, würde später auf dem Totenschein stehen.

„Ron?“ Meine absolute Lieblingsstimme in diesen Tagen rief nach mir.

„Ja, Dr. Knox?“, erwiderte ich.

„Schön, Sie zu sehen.“ Sie zeigte auf den freien Platz neben mir. „Darf ich mich setzen?“

Ich machte mich noch schmäler, als ich ohnehin schon war, und bat sie freundlich lächelnd, Platz zu nehmen.

„Danke.“ Dr. Knox setzte sich an meine Seite und schlug ihre Beine übereinander. Sie hatte sehr lange Beine, viel länger und viel aufreizender als der kalkweiße Arztkittel, den sie ständig trug. „Ich habe gehört, dass Sie sich gestern während der Vogeljagd im Speisesaal ganz vorbildlich verhalten haben sollen.“

„Dann wird es wohl auch so gewesen sein.“ Ich setzte mein formatfüllendes Lächeln gewinnbringend ein.

„Sehr schön. Wie schätzen Sie selbst Ihre Fortschritte ein, Ron? Haben Sie das Gefühl, dass Ihnen die Aufarbeitung Ihrer Vergangenheit hilft?“

„Ungemein!“ Meine Stimme überschlug sich beinahe. „Ich gebe zu, dass ich zu Beginn meine Zweifel hatte, aber jetzt, wo ich die Fortschritte am eigenen Leib spüre...“ Ich fand, dass es nicht schaden konnte, meine anfängliche Skepsis von Zeit zu Zeit wieder hervorzukehren. Meine Genesung würde dadurch umso glaubwürdiger erscheinen, denn nur Verrückte halten sich selbst nicht für verrückt. „Es fällt mir zwar immer noch sehr schwer, mir alles von der Seele zu schreiben, aber ich merke, dass es mir hilft. Ich werde nicht aufhören, bis ich mit meiner Vergangenheit abgeschlossen habe. Ich werde beweisen, dass Ihre Therapie bei mir Erfolg zeigt, das verspreche ich Ihnen, Dr. Knox.“

Sie strahlte. Genau das wollte sie von mir hören. Ich konnte es in ihren Augen sehen, in ihren dunkelblauen Augen. Sie war kaum älter als ich damals. Damals, als meine Probleme angefangen haben... Nein, das stimmt so nicht! Dr. Knox ist definitiv schon ein paar Jahre älter als ich es in jenen Tagen war, man sieht ihr das Alter bloß nicht an.

Manchmal frage ich mich, warum Dr. Knox ausgerechnet hier gelandet ist. Ausgerechnet im Irrenhaus! Ich meine, eine Frau wie sie hätte jederzeit auch eine sorglose Karriere als Supermodel, Millionärswitwe oder Pornodarstellerin haben können. Hätte sie! Stattdessen verschwendete sie ihre Zeit offenbar lieber mit Leuten wie Victor, Melvin und Jimmy. Mir tat es leid, sie schon bald enttäuschen zu müssen - sie alle.