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SACER SANGUIS MANIAC - Mummy Island
Kapitel 10


Der erste Besuch im Irrenhaus.

10.000 Dollar hatte Ron dem Polen für den Schmetterling in die Hand gedrückt. Eine geradezu irrwitzig hohe Summe für ein einzelnes Insekt. Trotzdem war Ron damals überzeugt, gerade das Geschäft seines Lebens gemacht zu haben.

Als er Jakubs Trödelladen verließ, verspürte er doppelte Erleichterung. Zum einen, weil es ihn verständlicherweise beunruhigt hatte, mit einer so großen Menge Bargeld durch das heruntergekommene Stadtviertel zu laufen, und zum anderen, weil er nun etwas von noch viel größerem Wert besaß. Etwas, für das sich kaum noch ein Dieb interessieren dürfte. Rons Kunden allerdings schon.

Es war kurz vor 14 Uhr, als Ron die Tür zu seiner Wohnung aufschloss. Etwas mehr als 24 Stunden blieben ihm noch bis zu seiner ersten Verabredung. Alfons Bedminster war leidenschaftlicher Sammler. Seine unkomplizierte Art und die Tatsache, dass er Barzahler war, machten ihn zu Rons Lieblingskunden.

Nicht, dass Ron deshalb vorhatte, den Schmetterling gleich gegen das erstbeste Gebot weiterzugeben. Ron war schließlich kein Idiot. Er würde die einzigartige Ware adäquat präsentieren, sich ein Angebot machen lassen und dann darauf verweisen, dass auch noch mit einigen anderen Interessenten Besichtigungstermine anstünden. Das höchste Gebot macht das Rennen! Von zwei Kunden erwartete Ron, dass sie bei diesen Worten noch einmal nachbessern würden. Drei weitere Männer schätzte er vernünftig genug ein, gleich aufs Ganze zu gehen, um ihn nicht zu verärgern.

So oder so sollte am Ende ein anständiger Batzen Geld übrigbleiben, um Rons Plan in die Tat umzusetzen.

Ja, Ron hatte einen Plan! Letzte Nacht, als er Probleme gehabt hatte einzuschlafen, war ihm etwas bewusst geworden. Egal wie viel Geld er vom Höchstbieter erhalten würde, die Summe aller fünf Gebote würde diesen Betrag bei Weitem übersteigen. Warum sich also mit einem Teil der Spielsumme abspeisen lassen, wenn er den ganzen Pott haben konnte?

Alles, was ihn davon abhielt, seine bescheidene Situation durch plötzlichen Reichtum aufzubessern, waren vier fehlende Schmetterlinge. Ron hatte im Moment zwar nur einen Eulenfalter zu bieten, aber er hatte fünf zahlende Kunden, die nach der Ware gierten. Kunden, die er auch noch eine Weile vertrösten konnte. Die entscheidenden Fragen waren: Gab es noch mehr von diesen seltenen Faltern, und wenn ja, wo?

Ron hatte gehofft, die Antworten von Jakub zu bekommen. Großartig weiterhelfen hatte ihm der Pole aber nicht können. Jakub wusste selbst nur wenig über den Vorbesitzer der Eule, aber zumindest hatte Ron einen Tipp bekommen, in welche Richtung er seine Fühler ausstrecken musste. Im Gegenzug, so hatten die beiden vereinbart, würde Ron den Polen an allen Geschäften beteiligen, die ihm daraus entstünden - an allen, von denen Ron Jakub erzählen würde.

Ron sah die Dinge ganz pragmatisch: Wenn er nicht mehr genug Geld zum Leben hatte, würde Jakub einen guten Geschäftspartner verlieren. Es war also nicht nur logisch, sondern auch moralisch vertretbar, dass Ron sich zunächst selbst wieder auf die finanziellen Beine half. Danach könnte er mit Jakub wieder auf Augenhöhe verhandeln, ohne jedem Dollar nachlaufen zu müssen.

Ron hatte den Schmetterling sicher in seinem Wandtresor verstaut. Versicherungsurkunden und Disketten, auf denen Namen und Telefonnummern seiner Kunden gespeichert waren, hatte er zuvor herausnehmen müssen. Die Box mit dem riesigen Falter füllte ein ganzes Fach im Tresor vollständig aus.

„Ja, ich bleibe dran“, sagte Ron und legte den Hörer weg, als die Warteschleifenmusik begann. Er saß an seinem Küchentisch und starrte auf das linierte Blatt, das vor ihm lag. Er hatte sich alles notiert, was Jakub ihm über den Vorbesitzer des Schmetterlings erzählt hatte. Alles - in großer Schrift, in der linken oberen Ecke. Ein einfaches Post-it hätte ausgereicht, um die doppelte Menge an Information aufzunehmen.

Es war ernüchternd, aber es war ein Anfang.

„Michael Moon“, murmelte er. Was für ein bescheuerter Allerweltsname! Jakub zufolge hatte Michael Moon im Osten der Stadt gewohnt, keine zehn Kilometer vom Pfandhaus entfernt. Dreimal kurz hintereinander hatte er Sachen verpfändet, aber nie wieder etwas davon ausgelöst: einen Fernseher, eine Taschenuhr und den Schmetterling. Die dreimonatige Abholfrist für den Eulenfalter war erst in der Vorwoche ausgelaufen, weshalb Ron zunächst gehofft hatte, Michael Moon noch unter der in den Pfandunterlagen vermerkten Adresse anzutreffen.

Jakub hatte Ron gleich gesagt, dass dem nicht so sein würde, und Jakub hatte recht behalten. Offenbar verstand der Pfandleiher genug von seinem Geschäft, um zu wissen, wann er seine Kunden endgültig an die Gläubiger verloren hatte.

„Hallo? Sind Sie noch dran?“

Ron packte den weggelegten Hörer. „Ja! Ja, ich bin noch da“, erklärte er.

„Entschuldigen Sie bitte, dass es so lange gedauert hat, aber ich musste erst rückfragen, ob ich Ihnen diese Informationen auch telefonisch weitergeben darf. Es muss schließlich alles seine Richtigkeit haben.“

„Selbstverständlich“, erwiderte Ron verständnisvoll, „das verstehe ich.“ Blöde Kuh!

„Es gibt bei uns tatsächlich einen Bewohner mit dem Namen Michael Moon. Seine letzte Adresse stimmt mit jener überein, die Sie mir durchgegeben haben. Ich denke, Sie haben Ihren Schulkollegen gefunden.“

„Großartig!“, platzte Ron hervor. „Ich brenne schon darauf ihn wiederzusehen. Wann kann ich ihn besuchen?“

Sie betete ihm die Besuchszeiten herunter. „Bitte berücksichtigen Sie aber, dass unsere Bewohner aus gutem Grund in dieser Einrichtung untergebracht sind. Erwarten Sie sich also bitte nicht zu viel von Ihrem Wiedersehen. Nur damit Sie nachher nicht enttäuscht sind.“

„Bin ich nicht.“ Ron hatte ihr gar nicht mehr richtig zugehört. „Könnten Sie mir noch die Zimmernummer...?“

Kaum hatte Ron das Gespräch beendet, saß er auch schon im Wagen.

Eine knappe halbe Stunde dauerte die Fahrt in die psychiatrische Einrichtung. Weitere zehn Minuten verbrachte er mit Parkplatzsuchen und noch einmal fünf Minuten vergingen, bis er sich in die richtige Abteilung durchgefragt hatte. Dort angekommen, bat ihn eine Schwester, auf einer braunen Plastikcouch Platz zu nehmen, während sie den Bewohner holte.

Ron blickte ihr nach, während sie den langen Gang hinunter stapfte. Bewohner! Wie das schon klingt. Warum sagen sie nicht einfach Patienten wie in allen anderen Krankenhäusern auch?

„Haben Sie Feuer?“

Ron drehte sich um.

Vor ihm stand ein runzliger kleiner Mann. Er trug einen Trainingsanzug in ausgewaschenem Rot. Die rosa Streifen an den Seiten mussten vor langer Zeit einmal weiß gewesen sein.

„Ich rauche nicht“, entgegnete Ron.

„Ich auch nicht“, sagte der Mann im Trainingsanzug. „Haben Sie Feuer?“

Ron lächelte betroffen. „Leider nicht.“

„Aha“, stellte der Mann enttäuscht fest.

„Vielleicht, wenn Sie eine der Schwestern fragen. Ich bin sicher, die können Ihnen weiter...?“

„Haben Sie Feuer?“

„Nein, ich habe kein Feuer!“, hörte Ron sich sagen.

„Aha.“

Ron sah sich hilfesuchend um und entdeckte die Schwester von vorhin, die in Begleitung eines Mannes zurückkam. Michael Moon, wie Ron vermuten durfte.

„Haben Sie Feuer?“

„Fragen Sie die Schwester“, entgegnete Ron genervt und stand auf, um seinen Schulkollegen zu begrüßen. „Michael!“, rief er und streckte herzlich die Arme aus.

„Hat er Sie belästigt?“, fragte die Schwester mit Blick auf den Mann im roten Trainingsanzug.

„Nicht der Rede wert“, antwortete Ron und schüttelte Michael die Hand. „Ich bin’s, Ron! Erinnerst du dich noch an mich? Wir waren gemeinsam in der Klasse von Mr. Webster. Gott, was hatten wir es lustig in Geschichte.“

„Hallo.“ Michael starrte Ron verunsichert an.

„Ron! Der gute alte Ronny! Du hast in Mathe immer von mir abgeschrieben, das musst du doch noch wissen. Komm schon, Michael, so lange ist das doch noch nicht her.“

„Haben Sie Feuer?“ Diesmal galt die Frage der Schwester.

„Heute nicht“, erwiderte sie und packte den Mann im Trainingsanzug am Arm. „Unser Abteilungsvorstand hat ausdrücklich verboten, das Haus anzuzünden. Daran müssen wir uns alle halten, auch Sie. Egal, wie schwer es Ihnen fällt.“ Sie zwinkerte Ron zu. „Er ist Pyromane, aber sonst ein lieber Kerl.“

Ron nickte betroffen.

„Ich lasse Sie beide jetzt allein. Bitte melden Sie sich vorn im Schwesternzimmer wieder ab, bevor Sie gehen. Es kommt dann jemand, der Mr. Moon wieder auf sein Zimmer bringt.“

„Geht klar, danke.“ Ron fragte sich, wieso er auf die aberwitzige Idee gekommen war, seine Zeit ausgerechnet in der Psychiatrie zu verschwenden. Er war erst wenige Minuten hier und wusste jetzt schon, dass er Irrenhäuser hasste wie nichts sonst auf der Welt. Nie im Leben wollte er hier landen.

„Ich bin Michael.“ Michael Moon setzte sich. „Die sagen, ich bin verrückt.“

Ron lächelte so unbeteiligt, wie er nur konnte, und setzte sich daneben. „Ich bin Ron. Können wir reden?“

Michael nickte. „Heute Mittag habe ich Fisch gegessen und danach Schokolade. Ich mag Schokolade.“

„Wirklich?“ Tolle Idee, Ron! Von dem wirst du sicher viel erfahren, was dich weiterbringt. „Ich mag auch Schokolade. Was magst du noch?“

„Eis, Fernsehen, Schlümpfe...“ Michael zählte auf und seine Gesichtszüge erhellten sich.

„Was ist mit Schmetterlingen?“, unterbrach Ron. „Magst du Schmetterlinge?“

„Schmetterlinge sind super!“

Na immerhin. Der Anfang ist gemacht.

„Aber gefährlich!“

„Gefährlich?“, fragte Ron. „Wieso sind Schmetterlinge denn gefährlich? Die tun doch keinem was.“

„O doch!“ Michaels Blick veränderte sich. „Manche schon.“

„Echt?“ Ron senkte verschwörerisch die Stimme. „Das musst du mir unbedingt erklären.“

Michael schüttelte den Kopf. „Kann ich nicht.“

„Warum?“

„Sie sind gefährlich. Schmetterlinge sind gefährlich.“

„Ach komm, Michael! Wir sind doch gute alte Freunde. Michael und Ronny, wir waren das Dreamteam in der Schule. Zwei wie wir haben niemals Geheimnisse voreinander.“ Er zwinkerte Michael zu.

„Zu gefährlich.“ Michael verschränkte die Arme.

Na toll! Ron musste umdenken. Die typische Pfleger-Angehörigen-Zwinker-Geheimkommunikation zeigte bei Verrückten klarerweise keine Wirkung. „Ich könnte dir etwas über Schmetterlinge erzählen. Erst neulich habe ich einen ganz besonders hübschen gesehen. Der hätte dir bestimmt gefallen.“

„Meinst du?“

„Ganz bestimmt sogar. Ein richtiger Riese. Ungefähr so groß und wunderschön. Seine Flügel glänzten in einem kräftigen Violett.“

Michael zuckte zusammen, als er die Farbe hörte.

„Hast du so einen auch schon einmal gesehen?“, fragte Ron vorsichtig.

Michael bejahte so leise, als hätte er plötzlich einen Kloß im Hals. „Der ist gefährlich. Sehr gefährlich!“

„Wo hast du ihn gesehen?“

Michael zierte sich zunächst, doch schließlich murmelte er etwas, das sich so ähnlich anhörte wie Mumien.

Mumien? Ron sah ihn entgeistert an. Hatte Michael tatsächlich gerade von Mumien gesprochen, oder war das, was er zu hören glaubte, nur ein weiteres Beispiel für vorübergehende Sensibilisierung? „Ich habe dich leider nicht verstanden, Michael. Wo genau hast du den Schmetterling gesehen?“

„Nicht gesehen, gefangen.“

„Du hast ihn gefangen?“ Ron gab sich keine Mühe, seine Überraschung zu verbergen. „Du selbst?“

„Ja.“ Michael klang alles andere als stolz. Der Kloß in seinem Hals schien zu wachsen.

„Kannst du mir sagen, wo?“

„Zu gefährlich.“

„Keine Sorge, ich bin ein sehr vorsichtiger Mensch. Aber ich komme viel in der Welt rum und wenn du weißt, wo es für mich gefährlich sein könnte, dann musst du mir das unbedingt sagen. Du musst mich warnen, Michael! Du willst doch ganz bestimmt nicht, dass mir etwas zustößt. Oder willst du das?“

„Nein“, hauchte Michael und seine Augen wurden glasig. Eine Träne rann über seine Wange. „Mummy Island... Fahr nie nach Mummy Island!“

„Mummy Island? Nie gehört. Wo liegt das?“

„Nicht suchen“, murmelte Michael verängstigt. „Bitte nicht suchen. Es ist gefährlich dort. Menschen sterben.“

„Schon gut.“ Ron legte seinen linken Arm um Michaels Schulter, während er mit der rechten Hand nach einem Taschentuch kramte. „Hier bitte.“

Michael nahm wortlos das Taschentuch.

„Du warst also auf Mummy Island, wo es diese gefährlichen Schmetterlinge gibt. Richtig? Dann werde ich dort nie hinfahren, damit mir nichts passiert. Danke für die Warnung, Michael. Du bist ein echter Freund.“

„Freund“, wiederholte Michael, als erinnere ihn der Begriff an etwas Schönes. Gleich darauf kehrten die Tränen in seine Augen zurück, mehr davon. „Sie sind alle tot.“

„Wer ist tot?“ Was redet der Kerl für einen Unsinn? Ich verschwende hier nur meine Zeit, wenn es diese komische Insel gar nicht gibt.

„Meine Freunde. Die Schmetterlinge sind gefährlich. Sehr gefährlich. Sie töten Menschen.“

„Sind sie giftig?“ Ron wusste, dass es Arten gab, die sich von Giftpflanzen ernährten und damit ihrerseits giftig wurden. Für ihre Fressfeinde konnten sie dadurch rasch zur letzten Mahlzeit werden. „Ist der Schmetterling, den du gefangen hast, giftig?“

„Nein.“ Michael wischte mit dem nassen Taschentuch über sein Gesicht. „Aber er tötet Menschen. Diese Schmetterlinge töten Menschen.“

„Es gibt also noch mehr von diesen Schmetterlingen auf der Insel?“

„Viel mehr.“

Na wenigstens ein Lichtblick! „Haben die Schmetterlinge einen Namen? Ich meine, wie hast du sie genannt?“

„Calyptra...“ Michael holte tief Luft, als müsse er alle seine Kraft zusammennehmen, ehe er den kompletten Namen wie eine Seuche ausspeien konnte: „Calyptra exsecratur!“

Rons Lateinkenntnisse reichten gerade noch aus, um zu wissen, dass es sich dabei um etwas Verfluchtes handeln musste. Verrückt! Der Kerl ist völlig verrückt. „Wie töten diese Schmetterlinge?“

„Sie... sie töten... nicht selbst.“ Dicke Tränen flossen Michael übers Gesicht und das Reden fiel ihm immer schwerer. „Die anderen tun das.“

Die anderen? „Welche anderen?“

Michael schluchzte.

Ron gab ihm ein paar Sekunden, bevor er seine Frage wiederholte. „Welche anderen meinst du? Wer tötet für die Schmetterlinge?“

Michael konnte oder wollte nicht antworten.

Mist, so hatte ich mir das nicht vorgestellt. „Michael, was ist auf der Insel passiert?“, drängte Ron.

Michael schluchzte.

„Komm schon, mir kannst du alles erzählen, wir sind doch Freunde. Erzähl mir, was passiert ist. Wer hat die anderen getötet?“, hörte Ron sich fragen. Was rede ich da eigentlich für einen Blödsinn? Wenn mir jemand vom Pflegepersonal zuhört, behalten sie mich auch gleich da.

Michael verschmierte noch einmal seine Tränen mit dem Taschentuch, dann drehte er langsam den Kopf zur Seite.

Ron erschrak, als er Michaels Blick bemerkte. Der Wahnsinn funkelte aus den tiefliegenden Augenhöhlen.

„Die Toten... die verfluchten Toten.“ Michael schluckte. „Sie waren es. Siiiiiiiiiiiiie!“ Er stieß einen schmerzhaft schrillen Schrei aus, der eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr verstummen wollte.

Im ersten Moment war Ron vor Schreck wie paralysiert. Ihm fehlten schlicht die Erfahrungswerte, um zu wissen, wie er in einer solchen Situation richtig reagieren sollte. Wahrscheinlich hörte man den Schrei noch zwei Stockwerke tiefer. Zumindest würde aber in Kürze das gesamte Pflegepersonal dieser Station angestürmt kommen.

Michaels Schrei gewann noch einmal an Tonhöhe, bevor er endlich verebbte.

Im Gang zum Schwesternzimmer ging eine Tür auf und eine Schwester kam heraus.

Ron sprang auf und zeigte auf Michael. „Es tut mir leid!“, rief er ihr entgegen. „Ich weiß nicht, was ihn so aufgeregt hat, aber ich wollte ihm wirklich nichts Böses. Wir haben nur über Schmetterlinge gesprochen.“

„Schon gut“, die Schwester schien den Vorfall erstaunlich locker zu nehmen. „Es ist nicht Ihre Schuld. Mr. Moon hat immer wieder solche Anfälle, daran gewöhnt man sich.“ Sie beugte sich zu Michael: „Aber jetzt sind wir wieder schön brav und holen uns einen Traubenzucker.“

„Traubenzucker“, wiederholte Michael fast lautlos.

„Genau! Der schmeckt unseren Bewohnern nämlich besser als die Medikamente, obwohl beides aus der gleichen Packung kommt“, sie zwinkerte Ron zu.

Einmal mehr an diesem Tag wusste Ron nicht, wie er adäquat hätte reagieren sollen. Er senkte seine Stimme und flüsterte der Schwester zu: „Er hat mir eine Geschichte von Freunden erzählt, mit denen er auf einer Insel war. Scheinbar ist seinen Freunden dort etwas zugestoßen. Er hat sogar behauptet, sie wären tot. Stimmt das?“

Die Schwester musterte Ron mit argwöhnischem Blick.

Ron beschlich das ungute Gefühl, bei weiteren Fragen selbst in einen ausgewaschenen Trainingsanzug gesteckt zu werden.

„Keine Ahnung“, brach die Schwester ihre Musterung schließlich ab. „Was meinen Sie, was wir hier täglich für Geschichten hören? Wir haben Reinkarnationen von berühmten Persönlichkeiten quer durch die Geschichte. Dazu Abenteuer über Hexen, Monster, Drachen und Feen. Wir haben Cowboys, Raumfahrer, Leute, die sich vor Hasen fürchten, an Wichtelmännchen glauben oder durch die Wand gehen können. Solche, die fliegen, unsichtbar sind oder mit ihren Socken sprechen. Einer hört das Gemüse beim Mittagessen um Hilfe rufen, ein anderer fragt ständig nach Feuer, weil er das Haus abfackeln will. Manche...“

„Dem bin ich schon begegnet.“

Sie sah ihn ungläubig an.

„Den Mann mit dem Feuer meine ich. Roter Trainingsanzug, ungefähr so groß. Er hat mich vorhin angesprochen.“

Sie seufzte. „Na, dann können Sie sich vielleicht vorstellen, was hier jeden Tag los ist. Glauben Sie mir, immer wenn ich denke, ich hätte schon alle verrückten Geschichten gehört, kommt einer und setzt noch einen oben drauf. Nichts für ungut, aber manche Angehörigen machen es sich schon ein wenig leicht. Ab in die Klapsmühle, sollen die sich doch um unsere Verwandten kümmern. Schließlich werden die ja auch so sensationell gut dafür entlohnt.“

„Ich bin ein Schulkollege“, berichtigte Ron hastig. „Nur ein Schulkollege.“

„Schon klar.“

Ron überhörte die versteckte Spitze gekonnt. „Sie denken also nicht, dass an seiner Geschichte über diese Insel etwas dran sein könnte?“

„Könnte, würde, hätte! Davon hat keiner was. Schon möglich, dass er die Wahrheit sagt, ich bin nur eine einfache Hilfsschwester, kein Arzt. Wenn Sie mit einem von denen reden wollen, müssen Sie morgen Vormittag...“

„Nicht nötig“, unterbrach Ron. „Trotzdem danke für Ihre Einschätzung.“

„Keine Ursache. Ich glaube, es ist besser, wenn Sie jetzt gehen. Nach seinem Traubenzucker wird Ihr Schulkollege schnell einschlafen. Besser, Sie kommen ein anderes Mal wieder.“

Ron nickte. „Einen schönen Tag noch.“

„Ja genau“, murmelte die Schwester. „Ihnen auch.“

Ron drehte sich um und entfernte sich mit schnellen Schritten. Nichts wie weg hier!

„Eines noch!“, rief sie ihm nach.

Ron zuckte zusammen, als er die Stimme hörte. „Ja?“ Er blieb stehen und blickte über die Schulter zurück. Bereit, beim geringsten Anzeichen von Männern mit Zwangsjacken in Richtung Ausgang zu stürmen.

„Ich kann Ihnen zwar nicht sagen, was genau es war, aber etwas oder jemand hat seinen Zustand ausgelöst. Manchmal sind es traumatische Ereignisse, mit deren Aufarbeitung die Betroffenen ein Leben lang kämpfen. Einige Menschen geben den Dingen andere Namen, um leichter damit klarzukommen. Trifft auf Ihren Freund vielleicht auch zu. Keine wissenschaftliche Expertise - nur meine Meinung.“

„Danke, ich denk drüber nach!“ Ron winkte zum Gruß und ließ die Psychiatrie hinter sich. Für immer, wie er hoffte.