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SACER SANGUIS MANIAC - Mummy Island
Kapitel 11


Sanatorium, Terrasse:

Eine Hitze ist das hier, kaum auszuhalten. Um nichts auf der Welt würde ich barfuß über die Steinplatten laufen, die seit dem Vormittag unentwegt in der Sonne backen. Victors Sabber zischte vorhin sogar. Alle zwei Minuten: tropf - zisch. Nach Victor kann man echt die Uhr stellen.

Mittlerweile hat das Zischen aufgehört, weil die Sonne hinter unserer großen Weide verschwunden ist. Auf Dauer war das Geräusch aber sowieso nervend.

Außerdem hat es den Neuen gestört. Verscheucht ihm die Tiere, hat er gemeint.

Der Neue heißt Trapper-Fox und wurde heute Vormittag zu uns verlegt. Wie er wirklich heißt, weiß keiner von uns, aber es spielt sowieso keine Rolle. Ich glaube nicht, dass er lang bei uns bleiben wird. Obwohl wir sein Talent als Fallensteller gut gebrauchen könnten.

„Der fängt bei uns nie etwas“, hat Eugen, unser Concierge, gleich zum Auftakt behauptet und motzt seither unentwegt rum. Er hat sich sogar geweigert, den Neuen zu bedienen. Was soll man dazu sagen?

Melvin mag Trapper-Fox auch nicht. Das liegt aber nur daran, dass Melvin ein Gewohnheitstier ist und Neuerungen generell nicht mag - selbst frische Bettwäsche gehört zu seinen Feindbildern.

Melvins Skepsis war jedenfalls gleich mal Wasser auf Eugens Mühlen der Ablehnung, zumal keine von Eugens multiplen Persönlichkeiten in Sachen Exklusivität mit Trapper-Fox mithalten konnte.

Geduld ist definitiv nicht Eugens Stärke - und Stillsein sowieso nicht. Beides ist aber wichtig als Fallensteller, hat Trapper-Fox erklärt. Fox weiß eine Menge über Fallen. Viel mehr als wir anderen. Nehmen wir mich zum Beispiel. Ich bin zwar gut darin, mit einem Netz einen Schmetterling zu fangen, aber das war’s dann auch schon mit meinen Qualitäten als Großwildjäger.

Trapper-Fox dagegen bringt jede Menge Erfahrung mit. Er hat schon auf der ganzen Welt seine Fallen aufgestellt und so ziemlich alles gefangen, was es zu fangen gibt. Der Mann hat Tiere geschnappt, von denen wussten wir gar nicht, dass es sie überhaupt gibt. Klar, dass Eugen deshalb gleich wieder rumgemotzt hat. Aber es ist nicht die Schuld von Trapper-Fox, wenn Eugen nur Tiere durchgehen lässt, die er vom Bauernhof kennt. Ich glaube nicht, dass die beiden noch Freunde werden. Bei denen passt einfach die Chemie nicht: Fox, der Trapper und Eugen, von dem ein Teil früher für Greenpeace tätig war - das kann nur schiefgehen.

Wenn’s um Tiere geht, versteht Umweltaktivist Eugen keinen Spaß. Dabei hat Trapper-Fox ihm sogar mit doppelt gekreuzten Zehen versprochen, dass er künftig nur mehr Lebendfallen aufstellen wird. Hat nichts geholfen.

„Schon was gefangen?“, stichelte Eugen.

„Noch nicht.“ Trapper-Fox war die Geduld in Person und erstaunlich gut darin, sich nicht provozieren zu lassen.

„Mit der Falle fängst du nie eine.“

„Abwarten“, vertröstete Trapper-Fox gelassen. „Dreißig Prozent beim Fallenstellen sind Technik, vierzig Prozent Erfahrung und die restlichen fünfzig Prozent sind Geduld.“ Er presste den Finger auf die Lippen.

Nach einer Weile sagte Eugen: „Das geht sich doch gar nicht auf hundert Prozent aus.“

Trapper-Fox sah ihn skeptisch an und kratzte sich mit beiden Händen am Hinterkopf. „Hmmm. Da hast du wohl recht.“

Overnight-Jimmy und Sparspüler-Melvin murmelten Victor etwas zu, der gerade wieder gesabbert hatte.

Trapper-Fox reagierte ausgesprochen souverän auf das Untergraben seiner Autorität. „Er hat recht!“, sagte er anerkennend und zeigte mit dem Finger auf Eugen. „Das geht sich nicht auf hundert Prozent aus. Ich habe nämlich die Farbe des Köders vergessen. Die Farbe macht die restlichen zehn Prozent aus.“

Eugen verschränkte die Arme und setzte sein Wusst-ich’s-doch-Grinsen auf.

„Na, haben Sie sich schon ein wenig eingelebt?“ Völlig unvermittelt stand Dr. Knox in der Terrassentür. „Wie ich sehe, haben Sie schon erste Kontakte bei uns geknüpft.“

„Trapper-Fox bringt uns gerade das Fallenstellen bei“, sagte Melvin stolz.

„Wunderbar“, zeigte Dr. Knox sich erfreut. „Was genau fangen Sie denn?“

„Chinesische Albi...?“ Melvin blickte hilfesuchend zu Trapper-Fox.

„Chinesische Albinoschildkröten“, kam prompt die Hilfe vom Experten. „Die Weibchen haben gerade Schonzeit, aber wir haben es ohnehin auf ein Männchen abgesehen.“

In dem Moment war ich ehrlich froh, dass Melvin das Thema angesprochen hat und nicht ich.

„Ich nehme an“, Dr. Knox zeigte auf zwei umgefallene Stühle, deren Beine ineinander verkeilt waren, „das ist eine Lebendfalle.“

„Selbstverständlich“, beteuerte Trapper-Fox. „Die Art ist streng geschützt. Wir fangen sie nur zu wissenschaftlichen Zwecken. Wir wiegen und vermessen sie, statten sie mit einem Peilsender aus und lassen sie so rasch wie möglich wieder frei.“

„Das ist schön“, sagte Dr. Knox und drehte sich so schwungvoll zu mir um, dass sie mir mit ihrer blonden Mähne heiße Luft zufächelte. „Glauben Sie, dass er etwas fangen wird, Ron?“

Alle Blicke richteten sich auf mich.

Sie war clever. O ja, diese Frau Doktor war so was von gerissen. Ohne Vorwarnung stellte sie mich vor die Wahl und zwang mich, meine Entscheidung in aller Öffentlichkeit zu treffen: verrückt oder nicht verrückt?

Natürlich wollte ich nichts sehnlicher als hier raus, aber bis es so weit war, wollte ich keinesfalls auf den Rückhalt der anderen verzichten.

Oder war genau das ihr perfider Plan? Stoßen wir Ron in die eisigen Fluten und sehen zu, wie ernst er es mit dem Schwimmenlernen meint.

„Er fängt nichts“, sagte ich überzeugt und konnte die Enttäuschung der anderen förmlich spüren. Noch im selben Atemzug zwinkerte ich Dr. Knox zu und ergänzte: „Weil sein Köder nämlich die völlig falsche Farbe für chinesische Albinoschildkröten hat.“

„Genau!“, stimmte Eugen begeistert zu. „Er hat die zehn Prozent für die Farbe vergessen.“

Allgemeine Erleichterung machte sich breit und von überall wurden Farbvorschläge gerufen.

Dr. Knox nahm mich zur Seite.

Sie berührte meinen Arm. Meinen nackten Arm! Ich sog ihr Parfum ein, wie ich es immer tat, wenn sie wie ein Engel an mir vorbeihuschte. Nur diesmal war ich ihr so nahe, dass ich eine himmlische Überdosis abbekam.

„Sehr gut“, lobte sie mich, während ich auf Wolke sieben meine Pirouetten drehte. „Jeden Tag ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Ich bin wirklich stolz auf Sie, Ron. Sie müssen sich immer vor Augen halten, dass wir mit jedem Schritt auch etwas zurücklassen. Je größer der Schritt, umso schwerer fällt der Abschied vom Gewohnten.“