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SACER SANGUIS MANIAC - Mummy Island
Kapitel 12


Die Suche nach Mummy Island.

Ron hatte das Treffen mit seinem Lieblingskunden hinter sich gebracht. Es war genauso gelaufen, wie Ron es erwartet hatte - fast. Der Blick beim Öffnen der Transportbox, die Sprachlosigkeit und die anschließende Begeisterung, das alles hatte gepasst.

Mit einem hatte Ron allerdings nicht gerechnet: Dass sein Kunde ihm vorschlagen würde, gemeinsam nach weiteren Eulenfaltern zu suchen, um groß ins Geschäft einzusteigen. Nicht, dass Ron das nicht sowieso vorgehabt hätte, doch wenn ein Mann wie Alfons Bedminster von Größe sprach, dann meinte er andere Dimensionen.

Alfons Bedminster ging auf die Sechzig zu und hatte einen Bierbauch, der beim Lachen hüpfte. Bedminster lachte gern und viel. Er betrieb einen Großhandel für Antiquitäten, der sich seit drei Generationen im Familienbesitz befand. Seine beiden Kinder waren volljährig und standen auf eigenen Füßen. Ihre Mutter war schon immer anstrengend gewesen, im Lauf der Jahre aber unerträglich geworden. Nach einer angemessenen Leidensphase hatte Alfons Bedminster sich entschieden, seine Frau durch ein jüngeres Modell zu ersetzen. Geld für ihre Einkaufseskapaden hatte er ohne Frage genug und auch seine Leidenschaft, das Schmetterlingssammeln, kam finanziell nicht zu kurz.

Wenn Ron so darüber nachdachte, wusste er eine ganze Menge über seinen Kunden, auch wenn er ihn genau genommen nur flüchtig kannte.

Ron hatte gar nicht erst versucht, seine Überraschung über das Angebot zu verbergen - wozu auch? Alfons Bedminster war ein äußerst umgänglicher Typ. Ein Geschäftsmann freilich, aber keiner von der Sorte, die einem die eigene Großmutter andrehen würde. Er hatte seine Handschlagqualitäten in der Vergangenheit mehrfach bewiesen und Ron sogar einmal aus der Patsche geholfen, als es finanziell enger geworden war.

Ron hatte sich eine Woche Bedenkzeit ausgebeten, obwohl er am liebsten sofort zugesagt hätte. Das Angebot war einfach zu verlockend. Bedminster hatte vorgeschlagen, das finanzielle Risiko allein zu tragen und auch die Reise nach Mummy Island zu organisieren. Bedminster selbst, seine Frau und zwei oder drei gute Freunde von ihm, um die Gruppe überschaubar zu halten. Ron sollte mehr als faire 50 Prozent vom Verkauf aller Schmetterlinge erhalten, die sie auf der Insel fangen würden. Da Bedminster die kompletten Kosten der Expedition über seine Firma abschreiben konnte, hatte Ron keinerlei Ausgaben. Solide 50 Prozent ohne jedes Risiko. In Rons Ohren hörte es sich einfach perfekt an.

Trotzdem hatte Ron seinen künftigen Geschäftspartner vorerst vertrösten müssen. Es war wichtig, dass Ron die Zügel in der Hand behielt, gerade weil Bedminster finanziell so viel besser aufgestellt war. Was hätte er dem Mann auch sagen können? Ich war gestern in der Klapsmühle und habe den Bewohner besucht, der diesen Schmetterling gefangen haben will. Er hat mir von einer Mumieninsel erzählt, auf der seine Freunde von Schmetterlingen umgebracht wurden. Also nicht direkt von Schmetterlingen, aber irgendwie doch. Ich glaube übrigens nicht, dass der Mann verrückt ist, und falls doch, hoffe ich, dass er trotzdem recht hat, denn ich brauche dieses Geld wie einen Bissen Brot.

Bedminster hatte ohne Frage Humor, aber ob der für eine solche Erklärung gereicht hätte?

Ron hatte beschlossen, seine Bedenkzeit zu nutzen, um Fakten zu schaffen. Zunächst musste er herausfinden, ob es überhaupt eine Insel mit diesem Namen gab. Was sich zunächst recht einfach anhörte, hatte bereits zig Stunden erfolglose Suche nach sich gezogen.

Begonnen hatte er mit dem alten Schulatlas, den er aus der Schule hatte mitgehen lassen. Anschließend war er in zwei kleinere Buchhandlungen gefahren und hatte deren Atlanten auf brauchbare Hinweise abgesucht. Wieder Fehlanzeige. Die dritte Buchhandlung auf seiner Liste war deutlich größer und genoss einen ausgezeichneten Ruf, was ihr Sortiment betraf.

Ron konnte diesen Ruf nicht bestätigen.

Er blickte auf seine Uhr. Zwei Stunden war er nun bereits in der Bibliothek und quälte sich durch vergilbte Karteikarten, die teils von Hand, teils mit Maschine beschrieben waren. Vor ihm warteten noch zwei weitere Schrankreihen darauf, durchsucht zu werden. Fünfzehn Ebenen mit je acht Schubladen pro Schrank. Sechs Schränke pro Reihe. Ron mochte es gar nicht so genau wissen.

Zum Glück war eine clevere Seele auf die Idee gekommen, die Stichwortkärtchen alphabetisch zu sortieren. Leider schienen sich die Besucher der Bibliothek aber nur teilweise an das System zu halten.

„Vielleicht kann Ihnen das weiterhelfen.“ Eine Bibliothekarin mit Blumenkleid und Pferdeschwanz legte zwei schwere Wälzer auf Rons Platz. „Ist zwar nichts Geographisches, deckt sich aber mit Ihrem Suchbegriff. Wenn nicht, einfach zurückbringen und wir versuchen das nächste.“ Sie lächelte freundlich, drehte sich um und verschwand wieder zwischen den Regalreihen.

Ohne sie hätte er längst aufgeben müssen. Er fragte sich, ob es wirklich bald Computer in allen Bibliotheken geben würde, die einem solch stupide Arbeiten abnehmen könnten.

„Danke.“

Sie hatte ihn nicht mehr gehört.

Ron zog das obere Buch zu sich heran und betrachtete den Einband. „Die Inuit in Alaska - Indianer Nordamerikas“, murmelte er wenig überzeugt. Auch wenn es in Alaska vielleicht tatsächlich eine Insel mit dem Namen Mummy Island geben mochte und Schmetterlinge im Norden durchaus üblich waren, das Buch roch nach einer astreinen Sackgasse.

Calyptra exsecratur hatte Michael den von ihm gefangenen Schmetterling genannt. Über den verfluchten Teil seines Namens konnte man geteilter Meinung sein, aber die Bezeichnung Calyptra erschien Ron durchaus zutreffend. Denn die Morphologie des violetten Riesenschmetterlings besaß gewisse Ähnlichkeiten mit anderen Vertretern der Gattung Calyptra. Die zumeist braunen Nachtfalter bevorzugten allesamt subtropisches Klima. Das musste nicht zwangsläufig auch für Rons Schmetterling gelten, aber es war ein guter Anhaltspunkt.

Ron legte das Buch zur Seite und warf einen Blick auf das zweite. Ein großer Bildband mit dem Titel Mythologie und Totenkult von Indianerstämmen.

Schon wieder Indianer! Ein kühler Schauer richtete seine Nackenhärchen wie von Geisterhand auf. Das war das Schlimme mit vorübergehender Sensibilisierung. Einmal darauf geprägt, war sie nur schwer wieder aus dem Kopf zu bekommen.

Das Cover zeigte einen Indianer im Regenwald, der vor einem steinernen Pfeiler - einer sogenannten Stele - kniete, in die merkwürdige Zeichen eingraviert waren. Was die subtropische Gegend betraf, lag Ron mit dem Buch also richtig.

Er schlug die letzte Seite auf und suchte nach dem Index. Wenn Mummy Island dort nicht erwähnt war, konnte er sich den Rest des Bands sparen.

Rons Zeigefinger überflog die Stichwörter, die in drei Spalten pro Seite angeordnet waren. Er musste umblättern, um zum richtigen Buchstaben zu gelangen.

Am Ende der zweiten Spalte wurde er fündig.

Mummy Island! Sein Körper spendierte ihm eine Extraportion Adrenalin. Seite 95.

Ron blickte auf den unteren Seitenrand. Das Buch hatte 290 Seiten. Er klappte es zu und schlug es im ersten Drittel wieder auf. Seite 87.

Es war ein Anblick, den er sich lieber erspart hätte. Die deutlich mehr mystisch als wissenschaftlich angehauchte Zeichnung zeigte ein Menschenopfer auf einem steinernen Altar. Ein Priester streckte das blutende Herz in den Himmel.

Ron blätterte hastig weiter und landete auf Seite 93. Seine Hand verharrte einen Moment lang wie versteinert über der Abbildung. Er wusste sofort, dass dies eine von den verfluchten Indianermumien sein musste, vor denen Jakub ihn gewarnt hatte. Die Mumie auf dem Bild sah genauso aus, wie der Pole sie beschrieben hatte. Obwohl sie großflächig mit Lehm bestrichen war, konnte Ron die Bandagen darunter erkennen. Im Gegensatz zu der Mumie, die er bei Jakub gesehen hatte, waren die Bandagen auf dem Foto nicht ganz so gleichmäßig gewickelt. Fast so, als hätte man keinen Stoff, sondern Blätter verwendet.

Vorübergehende Sensibilisierung! Ron riss sich von dem Anblick los und blätterte um.

Seite 95 zeigte vier kleine Fotos und mehrere Absätze mit Begleittexten. Unter einem der Bilder stand, wonach Ron gesucht hatte.

Mummy Island. Es gibt sie also tatsächlich! Ein Gefühl der Erleichterung überkam ihn, als er den Text unter dem Foto las. Die Insel verdankte ihren Namen keineswegs irgendwelchen verfluchten Mumien. Der Begriff Mummy rührte von der Größe und Form der Insel her. Mummy Island war Teil einer Inselgruppe, die aus winzigen Atollen bestand. Rund um die Hauptinsel, die gerade einmal drei Kilometer im Durchmesser war, gruppierten sich die noch kleineren Inseln. Ihre Anordnung erinnerte aus der Luft an Kinder, die sich um ihre Mutter scharten. Daher auch der Name der Hauptinsel: Mummy Island.

Ron hatte gefunden, was er gesucht hatte, auch wenn er die Antwort niemals in einem Buch über indianische Begräbnisriten vermutet hätte.

So oder so, Ron war im Geschäft und bald würden sich all seine Sorgen in Luft auflösen. Drei Kilometer Durchmesser waren vielleicht nicht riesig, aber selbst so große Schmetterlinge wie der Calyptra exsecratur konnten dort in überwältigender Stückzahl vorkommen. Ganz zu schweigen von der Möglichkeit, dass sich dort noch unzählige andere Schmetterlingsarten tummeln könnten.

Oft sind es die kleinsten Inseln, die mit der größten Artenvielfalt punkten. Wer weiß, was wir auf dieser Insel sonst noch entdecken. Ron glaubte nachempfinden zu können, wie Darwin sich gefühlt haben musste, als ihm die Bedeutung von Galapagos klargeworden war.