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SACER SANGUIS MANIAC - Mummy Island
Kapitel 13


Sanatorium, Zimmer von mir und Overnight-Jimmy:

Die Zeit vor dem Einschlafen war mit das Schönste am Leben in der Klapsmühle. Jedenfalls dann, wenn Jimmy seine Laktoseintoleranz nicht wieder entfallen war. Ohne Milchprodukte konnte man es prima mit ihm aushalten.

Heute Nacht hatten wir Glück. In Jimmys Gedärmen regte sich nicht mehr als ein laues Lüftchen. Nur noch die letzten Ausläufer eines Käsekuchen-Sturmtiefs von vor drei Tagen. Nicht der Rede wert.

Als Zimmerkollegen konnte ich mir keinen besseren wünschen als Jimmy. Mit ihm konnte ich über alles reden, und ich meine wirklich alles. Auch wenn wir bei einem Thema nicht einer Meinung sind und uns ordentlich in die Haare kriegen. Er ist nicht nachtragend, nicht länger als 24 Stunden. Jimmys Streitkultur ist echt vom Feinsten.

„Sag mal, Jimmy...“ Ich legte meine Notizen beiseite und drehte die Leselampe über meinem Bett ab. Bis auf das Winnie-Pooh-Nachtlicht war es dunkel in unserem Zimmer. Jimmy war ein riesiger Winnie-Pooh-Fan. „...hältst du mich für verrückt?“

„Auf keinen Fall“, erwiderte er prompt. „Von allen hier bist du der Cleverste. Das Personal und die Ärzte mit eingeschlossen.“

Ich grinste. „Danke, Jimmy.“ Es tat gut, die ehrliche Meinung von jemandem zu hören, der es wissen musste.

„Außerdem bist du der beste Kumpel, den ich habe. Ich weiß, dass ich schon etwas vergesslich bin, aber du hast mir deshalb noch nie Vorhaltungen gemacht. Das rechne ich dir hoch an, Ron.“

„Dank dir.“ Das mit den Vorhaltungen stimmte zwar nicht ganz, aber es wäre nicht fair gewesen, Jimmy ausgerechnet jetzt daran zu erinnern.

„Vermutlich habe ich dich schon mal gefragt, aber was notierst du dir auf diesem Block, Ron?“

„Meine Vergangenheit“, antwortete ich zum fünften Mal in dieser Woche auf dieselbe Frage. „Dr. Knox hat mich gebeten, dass ich meine Vergangenheit aufschreibe. Nur für mich, um mir über bestimmte Dinge klar zu werden. Ich soll mir selbst helfen, den Grund für meine Blockaden zu finden. Wenn ich mir alles von der Seele schreibe, was früher passiert ist, dann komme ich eines Tages vielleicht doch noch hier raus.“

„Ich wünsch es keinem mehr als dir, Ron.“ Er stellte die Lehne seines Betts steiler und brachte sich in eine sitzende Position. „Erzählst du mir, was dich gerade beschäftigt? Ich erzähl’s auch keinem weiter, mein Wort drauf.“

Jimmys Wort wog für mich schwerer als Gold. „Ich schreibe gerade über Indianer und ihre Mumien.“

„Indianer hatten Mumien?“

„Wusste ich auch nicht“, räumte ich ein und mein Magen krampfte warnend. „Aber dann habe ich ein Buch in die Finger bekommen und ein wenig darin gelesen. Leute einwickeln und verschrumpeln lassen war auch außerhalb von Ägypten üblich. Schrumpfköpfe sagen dir doch sicher etwas?“

„Klar.“

„Über die stand auch was in dem Buch. Gehört irgendwie alles zusammen. Die alten Indianer waren sehr spirituelle Menschen mit einem ausgeprägten Totenkult. Wobei man gar nicht Indianer zu ihnen sagen dürfte, weil es eigentlich indigene Völker sind, aber wen interessiert das schon.“

„Erzähl mir mehr über die Mumien“, bat Jimmy. „Ich mag Gruselgeschichten mit Mumien und dunkler Magie.“

„Dann wäre dieses Buch genau das Richtige für dich gewesen, das kann ich dir sagen. Menschenopfer, Flüche, Verwünschungen, Mumien, die ganze Palette war darin abgehandelt. Wusstest du, dass es Stämme gibt, die ihre Toten zerhacken und an wilde Tiere verfüttern?“

„Ist nicht wahr!“

„Machen die Tibeter auch. Himmelsbestattung nennen sie das. Zerstückeln ihre Toten und werfen sie den Geiern zum Fraß vor. Verglichen damit hat es so eine Mumie richtig gut erwischt.“

„Waren in dem Buch auch Fotos von Mumien?“

„Nur ein oder zwei. Aber es gab ein paar wirklich gut gelungene Zeichnungen von Indianermumien.“

„Sind die auch in goldene Särge verpackt?“

„Sarkophage? Nein, die gehören nach Ägypten. Die Indianer legten ihre Mumien zumeist in Höhlen, die sie mit Steinen verschlossen, um wilde Tiere fernzuhalten. Andere Stämme haben Grabkammern in den Fels gehauen. Im Lauf der Jahre sind dabei mehrstöckige Friedhöfe in den Felswänden entstanden. Auf dem Foto sah das aus wie eine Regalwand aus Schweden.“

„So ein Regal hatte ich auch mal. Meinst du, die Schweden haben sich das bei den Indianern abgeschaut?“

„Möglich“, sagte ich, ohne genauer darüber nachdenken zu wollen. „Weil man die in den Fels geschlagenen Grabkammern nur noch über Leitern erreichen konnte, mussten sie nicht verschlossen werden. Je trockener die Gegend war, umso besser für die Mumien. Vor allem trockener Wind hat die Leichen ganz schnell mumifizieren lassen.“

„Die haben ihre Toten zum Trocknen aufgehängt wie unsereins die Wäsche im Garten?“

„So in etwa. Ein paar Stämme haben ihre bandagierten Mumien mit roter Tonerde bestrichen und in die Sonne gelegt. Nach dem Trockenvorgang waren die regelrecht in Ton gebacken. Entweder hat die rote Farbe bis heute nichts von ihrer Leuchtkraft eingebüßt, oder sie haben die Mumien vor dem Fototermin mit Klarlack bestrichen.“

„Schade, dass du kein Foto dabei hast, Ron. Diese Indianermumien hätte ich auch gern mal gesehen. Ich kenne leider nur Bilder von ägyptischen Mumien. Ein paar von denen sollen verflucht gewesen sein. Hat man aber erst bemerkt, nachdem die Leute, die ihre Gräber geplündert haben, auf mysteriöse Weise gestorben sind.“

„Glaub mir, diese angeblichen Flüche der Pharaonen können nicht im Geringsten mit dem mithalten, was die Indianer sich haben einfallen lassen, um die Ruhe ihrer Toten zu schützen. Nichts ist schlimmer als der Fluch einer Indianermumie.“

„Ist nicht wahr.“

„So wahr, wie ich hier liege.“ Ich spürte ein leichtes Frösteln und zog meine Decke hoch bis unters Kinn.

„Hast du schon eine gesehen?“, fragte Jimmy. „Mit eigenen Augen, meine ich?“

„Hab ich.“ Ich schluckte. „Glaub mir, das ist kein schöner Anblick. Ich würde viel dafür geben, um ihn wieder aus meinem Gedächtnis zu löschen.“ In diesem Augenblick kam mir Jimmys Alzheimer wie ein Silberstreif am Horizont vor, den ich zu erreichen versuchte.

„War sie verflucht?“ Jimmys Stimme verriet aufkommende Begeisterung für das Thema.

„So verflucht, wie eine Mumie nur sein kann.“

„War sie gefährlich? Ist dir etwas passiert?“

„Mir nicht“, sagte ich schwermütig. „Ich hatte wohl einfach zu viel Glück... Ja, vermutlich bin ich ein Riesenglückspilz, weil ich heute noch lebe. Sieh mich an!“ Ich klopfte mir unter der Decke auf die Brust. „Ron hat sich mit einer verfluchten Indianermumie angelegt und trotzdem überlebt. Das können bestimmt nicht viele von sich behaupten. Ich sollte mich wie ein Held fühlen. Aber weißt du was, so fühlt es sich nicht an. Überhaupt nicht.“

„Wie fühlt es sich denn an?“

Ich überlegte, suchte nach den richtigen Worten, die meine Gefühle so beschreiben konnten, dass Jimmy mich verstand. Schließlich sagte ich: „Schlecht. Ich fühle mich wie ein schlechter Mensch.“

„Das bist du nicht, Ron!“, widersprach Jimmy mit Nachdruck. „Nicht du! Du bist der beste Freund, den ich hier drin habe. Du bist ein guter Mensch. Keiner kann so etwas besser beurteilen als ich.“

Ich überlegte, mit den Schultern zu zucken, doch Jimmy hätte es ohnehin nicht gesehen. Also schwieg ich einfach.

Es war eine bedrückende Stille, die eine viel zu lange Weile anhielt.

„Ich glaube, Dr. Knox hat recht, Ron. Du solltest dir die Geschichte von der Seele schreiben. Je schneller, umso besser, sonst frisst sie dich auf.“

„Vielleicht hat sie das längst“, murmelte ich. „Wäre ich sonst hier?“

„Unsinn! Meinst du, Dr. Knox hätte dir Hilfe angeboten, wenn sie nicht davon überzeugt wäre, dass du es schaffen kannst? Keine Ahnung, was dich so plagt, aber sie kann dir helfen. Denn wenn überhaupt noch jemandem hier drin geholfen werden kann, dann dir. Sie hat das erkannt. Sie mag dich.“

„Meinst du?“

„Meine ich!“

Ich lächelte. „Würdest du mir einen Gefallen tun?“

„Sicher.“

„Kannst du sie morgen fragen, ob sie verheiratet ist?“

„Verheiratet oder vergeben?“ Ich konnte Jimmys breites Grinsen förmlich hören.

„Find einfach raus, ob sie besetzt ist.“

„Geht klar, Ron. Noch was?“

„Gute Nacht, Jimmy.“

„Gute Nacht!“ Jimmy senkte die Rückenlehne seines Betts wieder ab und schüttelte sein Kopfkissen auf. Dann wurde es still.

Nach einer Weile, ich war gerade am Einschlafen, hörte ich noch einmal Jimmys Stimme. „Ron?“

„Ja?“, murmelte ich schlaftrunken.

„Danke fürs Gespräch. Du weißt echt eine Menge über Mumien.“

Ich antwortete nicht gleich. „Genau das ist mein Problem, Jimmy... Ich weiß zu viel über sie.“