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SACER SANGUIS MANIAC - Mummy Island
Kapitel 15


Sanatorium, Aufenthaltsraum:

Es regnete.

Ich denke, Sie werden mir recht geben, wenn ich behaupte, dass keiner erfreut ist, wenn es ausgerechnet am eigenen Geburtstag regnet. Bei anderen mag man das noch verzeihen, aber beim eigenen...

Jimmy war in dieser Hinsicht erstaunlich tolerant. Sein Geburtstag fiel in diesem Monat schon zum dritten Mal auf einen Regentag und er hatte dennoch große Freude mit seinen Geschenken. Selbst das Papier, das vom vielen Ein- und Auspacken schon Risse hatte, störte ihn nicht.

„Vorsicht mit dem Papier!“, mahnte Melvin. „Sonst können wir es beim nächsten Mal nicht mehr verwenden.“

Ich hatte die Idee gehabt, dass wir darauf wetten sollten, welches Päckchen Jimmy diesmal zuerst öffnen würde. Sie können sich bestimmt nicht vorstellen, wie nervenzerfetzend es ist, einem Haufen Verrückter beizubringen, wie ein Buchmacher zu seinen Quoten kommt. Ich habe es aufgegeben - obwohl ich gewonnen hätte!

Jimmy hatte das erste Geschenk aus dem Papier befreit und freute sich wie ein kleines Kind. „Ein Waschlappen! Ein blauer Waschlappen! So einen wollte ich schon immer haben. Wie konntet ihr das nur wissen?“

Eugen und ich nickten einander vielsagend zu. „Wir sind eben gute Zuhörer“, sagte ich und drückte das Geburtstagskind an mich. „Alles Gute, Jimmy!“

„Danke!“

„Das grüne Päckchen ist von Victor und mir und...“ Melvin beugte sich mit verschwörerischer Miene zu Eugen, als wollte er sich von jemandem einflüstern lassen, der auf Eugens Schulter saß. „...und vom Teufel, der sicher ist, dass er dich nie in der Hölle begrüßen wird, weil du so ein supernetter Kerl bist, der auf jeden Fall in den Himmel kommt.“

„Danke, ihr seid so nett.“ Jimmy grinste wie das legendäre Honigkuchenpferd.

„Schau rein!“, drängte Melvin und klopfte nervös gegen Victors Rollstuhl.

Jimmy öffnete das Päckchen der beiden und staunte nicht schlecht.

„Das sind Karten für die Ehrentribüne!“, erklärte Melvin stolz. „Für das nächste Poohbär-Konzert in der Stadt.“

„Winnie-Pooh kommt in die Stadt?“ Jimmy schien sein Glück gar nicht fassen zu können. „Seid ihr sicher?“

„Er muss einfach kommen! Jetzt, wo du schon Karten für sein Konzert hast.“ Melvins bestechender Logik durfte sich selbst eine Ausnahmepersönlichkeit wie der Poohbär nicht widersetzen. „Victor und ich haben sie selbst gemalt. Letzte Woche in der Gruppentherapie.“

Jimmy kämpfte mit den Tränen. „Ihr seid so nett zu mir.“

„Bei mir war’s leider etwas knapp, weil wir uns noch nicht so lange kennen und ich deshalb nicht wusste, dass du heute Geburtstag hast.“ Trapper-Fox machte einen Schritt nach vorn. Er hielt einen Gummibecher, auf den er seine flache Hand wie einen Deckel presste. „Ich hätte ihn gern noch bunt verpackt, aber er ist mir erst vor wenigen Minuten in die Falle gegangen. Der viele Regen auf der Terrasse hat ihn verschreckt. Ich hoffe, du magst ihn trotzdem.“

Jimmy reagierte ein wenig verunsichert. „Ist er gefährlich? Beißt er mich?“

„Aber nein!“, beteuerte der Fallensteller, dem völlig zu Recht der Ruf vorauseilte, jedes Großwild fangen zu können, das auf dieser Erde kreuchte und fleuchte. „Es ist nur ein Schmetterling. Der beißt nicht.“

„Sehr gut“, sagte Jimmy erleichtert und wollte schon nach dem Becher greifen.

„Aber Vorsicht!“, bremste Trapper-Fox. „Er kann stechen, wenn er Hunger hat.“

Es gibt Momente, die lassen sich nur schwer beschreiben, sofern man sie nicht selbst miterlebt hat. Wenn eine Gruppe von Verrückten plötzlich einen aus ihrer Mitte so ungläubig anstarrt, als wäre nur er verrückt, dann ist das genau so ein Moment.

„Ein Schmetterling?“, unkte Melvin, der Trapper-Fox sowieso nicht leiden konnte.

„Ein Vampirschmetterling!“, bekräftigte Trapper-Fox seine Vormachtstellung als Großwildjäger entschlossen. „Wenn er Hunger hat, kann er dich stechen wie eine Mücke und saugt dein Blut. Aber das tut nicht weh.“

Jimmy verzog das Gesicht. Ich will den Ereignissen nicht vorgreifen, aber ich glaube, das war das mit Abstand blödeste Geburtstagsgeschenk, das er diesen Monat erhalten hat.

Auch Trapper-Fox hatte bemerkt, dass sein Geschenk nicht den gewünschten Anklang fand. „Aber noch lieber als Blut mag er leckere Früchte. Wenn du ihm immer genug Obst in seinen Becher wirfst, lässt er dich in Ruhe.“ Er zog seine Hand vom Becher und instinktiv machten alle einen Schritt zurück, als könnte der Leibhaftige daraus entweichen.

„Im Moment hält er Winterschlaf“, erklärte Trapper-Fox mit professioneller Gelassenheit. „Schmetterlinge und Regen vertragen sich nicht.“

Mein Magen krampfte sich zusammen. Zum Glück fiel keinem auf, wie sehr mir Trapper-Fox‘ Geschichte an die Innereien ging. Für einen Verrückten wusste er erstaunlich gut Bescheid über das, was an den entlegensten Orten dieser Erde auf der Lauer lag. Bereit, auch Blut zu saugen, wenn es gerade keine Früchte gab. Manchmal bevorzugte es Blut sogar, wenn sich die Gelegenheit dazu bot. Dann, wenn ein paar ahnungslose Menschen so unvorsichtig waren, sich einer Insel zu nähern, die andere aus gutem Grund immer schon gemieden hatten.