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SACER SANGUIS MANIAC - Mummy Island
Kapitel 16


Fahrt nach Mummy Island.

Ron hatte in den vergangenen Tagen eine Menge Dinge erledigt, die im Zusammenhang mit der Reise standen. Dadurch hatte sich auch die Beziehung zu Alfons Bedminster intensiviert. In der Zwischenzeit fand auch Ron, dass sie mehr von einer Männerfreundschaft hatte als von einer Geschäftspartnerschaft. Alfons war immer schon unkompliziert und zuvorkommend gewesen, aber neuerdings überwog eindeutig das Kumpelhafte.

„Wie gefällt es Ihnen bis jetzt?“ Alfons saß an Deck des gecharterten Boots, das aussah wie ein für Touristenrundfahrten umgebauter Fischkutter.

„Hat schon was von Urlaub!“ Tobi im knallbunten Hawaiihemd hatte sich ein zusammengerolltes Handtuch unter den Kopf gelegt und blickte in den stahlblauen Himmel. „Jetzt habe ich endlich Gelegenheit, das Buch zu lesen, das meine Schwester mir zum Geburtstag geschenkt hat.“

„Buch?“, fragte Bedminster verwundert.

„Ist noch im Koffer. Das hebe ich mir für die Regentage auf.“ Tobi grinste.

„Ich hoffe doch, dass es mehr als nur ein netter Ausflug wird.“ Spyridon lugte über den Rand seiner schwarzen Sonnenbrille. „Ich habe einige Termine verschieben müssen, um die Einladung annehmen zu können. Da sollte am Ende mehr für mich herausspringen als nur ein Sonnenbrand.“

„Sie sind noch genau so, wie ich Sie vor zwanzig Jahren kennengelernt habe, Spyridon“, lachte Alfons. „Immer das Geschäft im Kopf.“

„Ich lebe vom Verkaufen“, gab der Grieche zurück. „Aber wenn wir auf der Insel genug Schmetterlinge finden, die ich zu Geld machen kann, will ich nichts gesagt haben.“

„Machen Sie sich darüber keine Sorgen.“ Alfons nahm sich eine Bierflasche aus der Kühlbox. „Ein Schmetterling kommt selten allein. Würde mich nicht wundern, wenn wir bei der Gelegenheit auch gleich ein paar neue Arten entdecken. Was meinen Sie, Professor?“

Keine Reaktion.

„Professor?“, wiederholte Alfons eine Spur lauter.

Unter dem ausgefransten Strohhut kam ein faltiges Gesicht mit Rauschebart zum Vorschein, als der Professor von seinem Buch aufblickte. „Ja, bitte?“

„Ich habe Spyridon gerade erklärt, dass es auf der Insel bestimmt noch ein paar unentdeckte Arten gibt, die nur darauf warten, von Ihnen beschrieben zu werden.“

„Das will ich doch sehr hoffen.“ Prof. Dehli klappte sein Buch zusammen und setzte seine Lesebrille ab. „Sonst hätte ich den ganzen Weg umsonst gemacht.“

Alfons zeigte lachend auf den Professor. „Er hat seine halbe Bibliothek an Bord bringen lassen, um bei Bedarf die registrierten Arten nachschlagen zu können. Bier für Sie, Professor?“

Dehli verneinte. „Kein Alkohol. Mein Arzt hat sich da leider sehr genau festgelegt.“

„Bier ist doch kein Alkohol!“ Tobi lachte laut auf. „Bier ist nicht viel stärker als Mineralwasser, es schmeckt nur hundertmal besser.“

„Erklären Sie das meinem Hausarzt, und ich gebe Ihnen auf der Stelle einen aus.“ Alfons strich belustigt über seinen Bauch. „Mir will er es verbieten, weil es mich dick macht. Bin ich dir zu dick, Claudia?“

„Frag mich das nochmal nach dem Mittagessen!“ Claudia kam vom kleinen Ruderhaus zurück, wo sie der Unterhaltung gelauscht hatte, die Ron immer noch mit dem Kapitän führte.

„Touristen sind eindeutig das bessere Geschäft“, erklärte der dunkelhäutige Kapitän, der neben Englisch, Spanisch und Deutsch auch noch ein paar Brocken Portugiesisch konnte, wie er stolz erzählt hatte. „Vom Fischfang könnte ich schon lang nicht mehr leben.“ Er zeigte auf ein Foto, das vor ihm an eine Fensterstrebe gepinnt war. „Ich habe Familie. Eine Frau und sechs Kinder, um die ich mich kümmern muss.“

„Und ein paar Freundinnen, wie es aussieht“, witzelte Ron und zeigte auf die Bilder daneben. Zweitklassige Pin-up-Girls in Postkartengröße.

„Das sind meine Glücksbringer“, entgegnete der Kapitän lachend. „Die sind so hässlich, dass nicht einmal Neptun sie haben möchte. Solange sie hier hängen, fühle ich mich sicher.“

„Verstehe.“ Ron musste schmunzeln. „Bringen Sie öfter Leute auf die Insel?“

„Mummy Island?“ Der Kapitän schüttelte den Kopf, als hätte Ron etwas besonders Dummes gefragt. „Bestimmt nicht! Sie sind die Ersten in acht Jahren, die sich das antun wollen.“

„Antun?“

„Freiwillig einen Fuß auf Mummy Island zu setzen. Es soll schon Leute gegeben haben, die dort waren, aber ich weiß von keinem, der zurückgekommen ist.“

„Haben Sie das Geld für die Rückfahrt deshalb schon im Voraus kassiert?“ Ron wollte witzig klingen, aber in seiner Stimme schwang leichte Besorgnis mit.

„Unter anderem.“ Der Kapitän verringerte das Tempo ein wenig. „Untiefen!“, erklärte er. „Die Gewässer rund um Mummy Island sind nichts für Anfänger. Jedenfalls nicht bei Ebbe. Sehen Sie die Felsen da vorn?“

Rons Blick folgte dem ausgestreckten Zeigefinger des Kapitäns. Knapp unter der Wasseroberfläche konnte er dunkle Flecken ausmachen.

„Man muss wissen, dass sie da sind, denn wenn man darüberfährt, ist es schon zu spät. Der Fels ist vulkanisch und messerscharf. Ritzt einem die Bootswand auf und lässt einen absaufen, bevor man SOS funken kann. Bei Flut kein Problem, aber die fängt gerade erst an.“

„Sind wir zu früh?“, wollte Ron wissen.

„Lieber langsam hin, aber dafür schneller wieder weg.“ Der Kapitän steuerte das Boot geschickt zwischen mehreren dunklen Stellen im Wasser hindurch.

„Sie mögen Mummy Island nicht“, sagte Ron und ließ sein Unverständnis durchklingen.

„Ist Ihnen das aufgefallen? Glauben Sie mir, da bin ich nicht der Einzige.“ Der Kapitän schnaubte abfällig. „Schon als Kinder haben unsere Großeltern uns erzählt, dass die Insel verflucht ist. Nicht nur Mummy Island, auch ihre Kinder.“

„Kinder?“

„So nennt man die sieben kleineren Inseln, die sich um ihre Mummy drängen. Das klingt so kitschig, dass man glauben könnte, es stammt aus einer Gutenachtgeschichte. Aber dem ist nicht so. Die Geschichten, die uns unsere Großeltern über die Insel erzählt haben, waren nicht zum Einschlafen gedacht. Sie sollten uns warnen, damit wir nicht so dumm sind und leichtfertig unser Leben aufs Spiel setzen.“ Er blickte zu Ron. „Nichts für ungut.“

„Was ist das für eine Art von Fluch?“

„Ein Indianerfluch. Übelste Sorte! Vertrauen Sie mir, zu genau wollen Sie es gar nicht wissen.“

„Sie wirken auf mich nicht so wie ein naiver Eingeborener, der an Märchen von verhexten Indianern glaubt.“ Er zog eine Augenbraue hoch. „Nichts für ungut.“

Der Kapitän nickte brummig. „Na schön! In ein paar Stunden werden Sie sowieso am eigenen Leib erfahren, ob an dem Fluch was dran ist. Mummy Island ist unbewohnt, das ist Ihnen klar?“

Ron bejahte.

„Ziemlich ungewöhnlich für eine Paradiesinsel, finden Sie nicht?“

„Paradiesinsel?“

„Es gibt auf Mummy Island eine Reihe von essbaren Früchten und sogar eine Süßwasserquelle. Mit einem kleinen Boot und einem Netz könnte man außerdem ganz leicht Fische fangen und gut über die Runden kommen. Es macht nur niemand. Kein Mensch lebt auf Mummy Island, aber das ist noch nicht alles. Es gibt auch keine Viecher. Nicht einmal Ratten! Nur ein paar Vögel und Schmetterlinge. Viele Schmetterlinge.“

„Eine unbewohnte Insel ist aus meiner Sicht kein Nachteil. Ich weiß nicht, wo Sie aufgewachsen sind, aber ein Großstädter wie ich weiß ein paar Tage Ruhe durchaus zu schätzen.“

„Ruhe können Sie dort jede Menge finden. Die ganze Insel ist so ruhig wie ein Friedhof.“ Der Kapitän sah ihn mit eindringlichem Blick an.

Ron merkte, dass er schluckte, und lenkte das Thema zurück auf etwas Erfreuliches: „Interessieren Sie sich für Schmetterlinge?“

„Nicht unbedingt. Aber ich habe gehört, dass bestimmte Exemplare ganz wertvoll sein können. Manche Sammler in Europa sollen verrückt danach sein.“

„Verrückt nach Schmetterlingen?“ Ron schmunzelte und tat so, als hätte der Kapitän ihm gerade etwas völlig Neues erzählt.

„Wissen Sie, wie Schmetterlinge in manchen Kulturen auch genannt werden?“ Der Kapitän drückte einen Knopf und irgendwo im Bauch des Boots nahm eine rostige Bilgepumpe ihren Dienst auf.

„Nein. Wie denn?“

„Todesboten. Wenn die Raupen sich verpuppen, erinnert das nämlich an die Hülle von Toten. Das Dasein einer Raupe endet, und ihr Kokon hängt leblos an einem Strauch oder Baum. Monate können vergehen, bevor die Hülle des Toten plötzlich aufbricht und ein Schmetterling herausklettert. Deshalb nennt man sie Todesboten.“

„Ich habe beruflich mit Schmetterlingen zu tun“, erklärte Ron. „Die Metamorphose ist unbestritten ein Wunder der Natur. Aber von einem solch geschmacklosen Vergleich habe ich noch nie gehört.“

„Die alten Indianer wussten davon“, beharrte der Kapitän mit finsterem Blick. „Darum haben sie Mummy Island nie besiedelt. Sie haben die Insel immer nur besucht, um ihre Toten herzubringen.“

Ron zählte eins und eins zusammen, doch das Ergebnis gefiel ihm nicht. „Sie meinen, die ganze Insel ist nichts weiter als ein Indianerfriedhof?“

„O ja! Mummy Island ist ein Friedhof, und was für einer! Man erzählt sich, dass die Indianer auf der Insel ganz spezielle Bestattungsrituale...“ Der Kapitän unterbrach sich, und seine Stimme schlug einen höchst unheilvollen Ton an: „Wussten Sie, dass manche Stämme kein Fleisch von toten Tieren verzehren?“

Ron reagierte irritiert. „Sie meinen, es sind Vegetarier?“

„Keine Vegetarier.“ Der Kapitän schüttelte den Kopf. „Sie verzehren ihr Essen lebend!“

Rons Magen meldete sich.

„Sie sehen blass aus“, bemerkte der Kapitän beiläufig und klopfte prüfend auf seinen Kompass. „Sagen Sie mir jetzt nicht, dass sie seekrank werden!“

„Nein“, entgegnete Ron leise. „Ich stelle mir nur gerade das Gebrüll der armen Tiere vor, wenn sie bei lebendigem...“ Er brach seine Erklärung ab und blickte auf die schaukelnden Bootsplanken.

„Keine Sorge, ich habe gehört, sie schneiden ihnen vorher die Zungen heraus.“

„Wie überaus beruhigend“, widersprach Ron seinem Magen. „Wird der Friedhof immer noch benutzt? Ich meine...“

„Nein. Soweit ich weiß, wurden seit über 200 Jahren keine Indianer mehr auf der Insel beigesetzt.“

„Keine Indianer?“ Ron war die eigenwillige Betonung der Worte nicht entgangen.

„Wie schon gesagt, ich habe noch keinen getroffen, der von der Insel zurückgekehrt ist.“

„Sie haben aber auch gesagt, dass Sie noch nie jemanden hingebracht haben!“

„Ich nicht“, bestätigte der Kapitän. „Aber die Bootsbesitzer, die Ihr Boss gefragt hat, bevor er zu mir gekommen ist. Von denen bringt keiner mehr Touristen nach Mummy Island. Nicht einmal gegen Vorauskasse.“ Er betätigte den Gashebel und der Motor fiel zurück auf Standgas.

Der Kapitän drehte sich um und rief seinen Passagieren über das Deck zu: „Wir sind da! Bitte lassen Sie keine Sachen an Bord liegen. Ich komme erst wieder nächsten Sonntag zurück, um Sie abzuholen. Sobald die Flut einsetzt. Das wird gleich nach Sonnenaufgang sein, also verspäten Sie sich nicht, wir haben nur ein kleines Zeitfenster durch die Untiefen! Bis dahin müssen Sie mit dem auskommen, was in Ihren Taschen ist und dem, was Mummy Island Ihnen zu bieten hat.“ Er wandte sich wieder Ron zu. „War ein nettes Gespräch. Ich bin schon gespannt, was Sie mir bei meiner Rückkehr zu berichten haben.“

Ron verzog das Gesicht, als wäre ihm gerade etwas Bedeutendes klargeworden. „Das war nur ein Scherz!“, sagte er mit einer Mischung aus Erleichterung und Verärgerung. „Sie haben sich bloß einen Ihrer Touristenscherze mit mir erlaubt, und ich bin Ihnen voll auf den Leim gegangen!“

„Nichts für ungut.“ Der Kapitän grinste von einem Ohr zum anderen. „Passen Sie trotzdem gut auf sich auf, denn Mummy Island war früher wirklich eine Friedhofsinsel. Das erklärt vermutlich auch, warum die meisten die Insel immer noch meiden.“

„Spielen Sie jetzt auf das Fünkchen Wahrheit an, das bekanntlich in jeder Legende steckt?“

„Man sollte besser nichts ausschließen.“