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SACER SANGUIS MANIAC - Mummy Island
Kapitel 17


Sanatorium, beim Malkurs:

Malkurs hört sich zunächst nett an. Tatsächlich ist es aber vor allem eine Möglichkeit, um in unsere Köpfe zu blicken. Es funktioniert so ähnlich wie diese Assoziationsspiele bei Bewerbungsgesprächen: Einer sagt ein Wort und der andere muss mit einem Begriff antworten, der ihm spontan dazu einfällt. Zeit ist ein wesentlicher Faktor bei dem Spiel, denn wenn man nicht in Ruhe darüber nachdenken kann, sagt man in der Regel das, was einem als Erstes in den Sinn kommt. Manchmal kann die Wahrheit echt wehtun.

Bei unserem Malkurs verhält es sich ganz ähnlich: Einer gibt ein Thema vor, und wir öffnen den Psychologen unsere Gehirne. Eine harmlose Blume kann wissenschaftlich interpretiert schnell zum hochgiftigen Stechapfel mutieren, der für den Wunsch steht, heimlich zu morden. Oder man malt zu Allerheiligen einen Friedhof mit zentralem Grabstein und schreibt aus falscher Dankbarkeit den Namen seines Lieblingspflegers darauf. Aus solchen Unachtsamkeiten können sie einem hier drin ganz schnell einen Strick drehen.

Die meisten von uns sehen im Malen trotzdem eine nette Abwechslung. Keine Ahnung, ob Sie schon einmal einen Malkurs in der Psychiatrie gemacht haben, aber es läuft bei uns ein wenig anders ab als draußen.

Wir malen nicht auf Leinwände, sondern auf weiße Kunststofftafeln mit abgerundeten Ecken. Die Pinsel sind aus Gummi, damit wir uns nicht damit verletzen können, und ungefähr so fein zu führen wie Silikonpinsel aus der Küche. Picasso hätte das vermutlich gar nicht gestört, aber wenn Sie Van Goghs Sonnenblumen nachmalen wollen, wird es schon eng mit der Linienstärke.

Aus verständlichen Gründen sind die Farben lebensmittelecht und wasserlöslich. In Kombination mit den abwaschbaren Kunststofftafeln bedeutet das, dass keines unserer Kunstwerke die Nacht überleben wird. Wie schon erklärt, geht es nicht darum, einen kulturellen Beitrag für die Nachwelt zu hinterlassen, sondern den Job eines Psychiaters zu rechtfertigen, der in unseren Bildern liest wie eine Kräuterhexe im Kaffeesatz.

Falls ich mich ein klein wenig verärgert anhöre, liegt es daran, dass heute eigentlich ich dran war, das Thema für unsere Bilder zu bestimmen. Nichts gegen Jimmy, und es stimmt natürlich auch, dass er in dieser Woche Dreifachgeburtstag hatte, aber ich würde gern auch einmal etwas abseits von Poohbären und Wassermelonen auf die Leinwand bringen.

Vermutlich hätte ich mich sogar durchgesetzt, wäre im entscheidenden Moment nicht Dr. Knox zu uns gestoßen. Manchmal frage ich mich, ob sie immer nur zufällig auftaucht oder genau weiß, wann sie den Druck auf mich erhöhen muss. Letzteres würde bedeuten, dass sie mich pausenlos im Auge behält - rein beruflich vermutlich. Aber man kann ja nie wissen.

Langer Rede, kurzer Sinn: Ich hatte mich bereits mit dem Gedanken abgefunden, Poohbär beim Verspeisen einer Wassermelone zu malen, als sich die Dinge plötzlich ganz anders entwickelten.

„Wie wäre es, wenn unser Geburtstagskind ein Thema aussucht?“ Dr. Knox zeigte auf Jimmy.

„Ich?“

Dr. Knox nickte ihm lächelnd zu. „Suchen Sie sich etwas aus, das heute gemalt werden soll!“

„Ich weiß nicht... Ich hab das noch nie gemacht.“ Jimmy konnte selbst Dr. Knox dreist ins Gesicht lügen, ohne dabei rot zu werden.

Nur, falls Sie sich fragen, unsere Malgruppe bestand an diesem Tag aus 14 Schülern. 13, wenn man nachgezählt hätte, aber das machte niemand, weil einer von den Vollverrückten allergisch auf die Zahl 13 war. Geleitet wurde der Kurs von einem unserer Pfleger, wobei er auf mich nicht den Eindruck machte, viel Ahnung von Kunst zu haben.

„Frei heraus“, ermutigte Dr. Knox unseren Jimmy. „Was wollen Sie malen?“

Ich rührte mit meinem Silikonpinsel vorsorglich schon kräftig in der gelben Farbe. Poohbären und Wassermelonen konnte ich mittlerweile schon blind malen. Blind und ohne Vorlage.

„Ich will eine Mumie malen!“

Mir fiel vor Schreck fast der Pinsel aus der Hand. Um ein Haar wäre mir ein Fluch rausgerutscht. Fluchen und Schimpfen ist hier drin nicht gern gesehen, müssen Sie wissen. Nur Melvin hat eine Sondergenehmigung.

„Eine Mumie?“, reagierte Dr. Knox erstaunt. „Wie kommen Sie jetzt auf eine Mumie?“

Dieselbe Frage stellte ich mir auch gerade, und ich hoffte, Jimmy würde die Antwort für sich behalten. War er krank? Wobei, in seinem Fall hätte die Frage lauten müssen: War Jimmy genesen? Unser Gespräch über die Mumien war nachweislich schon ein paar Tage her. Es gab also keinen Grund für Overnight-Jimmy, auch nur den Schimmer einer Erinnerung daran zu haben.

„Kann ich nicht sagen“, erklärte Jimmy. „Ist mir einfach so eingefallen.“

Dr. Knox war mindestens so irritiert wie ich. Sie schaute sich im Zimmer um, als hoffte sie, bei einem von uns anderen eine bessere Antwort zu finden.

Ich gab mir alle Mühe, unbeteiligt auszusehen und drückte meinen Silikonpinsel noch fester in die gelbe Farbe.

„Na gut“, hörte ich Dr. Knox sagen. „Dann werden eben Mumien gemalt.“ Sprach‘s und verließ den Raum.

Ich atmete lautstark aus.

„Ich mag Mumien“, verkündete Jimmy zufrieden.

„Ich nicht.“ Trapper-Fox tauchte seinen Pinsel demonstrativ in die violette Farbe. Unwahrscheinlich, dass er Mumien malen würde.

Vermutlich würde keiner von uns brauchbare Mumien malen, so wie auch nie jemand von uns etwas gemalt hatte, das Winnie-Pooh ähnlich gesehen hatte. Für die Psychiater schien das keine Rolle zu spielen. Egal was wir malten, sie würden eine Erklärung dafür finden, warum sie uns weiterhin hierbehalten konnten.

Erkennen Sie mein Problem? Ich bin schlau genug zu wissen, dass Dr. Knox meine Zeichnung heranziehen wird, um auf meine Fortschritte zu schließen. Aber ich kann mir keinen Reim darauf machen, was sie von mir erwartet. Soll ich eine Mumie malen? Will sie das?

Mumien ziehen sich wie ein roter Faden durch meine Krankengeschichte. Am Anfang habe ich sie überall gesehen. Unter dem Bett, auf der Toilette, sogar im Arztmantel des Stationsleiters hatte sich damals ein besonders hässliches und wehrhaftes Exemplar versteckt. Mumien haben mir die erste Zeit in der Psychiatrie zur Hölle gemacht. Kaum versuchten die Ärzte, meine tägliche Tablettendosis auch nur ein wenig zu reduzieren, krochen die bandagierten Untoten wieder aus allen Ritzen und Spalten meines Zimmers.

Wahnvorstellungen, werden Sie jetzt sagen, und ich kann Ihnen niemals das Gegenteil beweisen. Aber es waren keine. Eugen hat Wahnvorstellungen, wenn er mit seinem Schulterteufel spricht, oder Melvin, wenn ihn seine außerirdischen Freunde mit ihren Ufos besuchen kommen. Verrückte haben Wahnvorstellungen. Ich nicht!

„Keine Lust auf Mumien?“ Die Stimme des Pflegers riss mich aus meinen Gedanken.

„Doch, doch“, log ich. „Mir fehlt nur die Vorstellungskraft, wie diese Dinger aussehen.“

„Ungefähr so.“ Er zeigte auf Jimmys Kunstwerk.

Ja, Kunstwerk! Auch jemand ohne meine Vergangenheit hätte Jimmys Malerei sofort als Mumie erkannt. Kein Vergleich zu den gelben Knödeln, die er uns für gewöhnlich stolz als Poohbär-Porträts verkaufte oder den roten Vielecken, die mit Wassermelonen weit weniger Ähnlichkeit hatten als mit einem nuklearen Super-GAU. Aber die Mumie war echt gut.

Ich konnte nicht anders, als respektvoll zu pfeifen.

Auch der Pfleger schien beeindruckt zu sein. „Mumien scheinen Ihrem Freund zu liegen.“

Ich stimmte kopfnickend zu. „Habt ihr Jimmys Mumie gesehen? Die ist ihm wirklich gut gelungen.“

Melvin hatte es sichtlich eilig, sein eigenes Gemälde fertigzustellen und 2-Minuten-Victor war zu sehr damit beschäftigt, seine blaue Farbe mit Speichel zu verdünnen.

„Ich mag keine Mumien“, machte Trapper-Fox einmal mehr seinen Standpunkt klar. „Viel zu schwer zu erwischen mit Lebendfallen. Selbst mit den besten Tricks stehen die Chancen ganz schlecht.“

„Ich wusste gar nicht, dass Sie auch Mumienfallen aufstellen“, sagte der Pfleger.

Ich wusste es zwar auch nicht, aber mir war es keine Erwähnung wert.

„Mache ich auch nicht mehr“, entgegnete Trapper-Fox mit ruhiger Stimme. „Aber wenn ich gezwungen wäre, eine zu fangen, dann ginge es nur mit diesem Köder.“ Er trat einen Schritt zur Seite und gab den Blick auf sein Bild frei.

Mir stockte der Atem.

„Mit einem Schmetterling?“, reagierte der Pfleger mit einer Mischung aus Belustigung und Erstaunen. „Darauf wäre ich als Laie niemals gekommen. Warum kann man Mumien ausgerechnet mit Schmetterlingen fangen?“

„Nicht einfach nur Schmetterlinge!“, belehrte Trapper-Fox mit erhobenem Zeigefinger. „Man braucht dafür genau diese Schmetterlinge.“

„Auf die Farbe kommt es an!“, mimte Eugen den Fachmann für Köderfarben. „Für Mumien muss es ein violetter Schmetterling sein.“ Er blickte bestätigungssuchend zu Trapper-Fox. „Stimmt‘s?“

Es stimmte! Vor meinen Augen begann sich das Zimmer zu drehen. Erst langsam, dann immer schneller. Obwohl ich bereits saß, hatte ich das Gefühl, gleich umzufallen. Wie ein fernes Echo hörte ich Eugen und Trapper-Fox weiter über Mumien und violette Schmetterlinge sprechen.

Sie ahnten nicht, wie richtig sie mit ihrem Unsinn lagen.