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SACER SANGUIS MANIAC - Mummy Island
Kapitel 18


Die Jagd beginnt.

Alfons Bedminster ließ es sich nicht nehmen, den ersten Schritt auf Mummy Island zu setzen. „Schau dir das an, Claudia! Weißer Sand, wie in der Karibik!“ Galant versuchte er, seiner Frau aus dem wackeligen Beiboot zu helfen, wobei es den Anschein hatte, dass sie es war, die ihm den nötigen Halt gab.

In der Folge musste der Kapitän mit seinem Beiboot noch zweimal übersetzen, bis er die sechs Personen samt Gepäck auf der Insel hatte.

Es war nicht zu übersehen, wie klein Mummy Island war. Vom Meer weg erstreckte sich der Sandstrand gerade einmal fünfzehn bis zwanzig Meter. Unmittelbar dahinter wucherte dichter Urwald. Ron schätzte, dass er die ovale Insel zu Fuß in zwei bis drei Stunden umrunden könnte.

„Das sollte alles gewesen sein“, erklärte Alfons mit Blick auf die Gepäckstücke, die sich am Strand türmten.

„Räumen Sie die Sachen lieber rasch von hier weg“, empfahl der Kapitän und stieg wieder in sein Beiboot. „Mit steigender Flut versinkt noch ein schönes Stück des Strands im Meer.“

„Dann ist hier also kein guter Platz zum Campen?“, Claudia schaute sich nach allen Seiten um. Argwöhnisch beäugte sie das Blätterdickicht, das den Dschungel dahinter wie ein Vorhang abtrennte.

Spyridon trat mit dem Fuß prüfend gegen das nächstbeste Grünzeug. „Das sieht schlimmer aus, als es ist. Ein paar kräftige Schläge mit der Machete, und wir haben ganz schnell eine richtige Dschungelautobahn.“

„Ein trockener Platz zum Schlafen würde mir schon reichen“, gab Claudia zurück.

„Passen Sie gut auf Ihr Funkgerät auf!“, warnte der Kapitän und packte mit jeder Hand ein Ruder. „Nässe mögen die Dinger gar nicht.“

„Ich hoffe, wir werden es nicht brauchen“, gab Tobi leichthin zurück.

„Das hoffe ich auch.“ Der Kapitän richtete seine beiden Ruder aus und tauchte ihre Spitzen ins Wasser. „Notfall hin oder her, ich kann die Insel nur bei Flut anlaufen wegen der Untiefen, und der nächste Hubschrauber ist auf dem Festland stationiert.“

„Malen Sie den Teufel nicht an die Wand!“ Ron war bereits damit beschäftigt, das mitgebrachte Gepäck an die Dschungelgrenze zu schaffen.

„Wir passen schon auf uns auf.“ Alfons winkte dem Kapitän zum Abschied. „Sonntag bei Sonnenaufgang erwarten wir Sie zum Frühstück zurück!“

„Ich werde pünktlich sein!“ Der Kapitän legte sich in die Riemen und steuerte den Ankerplatz seines umgebauten Fischkutters an.

„Also mir gefällt’s jetzt schon.“ Tobi ging in die Knie und ließ sich rücklings in den Sand fallen. „Wer weckt mich, wenn das Abendessen fertig ist?“

„In welcher Kiste waren gleich noch mal die Macheten?“, fragte der Grieche.

„Sekunde!“ Claudia wühlte sich durch das Gepäck. „Ich glaube hier... nein... hier!“

„Danke.“ Spyridon wog die Machete in seiner Hand und kam zu dem Schluss, dass sie sich gut anfühlte. „Bitte zurücktreten! Ich möchte unseren Aktionsradius etwas erweitern.“ Er holte aus und ließ die Klinge durch das saftige Grün gleiten. Wie er erwartet hatte, bot die strauchartige Vegetation am Rand des Dschungels kaum Widerstand.

Tobi war indessen wieder aufgestanden und half Ron und dem Professor mit ein paar von den schwereren Packstücken.

„Sind da unsere Zelte drin?“, fragte Tobi.

„Unter anderem“ erwiderte Ron.

„Dann ist auf meiner Seite vermutlich das Schlafzimmer. Es fühlt sich nämlich so an, als würde ich zwei Stockbetten schleppen.“

„Wohl eher die Stangen und Heringe“, entgegnete der Professor mit deutlich weniger Sinn für Humor.

„Schmetterling!“, rief Claudia und zeigte nach oben.

„Vorsicht!“ Ron zog blitzschnell seinen Fuß weg.

„‘tschuldigung“, gab Tobi zurück.

Alfons lachte. „Schatz, ich glaube, es ist besser, wenn du die anderen erst ablenkst, sobald alles ausgepackt und unser Lager aufgeschlagen ist.“

„Hat jemand erkannt, was es war?“, fragte Ron.

„Zu kurz“, entgegnete Tobi.

„Keiner von den lila Faltern, die Sie suchen.“ Claudia machte kein Geheimnis daraus, dass sie sich nicht sonderlich für wissenschaftliche Bezeichnungen interessierte. Sie fand Schmetterlinge einfach nur hübsch anzusehen. „Er war deutlich kleiner und gelb.“

„Zumindest wissen wir jetzt, dass es Schmetterlinge auf dieser Insel gibt“, stellte Tobi fest.

„Ich würde am liebsten sofort loslegen.“ In der Stimme des Professors schwang seine Ungeduld mit.

„Geht mir genauso“, antwortete Alfons.

Spyridon hatte sich von dem gelben Falter am wenigsten ablenken lassen und nicht einmal aufgeschaut, als Claudia gerufen hatte. Vermutlich hätte er durch das Gestrüpp ohnehin nichts gesehen.

Bereits nach wenigen Metern veränderte sich die Vegetation jedoch spürbar. Es war wie ein Schritt in eine andere Welt, als Spyridon das Dickicht hinter sich ließ. Statt Gebüsch, das jeden Zentimeter Boden überwucherte, tat sich vor dem Griechen ein Wald aus Palmen auf. Im Schatten ihrer Kronen hatten es kleinere Pflanzen um einiges schwerer, an ausreichend Licht zu kommen. Nur dort, wo Palmen umgestürzt waren, hatten sich kleine, lichtdurchflutete Inseln gebildet. Spyridon senkte seine Machete und gönnte sich eine kurze Auszeit. Die Anstrengung in der tropischen Hitze ließ den Schweiß nur so aus seinen Poren sprudeln. Zwanzig, bestenfalls fünfundzwanzig Meter hatte er zurückgelegt und war bereits klatschnass. Die schwüle Luft schien mehr Wasser als Sauerstoff zu enthalten.

Spyridon wartete, bis seine Atmung sich wieder etwas beruhigt hatte, ehe er weiter ins Innere der Insel vordrang. Die größer werdenden Abstände zwischen den Palmstämmen erlaubten es ihm, schneller als bisher voranzukommen. Trotzdem blieb der Weg beschwerlich. Alle paar Schritte war ein kräftiger Hieb erforderlich, um eine Ranke oder einen verholzten Trieb aus dem Weg zu schaffen.

„Spyridon?“ Alfons Stimme klang entmutigend nahe, wenn man berücksichtigte, wie sehr der Grieche sich abgemüht hatte, um überhaupt bis hierher zu gelangen.

„Ja!“, rief der Grieche zurück.

„Haben Sie schon einen Lagerplatz entdeckt?“

„Leider nein. Hier ist zwar deutlich weniger Gestrüpp, aber für unsere Zelte reicht es trotzdem noch nicht. So wie es aussieht, wird es vor mir lichter. Gut möglich, dass dort ein Fluss ist oder eine Felsformation. Ich melde mich, sobald ich mehr weiß.“

„Verstanden.“

Ron und die anderen hatten alle Stücke ihrer Ausrüstung bis zur Vegetationsgrenze hochgetragen.

„Das wird hoffentlich reichen.“ Tobi nahm auf einer der metallenen Transportkisten Platz und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Die Hitze ist echt der Hammer. Ich fühle mich, als wäre ich gerade angezogen ins Wasser gesprungen.“

„Genauso nass, aber nicht annähernd so erfrischt“, griff Ron den Vergleich auf.

Prof. Dehli musterte die beiden deutlich jüngeren Männer, die so ausgepowert auf den Kisten hockten wie nach einem Triathlon. „Was haben Sie sich denn unter subtropischem Klima vorgestellt?“

Ron zog die Mundwinkel zu einem kraftlosen Lächeln hoch und dachte an seine Zeit im Schmetterlingshaus zurück. Tropische Temperaturen und hohe Luftfeuchtigkeit hatte er dort das ganze Jahr über gehabt. Im Moment hatte es allerdings gefühlte zehn bis fünfzehn Grad mehr, er musste körperlich arbeiten, und die Meeresluft verschärfte die Umweltbedingungen zusätzlich. Dennoch konnte keine dieser Ausreden erklären, warum der alte Professor das Klima so viel besser wegsteckte als die Jugend.

„Schwitzen Sie überhaupt?“, fragte Tobi vorwurfsvoll.

„Nur wenn ich muss“, entgegnete Dehli, nahm seinen Strohhut ab und fächerte sich feuchtwarme Luft zu.

„Einer von uns sollte Spyridon folgen und ihm bei der Suche nach einem Lagerplatz helfen“, schlug Alfons vor.

„Bombenidee!“, stimmte Tobi schnaufend zu. Sein Hawaiihemd klebte an ihm wie eine zweite Haut. „Wollen wir Stöckchen ziehen?“

„Bei solchen Spielen verliere ich immer“, stellte Ron fest.

„Noch ein Grund mehr für mich, es darauf ankommen zu lassen“, folgerte Tobi. „Freiwillig rührt sich mein Hintern nämlich nicht mehr von der Stelle.“

„Bier?“, fragte Claudia und zeigte auf die Kühlbox.

Tobis Augen leuchteten auf. Wie von einem magischen Energieschub getroffen, beugte er sich nach vorn. „Das nenne ich einen Vorschlag!“

„Selbstabholung“, sagte Claudia und ließ sich müde in den Sand sinken.

„Was für ein mieser Trick“, brummte Tobi.

Ron gab Tobi einen leichten Stoß, um ihm das Aufstehen zu erleichtern. „Seien Sie ein besserer Mensch als ich, und bringen Sie mir auch eins mit.“

„Ja, ja, immer...“

Ein Aufschrei unterbrach Tobis Gemurmel.

Alle fuhren herum. Es war unmöglich, etwas im Dschungeldickicht zu erkennen, das den Griechen verschluckt hatte.

„Spyridon!“, rief Alfons.

„Spyridon!“ Ron konnte selbst kaum glauben, wie schnell er auf die Beine gekommen war. „Was ist los?“

Ein banger Moment des Wartens.

„Spyridon!“, brüllte Tobi und steuerte auf die Schneise zu, die der Grieche in den Dschungel geschlagen hatte.

Erneut kurze Stille.

„Ja!“, meldete Spyridon sich endlich. „Ich bin hier!“ Durch das dichte Blattwerk klang er weiter entfernt, als er war. In seiner Stimme schwang Verärgerung mit.

„Was ist passiert?“, drängte Alfons.

„Keine Ahnung.“ So wie es sich anhörte, befand der Grieche sich schon wieder auf dem Rückweg. „Ich glaube, mich hat etwas gebissen.“

„Sind Sie schwer verletzt?“ Claudia und Alfons griffen gleichzeitig nach dem Rucksack mit dem Verbandskasten.

„Ach was“, knurrte Spyridon und trat wenig später aus dem Dickicht. Er presste sich seine Hand auf den Nacken. „Nur ein Kratzer, aber er brennt ganz ordentlich.“

„Um Himmels willen, Sie bluten ja.“ Claudia hatte den Verbandskasten geöffnet und holte vorsorglich schon einmal die Jodtinktur heraus. „Lassen Sie sehen!“

„Es ist nichts“, wehrte der Grieche ab. „Mich hat nur irgendein blödes Vieh erwischt.“

„Dann muss die Wunde erst recht desinfiziert werden“, beharrte Claudia.

„Haben Sie es gesehen?“, fragte Tobi.

Der Grieche verneinte und setzte sich auf eine der Ausrüstungskisten. Als er seine Hand betrachtete, war sie blutverschmiert. „Nicht richtig.“

„Hoffentlich war das keine giftige Schlange.“ Claudia tupfte vorsichtig die Wunde ab.

„Unmöglich“, entgegnete Alfons. „Ron und ich haben uns im Vorfeld genau erkundigt. In dieser Gegend gibt es keine Giftschlangen.“

„Das hört ja gar nicht mehr auf zu bluten“, bemerkte Claudia.

„Es war keine Schlange“, stellte Spyridon klar. „Es hat mich von hinten erwischt, als ich auf einer Lichtung war. Ich hab seinen Schatten gesehen, als es weggeflogen ist.“

„Geflogen?“ Tobi verzog ungläubig das Gesicht. „Dann war es ein Vogel?“

„Keine Ahnung“, knurrte Spyridon. „Es ging alles viel zu schnell.“

„Wie groß war es?“, fragte Ron.

„So groß wie ein Spatz, vielleicht auch größer.“ Spyridon zuckte mit den Schultern.

„He!“, rief Claudia. „Ruhig halten, sonst wird das nichts.“

Ron und Tobi tauschten verunsicherte Blicke.

„Was sagt die Krankenschwester?“, fragte Alfons.

„Schaut mir nicht nach einem Biss aus. Könnte ein Stich sein, wahrscheinlich von einem Insekt.“

„Ein stechendes Insekt, das größer ist als ein Spatz?“ Tobi schmeckte gar nicht, was er sich da sagen hörte.

„Keine Ahnung, wie groß es war“, zischte Spyridon sichtlich gereizt. „Es hat mich einfach nur blöd erwischt, keine große Sache. Pflaster drauf und Schwamm drüber!“

„Sehe ich auch so.“ Claudia verschraubte die Jodtinktur und griff zu einem Pflaster. „Die Blutung hat bereits aufgehört. Man sieht nicht mehr als bei einer Einstichstelle nach dem Blutspenden.“

„Fragt sich nur, wem er sein Blut gespendet hat“, murmelte Tobi und rieb sich den Nacken.